An­th­ro­po­so­phieErfolgreich mit Karma, Ausdruckstanz und Scheinmedizin

Von Waldorfpädagogik bis Demeter-Landbau: Die esoterischen Ideen Rudolf Steiners sind bis heute erfolgreich. Vor 100 Jahren taten sich die ersten Anthroposophen zusammen. von 

Rudolf Steiner um 1905

Rudolf Steiner um 1905  |  © Wikimedia Commons

In Rinderhörner gestopfter und gequirlter Kuhmist als Dünger, inhaltsfreie Zuckerkügelchen als Medizin und Tanzen in wallenden Gewändern als Unterrichtsfach: So würden die Kritiker der Anthroposophie wohl zusammenfassen, was diese vermeintliche Lehre hervorgebracht hat. Die Ideen Rudolf Steiners sind nicht totzukriegen. Im Gegenteil: Demeter-Landwirtschaft, anthroposophische Heilkunde und Waldorfpädagogik sind präsenter denn je.

Kein Wunder, würde Steiner sagen: Sie sind ja auch auf "geisteswissenschaftliche" Weise erarbeitet. Damit meint der am 27. Februar 1861 an der damaligen Grenze Österreichs zu Ungarn im heutigen Kroatien geborene Doktor allerdings so ziemlich das Gegenteil dessen, was man sonst unter Wissenschaft versteht. Seine Erkenntnisse erlangte er nach eigenen Angaben in übersinnlichen Erfahrungen.

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Dabei hat Steiner lange mit radikalen Denkern wie Friedrich Nietzsche und Max Stirner sympathisiert und wenig von Gott, Jenseits oder Wiedergeburt gehalten. Weggefährten aus den letzten Jahren des 19. Jahrhunderts beschreiben ihn als Anarchisten, Materialisten und Atheisten. Steiner lehrt fünf Jahre lang an der vom Sozialdemokraten Wilhelm Liebknecht begründeten Arbeiter-Bildungsschule in Berlin.

Doch damit und als Herausgeber unter anderem der naturwissenschaftlichen Schriften Johann Wolfgang Goethes kommt Steiner finanziell auf keinen grünen Zweig. Da trifft es sich gut, dass er als Nietzsche-Kenner gilt und nach dessen Tod 1900 als Vortragsredner gefragt ist. Im September spricht er in der Theosophischen Bibliothek des Grafen Cay von Brockdorff in Berlin über den Philosophen und kurz darauf über ein Märchen Goethes. Steiner kommt an: Die Theosophen verpflichten ihn umgehend zu einer ganzen Vortragsreihe.

Jesus, asiatische Einflüsse, Karma und Reinkarnation

Die Theosophie ist eine zur Jahrhundertwende moderne esoterische Bewegung, die das okkulte Gedankengut von Freimaurern, Rosenkreuzern und anderen westlichen Geheimbünden mit buddhistischen und hinduistischen Ideen vermählt. Der Hauptprotagonistin Helena Petrovna Blavatsky werfen Zeitgenossen betrügerische Machenschaften und Plagiate vor.

Blavatskys 1875 in New York gegründete Theosophische Gesellschaft streut Ableger in alle Welt. Jener Cay von Brockdorff, der Steiner zum Vortrag einlädt, ist 1894 einer der Mitbegründer der Deutschen Theosophischen Gesellschaft. Sie geht 1902 in der Deutschen Sektion der theosophischen Gesellschaft auf. Die theosophischen Logen in Deutschland sind untereinander zerstritten wie linke Hochschulgruppen nach 1968. So erklärt sich wohl, dass ausgerechnet der Theosophie-Neuling Steiner 1902 erster Generalsekretär der neuen Gesellschaft wird: Er ist unbelastet von diesen Konflikten.

Steiner hat nun zwar einen Job, aber so ganz will er sich mit der Lehre Blavatskys nicht anfreunden. Er denkt individualistischer, hält an einer Sonderrolle von Jesus Christus über alle anderen "Meister" fest und will sich stärker an europäischen Wurzeln orientieren. Trotzdem übernimmt auch er asiatische Versatzstücke, die Lehre vom Karma und der Reinkarnation etwa. 1911 beginnt die internationale Theosophische Gesellschaft, den Teenager Jiddu Krishnamurti als Weltlehrer Maitreya zu verehren, als Wiederkunft Buddhas oder Inkarnation Christi. Die meisten deutschen Theosophen lehnen den Kult ab, es kommt zum Schisma: Am 28. Dezember 1912 gründet sich in Köln die Anthroposophische Gesellschaft.

Leserkommentare
    • Rafiki
    • 28. Dezember 2012 19:12 Uhr

    Irgendwie stehen sich Anthroposophie und Sozialismus komplemenär gegenüber.
    Der Sozialismus erfreut sich einer weltweit verbreiteten und besonders von Intellektuellen geschätzten Theorie (in seiner eigenen Terminologie würde ich "Überbau" sagen), die praktische Umsetzung (der berüchtigte "real existierende Sozialismus") schwächelt aber überall, fällt in sich zusammen (Sowjetunion) oder mutiert zu einem Superkapitalismus(China).

    Bei der Anthroposophie wird die dahinterstehende Weltanschauung entweder ignoriert, verkannt, belächelt oder als Humbug abgetan ("Scheinmedizin"), während die praktische Umsetzung eine Werttschätzung und einen Bekanntheitsgrad hat, der weit oberhalb ihrer quntitativen Präsenz liegt.

    Den Grund hinter diesem Phänomen sehe ich darin, dass der Sozialismus auf dem heute besonders bei der wissenschaftlichen und kulturellen "Elite" grassierenden gnadenlosen Materialismus aufbaut, der meiner Meinung nach eine Sackgasse ist.

    Übrigens war Rudolf Steiner wissenschaftlich voll auf der Höhe seiner Zeit und hat seine Lehre nie als Widerspruch sondern immer als Erweiterung der "normalen" wissenschaft gesehen. Dem kann ich mich nur anschließen.

  1. Steiners Lehre wirkt auf den Zeitgenossen zunächst eher befremdlich und ob man diese mit den außerordentlich erfolgreichen anthroposophischen Arbeitsbereichen in Zusammenhang bringen kann oder nicht, bleibt jedem selbst überlassen.
    Andreas Schleicher, als Kind begeisterter Waldorfschüler, ist heute PISA-Koordinator der OECD und empfiehlt den Staatsschulen dringend, mehr von den "Waldis" zu lernen. Es bewegt sich da auch einiges. A.S.:: "Vieles von dem, was Waldorfschulen machen, wird heute Mainstream!"
    Laut "Zeit" ist die Ausbreitung der Waldorfpädagogik neben den Humboldschen Universitätsreformen der erfolgreichste deutsche Kulrurexport der letzten 200 Jahre. Viele Waldorfschulen in Übersee wurden von deutschen Lehrern gegründet, denen Hitler die Schulen geschlossen hatte - auch weil sich sie sich weigerten, die Hakenkreuzflagge auf dem Schulhof zu hissen.
    Als die Wissenschaft in den 20´er Jahren des letzten Jahrhunderts stolz darauf war, die Felder mit Kunstdünger und Insektengiften zu übergießen, gründete Steiner die biologisch-dynamische Landwirtschaft.
    Die erfolgreichste und erste ökologisch-soziale Bank der Welt ist die anthroposophische GLS-Bank in Bochum.
    Die anthroposophische SECEM-Initiative in Ägypten, von der wir sicher noch viel hören werden, hat sozial schon viel Heilsames bewirkt und bekam dafür vor einigen Jahren den alternativen Nobelpreis.
    Genug der zufälligen Beispiele. Ist das alles von Steiners "Denke" zu trennen?

    • cielo
    • 28. Dezember 2012 19:18 Uhr

    Ich verstehe die Vokabel nicht ganz (wie auch die Positivdiskriminierung "Gutmensch" nicht...)
    Da gibt es Ideologen die den, ich benutze hier mal absichtlich nicht das Wort Wahnsinn, herkömmlichen Landbau für Raubbau halten und etwas praktisch verändern, ich sehe Mesnchen die keine Lust auf Gifte im Essen haben und möglichst schadfreie Produkte kaufen, und ich sehe die üblichen Geschäftsgebarden, die eventuell zu Irritationen führen (Biogemüse aus aller Welt).

    Mir geht nicht in den Kopf, warum das ganze "Normale" nicht als Wahnsinn tituliert wird, warum, ich will jetzt nicht zu sehr ins Detail gehen, alles was Geld bringt und uns krank macht angeblich kein Wahnsinn sein soll!?
    Dieses "Biowahn", "Gutmensch" etc. ist eine Positivdiskriminierung und ist scheinbar das letzte verbale Mittel einer zum Untergang geweihten Art und Weise zu Leben, eine Notwehr, ein Rundumschlag der Verzweifelung...
    Jedenfalls soll es provozieren und den Gesprächspartner in die Defensive zwingen, unschöne und unsinnige Form der Diskussion.

  2. Manche Leute kann man doch sehr schnell ereifern. Gerade die, welche von Naturwissenschaft und Technik profitieren und nicht den blassesten Schimmer haben, wie sie funktioniert. Auf dem Rechner rumtippen und die ach so esoterischen Gründe dieser Technik kritisieren können sie aber.

    Hochmütigste Grüße :)

    Antwort auf "Hochmut und Dummheit "
  3. Bei der Waldorfschule ist es wie beim Bohrschen Atommodell. In der Praxis funktioniert sie sehr gut. Nur wenn man tief in den Steinerschen Unterbau kraxelt, dann kann es schonmal richig holprig werden. Die Staatsschule in Deutschland bewegt sich im Vergleich auf dem Niveau der Alchemie, obwohl sich gerade hier der wissenschaftliche Erkenntnisstand wiederfinden sollte. Ein ziemlich trauriges Paradox.

    Man kann dem Steiner sehr zu gute halten, dass er sich intensiv mit den verschiedenen Bereichen auseinandersetzte und eine übergreifende Sichtweise eingenommen hatte. Damals waren Forschung und Wissenschaft auch noch nicht besonders weit. Mit den heutigen Erkenntnissen wären die Steinerschen Lehren auch anders ausgefallen. Es ist daher immer etwas unfair, diese aus dem Kontext der Zeit zu nehmen. Bei sehr vielen Geistesgrößen der Menschheit lassen sich ebenfalls Texte finden, die sich aus heutigen Gesichtspunkten etwas merkwürdig anmuten.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Die Staatsschulen basieren auf dem aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnisstand und da liegt ihr Problem.
    Wie kommen diese Erkenntnisse zustande?
    Die sehr erfolgreichen naturwissenschaftliche Methoden, bei denen sich Erkenntnisse in jedem Labor an jedem Platz der Welt jederzeit nachvollziehen lassen müssen, ist an Materie gebunden. Bei geisteswissenschaftlichen Disziplinen wie den Erziehungswissenschaften steht man da sehr schnell auf tönernen Füßen.
    Warum?
    Verwegene Unterstellung: Solte es so etwas wie Seele und Geist geben, würden die bei der naturwissenschaftlichen Methode vom Tisch fallen.
    Die Anpassung der Geisteswissenschaften bei den Methoden an die mit Recht extrem erfolgreichen Naturwissenschaften ist die Ursache ihrer begrenzten Wirkung.
    Die Waldorfpädagogik ist deswegen so erfolgreich, weil sie Dinge wie Seele und Geist als Faktoren berücksichtigt und dabei keine Angst vor Methodenschelte hat.

  4. Machen sie es sich bitte nicht zu leicht.
    Steiner war ein Verehrer der Naturwissenschaften, sah diese als Grundlage des Handelns, wollte sie aber mit seiner Wissenschaft vom Geist erweitern. Bei dieser Erweiterung, die lt. Steiner jeder nachvollziehen kann, macht man sich selbst durch Meditation und Geistesschulung zum Erkenntnisinstrument- und da wird es natürlich schwierig für viele Zeitgenossen.
    Da "Hurra" oder "furchtbar" zu rufen, hilft nicht. Man kann sich nur selber auf den Weg begeben und die Erfahrung machen- oder eben nicht.
    Oder man beschränkt sich auf die Beobachtung der praktischen"Früchte" dieser Arbeit in den Waldorfschulen etc.

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