Als Richard Nixon im Februar 1972 als erster amerikanischer Präsident die Volksrepublik China besuchte, markierte dies einen Wendepunkt in den Beziehungen des Landes zu den USA. "The week that changed the world", wie Nixon seine Reise nannte, beendete ein Vierteljahrhundert Feindschaft zwischen den beiden Staaten, veränderte den Lauf der Geschichte – und löste im hintersten Winkel Niederbayerns ein kleines Nachbeben aus.

Denn im beschaulichen Loizersdorf im Bayerischen Wald sah sich der Steinmetz Ludwig Söldner – genannt Wiggerl – durch Nixon um seinen Triumph als erster Chinareisender gebracht. Seit 1957 hatte er sich beharrlich um eine Einreiseerlaubnis bemüht, um Land und Leute kennenlernen zu können. Ebenso beharrlich lehnte die chinesischer Seite ab.

Nun aber riss Söldner der Geduldsfaden. "Herr Nixon hat sicherlich nicht fünfzehn Jahre lang Briefe geschrieben, bis er sein Visum bekommen hat. Wenn Ihr jetzt meinen Wunsch nicht erfüllt, kündige ich Euch meine Freundschaft. Hochachtungsvoll, Söldner, Ludwig", schrieb er – und bekam ebenso prompt wie unerwartet einen positiven Bescheid vom chinesischen Reisebüro Lüxhingshe zurück, das ihn bat, sich mit der Botschaft in Bern in Verbindung zu setzen.

Ein Koffer voller Schinken

So forsch der 61-jährige Söldner bislang auch aufgetreten war, so mulmig war ihm zumute, als er seine Reise von Berlin aus in einem Abteil der "harten Klasse" der Transsibirischen Eisenbahn antrat. Das Reisegeld hatte er sich über Jahre vom Mund abgespart. Einen Koffer gefüllt mit Schinken, Zwieback, Tee-, Kaffee- und Milchpulver hatte er mit dabei.

Beides würde er nicht brauchen: Am Bahnhof in Peking wurde der niederbayerische Steinmetz empfangen wie ein Staatsgast – mit Übersetzer, Chauffeur und Staatskarosse. Was der Freund Chinas denn zu sehen wünsche, wurde er gefragt. "Dasselbe Programm wie der Nixon, aber dazu noch einen Steinbruch", war seine Antwort.

So voll sei das Programm gewesen, dass er kaum zum Durchschnaufen komme, schrieb Söldner in die Heimat. "Ich bin immer unterwegs. Die Chinesen verstehen da keinen Spaß." Ob Kaiserpalast oder Chinesische Mauer, ob Textilfabrik, Teppichknüpferei, Arbeiterwohnung, Schule oder Kinderheim: Vorgefahren wurde der Bayer in Bundlederhose und grünem Trachtenjanker im schwarzen Wagen. Empfangen wurde er in allen Ehren, mit Sonderführungen und Festprogramm.

Ein unpolitischer Staatsgast

So kam der Arbeiter aus dem Bayerischen Wald auch der Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen der BRD und China knapp zuvor.

Nur um Politik ging es bei seiner Reise nicht, wie Söldner selbst nicht müde wurde zu betonen. "Ich bin für Verständigung und Frieden um jeden Preis", sagte er. "Ich gebe jedem die Hand, ohne darauf zu achten, ob seine Hautfarbe weiß, schwarz oder gelb ist. Schon gar nicht frage ich nach der politischen Einstellung."

Erst spät erfuhr er, dass er ein Diplomatenvisum erhalten hatte. "So etwas war noch nie da", schrieb er in einer Artikelserie für die Altbayerische Heimatpost. "Wenn ich möchte, würde ich ohne zögern auch nach Lhasa in Tibet fliegen können. So kann es gehen, wenn man die richtige Sache im richtigen Moment mit beiden Händen am Schopf packt."

Wer genau den entscheidenden Hebel in Bewegung gesetzt und ihm diese Reise ermöglicht hatte, wird Söldner nie erfahren. Es sei ein "großer Mann" gewesen, ließen ihn die Dolmetscher wissen, der eine Konferenz einberufen und vorgeschlagen habe, den "hartnäckigen" Ludwig aus Westdeutschland einzuladen.