An­th­ro­po­so­phie : Erfolgreich mit Karma, Ausdruckstanz und Scheinmedizin
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Es gibt kaum ein Thema, zu dem Steiner nichts einfällt

Die Neugründung ist ganz auf Steiner zugeschnitten, auch wenn er kein Vorstandsamt innehat. Nicht nur stammt der Begriff Anthroposophie – sinngemäß: Weisheit vom Menschen – von ihm, er wird auch Ehrenpräsident. Stenografen schreiben jeden seiner rund 6.000 Vorträge mit. Ein großer Teil der Steinerschen Schriften besteht aus solchen von ihm nicht mehr bearbeiteten Protokollen.

Es gibt kaum ein Thema, zu dem der "Geisteswissenschaftler" nichts zu sagen hätte. Aus seinen Ideen entstehen der biologisch-dynamische Landbau, die anthroposophische Medizin, die Christengemeinschaft als religiöse Konfession. Steiner erfindet die Bewegungskunst Eurythmie, eine Art spiritueller Ausdruckstanz, und propagiert eine soziale Dreigliederung, die Trennung von Kultur, Staat und Wirtschaft. Auf Bitten von Emil Molt, Direktor der Waldorf-Astoria-Zigarettenfabrik in Stuttgart, entwickelt Steiner 1919 für die Arbeiterkinder die erste Waldorfschule. 1926 kommt dank der Initiative anderer Anthroposophen – Steiner ist 1925 gestorben – der erste Waldorfkindergarten hinzu. Heute gibt es weltweit mehr als 1.000 solcher Schulen und rund 2.000 Kindergärten.

Viele Gedanken Steiners bleiben skizzenhaft, andere verbergen sich hinter seiner verquasten Sprache. Diese Interpretationsfähigkeit zusammen mit dem für Gurus untypischen Appell Steiners an seine Anhänger, seine Thesen eigenständig weiterzuentwickeln, sind wohl das Geheimnis ihres Erfolges. Sie überleben die vielen Streitereien in der Anthroposophischen Gesellschaft ebenso wie deren Verbot durch die Nationalsozialisten. Nach den Lehren von Madame Blavatsky dagegen kräht heute kaum noch ein Hahn.

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Kommentare

70 Kommentare Seite 1 von 8 Kommentieren

Bestätigung

Ihr Kommentar bestätigt die mangelnde Bereitschaft zur Aufarbeitung. Eindeutig antisemitische Aussagen Steiners wie das o.g. lassen sich kaum mit "Das war halt damals normal" beschönigen. Auch gab es bis in die 90er Jahre immer wieder Vorfälle von Rassismus und Antisemitismus an Waldorfschulen.

Möglicherweise hat sich Steiner in sich widersprüchlich zu dem Thema geäussert oder im Laufe der Zeit seinen Standpunkt geändert. Allerdings scheint es, als ob ein solches Ergebnis in anthroprosophen Kreisen nicht akzeptabel ist, da es die Reinheit der Lehre anzweifelt.

Jedem seine Vorurteile

Als Kind war ich sowohl auf einem Gymnasium als auch auf einer Waldorfschule.
Antisemitische Äußerungen von Lehrern hörte ich in der 60 ´er Jahren von einzelnen Lehrern auf dem Gymnasium, auf der Waldorfschule nie.
Dass Steiner den Zionismus mit seinem Streben nach einem Staat im Gebiet der Palästinenser kritisch sah, ist vielleicht sogar nachvollziehbar, zumal diese Äußerungen vor der schrecklichen Hitlerei fielen. danach wären diese sicher auch anders ausgefallen.
Spekulationen, klar. Antisemitismus aber war das bei ihm nie! Eher die Sorge vor geopolitischer Verwerfungen.
Wenn einzelne Knalltüten an Waldorfschulen wirklich antisemitischen Blödsinn von sich gegeben haben, wäre das genau so bedauerlich wie die erwähnten Äußerungen der Gymnasiallehrer.
Beides hätte weder mit den Gymnasien noch mit den Waldorfschulen insgesamt etwas zu tun.

Eine Frage des Stellenwerts

Gegen eine Zunahme des Wohlbefindens von Patienten durch die Integration esoterischer (gesamtheitlicher) Praktiken ist sicher nichts einzuwenden wenn es in einigen Fällen eine schnellere Genesung verspricht. Aber was sind die Konsequenzen wenn wir zweifelsfrei unwissenschaftliche Methoden mit der klassischen Schulmedizin auf eine Stufe stellen? Wäre es nicht sinnvoller verstärkt Psychosomatik zu erforschen und nach Methoden zu suchen den Placeboeffekt unabhängig von der spezifischen Weltanschauung des Patienten nutzen zu können?

Auch frage ich mich ob der BIO Wahn so eine gute Sache ist. Wenn es um Tierschutz geht ist die Sache recht klar. Aber müssen wir, um den Bedarf zu decken Bioprodukte zB aus Afrika importieren und die Bauern dadurch zB zwingen auf Malariaschutzmittel zu verzichten da diese mit unseren Bionormen nicht konform gehen?

Gerade in der zunehmenden Akzeptanz von unwissenschaftlichen Methoden und dem Bio-Wahn sehe ich die Gefahr stetiger Ideologisierung auf Kosten des echten Fortschritts. Wenn beispielsweise alles abgelehnt wird, was sich entfernt in Zusammenhang mit dem "Gen"-Begriff bringen lässt, verzichten wir dann nicht auf potentiell enorm hilfreiche Entwicklungen wie beispielsweise Golden Rice?

Biowahn?

Ich verstehe die Vokabel nicht ganz (wie auch die Positivdiskriminierung "Gutmensch" nicht...)
Da gibt es Ideologen die den, ich benutze hier mal absichtlich nicht das Wort Wahnsinn, herkömmlichen Landbau für Raubbau halten und etwas praktisch verändern, ich sehe Mesnchen die keine Lust auf Gifte im Essen haben und möglichst schadfreie Produkte kaufen, und ich sehe die üblichen Geschäftsgebarden, die eventuell zu Irritationen führen (Biogemüse aus aller Welt).

Mir geht nicht in den Kopf, warum das ganze "Normale" nicht als Wahnsinn tituliert wird, warum, ich will jetzt nicht zu sehr ins Detail gehen, alles was Geld bringt und uns krank macht angeblich kein Wahnsinn sein soll!?
Dieses "Biowahn", "Gutmensch" etc. ist eine Positivdiskriminierung und ist scheinbar das letzte verbale Mittel einer zum Untergang geweihten Art und Weise zu Leben, eine Notwehr, ein Rundumschlag der Verzweifelung...
Jedenfalls soll es provozieren und den Gesprächspartner in die Defensive zwingen, unschöne und unsinnige Form der Diskussion.

Wenn man die Lehren

Steiners weiter entwickelt und nichts als fest oder gar Religion betrachtet, dann sind seine Lehren sicherlich sehr wichtig.
Obwohl ich mich mit der Pädagogik weiterhin schwer tue, so bin ich doch Befürworter seiner Landwirtschaft. Sie ist nicht nur sehr umweltfreundlich und sozial (z.B. Bingenheimer Saatgut AG), sondern neben der Permakultur und einige anderen Biolandbauformen, die einzige Art die Böden vor dem sicheren Tod zu bewahren, in dem sie von der herkömmlichen Agraindustrie getrieben werden.

Wertvolle Naturwisschenschaften

Machen sie es sich bitte nicht zu leicht.
Steiner war ein Verehrer der Naturwissenschaften, sah diese als Grundlage des Handelns, wollte sie aber mit seiner Wissenschaft vom Geist erweitern. Bei dieser Erweiterung, die lt. Steiner jeder nachvollziehen kann, macht man sich selbst durch Meditation und Geistesschulung zum Erkenntnisinstrument- und da wird es natürlich schwierig für viele Zeitgenossen.
Da "Hurra" oder "furchtbar" zu rufen, hilft nicht. Man kann sich nur selber auf den Weg begeben und die Erfahrung machen- oder eben nicht.
Oder man beschränkt sich auf die Beobachtung der praktischen"Früchte" dieser Arbeit in den Waldorfschulen etc.