"Ein gewaltiger Tannenbaum, der fast bis zur Decke reichte" – so erzählt Thomas Mann von Weihnachten bei den Buddenbrooks, "… geschmückt mit Silberflitter und weißen Lilien – und an der Spitze ein schimmernder Engel." Im 19. Jahrhundert hat sich der Weihnachtsbaum in Deutschland zu dem entwickelt, was er bis heute für die meisten Familien bedeutet: ein lichterglitzernder Mittelpunkt für die Bescherung. In vielen Ländern der Erde wurde der Christbaum zumindest als dekoratives Element übernommen. Aber woher stammt er?

In der populären Weihnachtsliteratur heißt es immer mal wieder, dass der Weihnachtsbaum auf das Julfest der heidnischen Germanen zurückgehen soll. Zwar mögen die Germanen die immergrünen Zweige der Tanne als Symbol ewiger Lebenskraft verehrt haben. Auch haben sie wohl zur Zeit der Wintersonnenwende Tannenzweige auf öffentliche Plätze und vor die Häuser gelegt. Begründet haben sie die Kultur des Weihnachtsbaums damit aber nicht.

Selbst für Spezialisten ist die Entstehungsgeschichte nicht einfach zu rekonstruieren. Je weiter man in die Vergangenheit zurückgeht, desto lückenhafter wird zwangsläufig die Datenlage. "Die frühesten Belege für einen geschmückten Tannenbaum im Inneren des Hauses stammen aus der Lebenswelt des städtischen Handwerks", schreibt die Volkskundlerin Ingeborg Weber-Kellermann in einem Standardwerk über das Weihnachtsfest. Die ehemalige Professorin für Europäische Ethnologie an der Universität Marburg beruft sich auf eine Bremer Zunftchronik aus dem Jahr 1570. Darin wird von einem kleinen Tannenbaum berichtet, der mit Äpfeln, Nüssen, Datteln, Brezeln und Papierblumen geschmückt und im Zunfthaus aufgestellt wurde. Die Kinder der Zunftgenossen durften ihn zu Weihnachten "abschütteln", also seine Leckereien aufessen. Ein anderer Hinweis stammt aus Basel , wo 1597 die Schneidergesellen mit einem grünen Baum voller Äpfel und Käse umherzogen. In ihrer Herberge stellten sie ihn dann auf und naschten schließlich auch von ihm.

Dass der erste Christbaum in den Zünften zu finden ist, und nicht im Straßburger Münster, wie man ebenfalls häufig liest, das hat auch Nina Gockerell herausgefunden. Sie ist Kunsthistorikerin am Bayrischen Nationalmuseum in München . Dort hatte sie eine Ausstellung über das Weihnachtsfest organisiert und spürte ebenfalls den Anfängen des grünen Baums nach. Der Brauch ist von den Zünften allmählich in die Familien übergegangen, sagt Gockerell. Damals waren die Weihnachtsbäumchen aber noch ohne Kerzen; geschmückt wurden sie zum Beispiel mit Papierrosen, Äpfeln, Oblaten und "Zischgold", wie in einer Chronik aus Straßburg nachzulesen ist, die aus der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts stammt. Als Zischgold bezeichnete man goldglänzenden Flitter aus dünnen Metallplättchen. Die Weihnachtsbäume wurden aber auch mit "Puppen und Zucker behänget", worüber sich der Straßburger Prediger Johann Konrad Dannerhauer ereiferte. Offenbar witterte er Heiden am Werk. Dabei hatte der Festbaum nichts mit der Abwehr von bösen Geistern und dunklen Mächten zu tun.

Die Fürstenhäuser verteilten den Weihnachtsbaum über Europa

Im 17. und 18. Jahrhundert verbreitete sich der Brauch mit dem geschmückten Baum von Stadt zu Stadt, berichtet die Volkskundlerin Weber-Kellermann weiter. Aber noch nicht auf dem Lande. Hohe Beamte und wohlhabende Bürger übernahmen die neue Mode. Welchen Aufwand sie bisweilen betrieben, zeigt ein besonders schöner Christbaum in Nürnberg , von dem ein Zeitgenosse im Jahr 1795 schwärmt: "An allen Ästchen und Zweigen hingen kostbare Konditorwaren, Engel, Puppen, Tiere, alles aus Zucker… Auch vergoldetes Obst hing daran, so dass man unter diesem Baum wie in einem Speisegewölbe sich befand." Als wäre das nicht genug, ist noch von "unzähligen Wachslichtlein" die Rede, die "wie Sterne am Himmel" leuchteten. Dieser Baum, der seinesgleichen im ganzen Lande suche, so schließt der Chronist, sei eigentlich nicht für kleine Kinder gemacht, sondern für "große erwachsene Kinder".

Brandschutz - Dr. Max: So löscht man einen brennenden Weihnachtsbaum Was tun, wenn die Tanne im Wohnzimmer Feuer fängt? Dr. Max fasst die wichtigsten Tipps der Hamburger Feuerwehr zusammen. Schon beim Aufstellen des Baums kann man viel verkehrt machen.

Auch die Aristokratie kam bald auf den Geschmack. Über die Fürstenhäuser verbreitete sich die Sitte Anfang des 19. Jahrhunderts in ganz Europa , bis hinein ins zaristische Russland . Als Gemahl von Queen Victoria brachte Prinz Albert den Baum ins englische Königshaus. Erst ab Mitte des 19. Jahrhunderts wurden die Festbäume mit Glaskugeln geschmückt; Ende des 19. Jahrhunderts tauchen in den USA erste Weihnachtsbäume mit elektrischen Lichtern auf. Es beginnt eine Weihnachtsindustrie , mit gusseisernen Baumständern und in Fabriken hergestellter Dekoration. Im 20. Jahrhundert trat der Weihnachtsbaum schließlich seinen Siegeszug um den Rest der Welt an.

Kurios ist, dass sich der Christbaum zwar schon im 16. Jahrhundert im Elsaß verbreitete, also am Oberrhein. Aber dort blieb er auch; die Sitte wanderte nicht rheinabwärts. Erst die Preußen brachten sie an den Mittel- und Niederrhein , wo zu Weihnachten traditionell die Krippe aufgebaut wird. Als nach dem Wiener Kongress im Jahr 1815 preußische Beamte und ihre Familien in die Rheinprovinz versetzt wurden, nahmen sie ihre Weihnachtsbräuche mit. Es dauerte allerdings eine Weile, bis der festlich geschmückte Baum seinen Platz unter den rheinischen Katholiken fand. Bis heute sieht man im Rheinland daher meist auch beides: Krippenspiel und Lichterbaum.