NofreteteFundstück 748 – "Bemalte Büste der Königin"

Sie ist die Mona Lisa des Altertums, ihre Aura lockt Millionen Besucher nach Berlin. An Nikolaus vor 100 Jahren gräbt Ludwig Borchardt sie aus – die Büste der Nofretete. von 

Die Büste der Nofretete, ausgestellt im Neuen Museum Berlin.

Die Büste der Nofretete, ausgestellt im Neuen Museum Berlin.  |  © John MacDougall/Getty Images

Ludwig Borchardt weiß sofort, dass er an diesem Nikolaustag etwas Besonderes gefunden hat. Am 6. Dezember 1912 schreibt der Archäologe in sein Grabungstagebuch: "Arbeit ganz hervorragend. Beschreiben nützt nichts, ansehen." Ein "Duseltag" sei das gewesen. Aber was ist so besonders an diesem Kopf aus Kalkstein, mit mehreren Lagen Gips umhüllt, 47 Zentimeter hoch?

Zum einen der Zustand: "Farben wie eben aufgelegt", notiert Borchardt. "Nur die Ohren unten etwas von der rechten Seite der Perücke bestoßen." Zum anderen die Schönheit, die ebenmäßigen Züge und vor allem dieses geheimnisvolle, entrückte Lächeln, ähnlich rätselhaft wie das der Mona Lisa.

Anzeige

Und vielleicht liegt auch etwas von der Macht der abgebildeten Pharaonengattin in dieser Büste: Sie ist die Frau des Pharao Amenophis IV., der sich mit der Priesterschaft seiner Zeit – etwa um 1340 vor Christus – anlegt und der Vielgötterwelt den Sonnengott Aton als Herrscher an die Spitze stellt. Sich selbst nennt der Pharao fortan Echnaton, Diener des Aton.

Nofretete, vermutlich die Tochter eines Hofbeamten, heiratet Echnaton, als sie etwa 16 Jahre alt ist. Die Mutter von Echnatons Sohn Tutanchamun ist sie einer DNA-Analyse zufolge aber vermutlich nicht. Dessen reiche Grabbeigaben mit der goldenen Totenmaske gelten als größte archäologische Sensation des 20. Jahrhunderts.

Die Gattin des Echnaton ist mehr als die schöne Frau an seiner Seite, auch wenn ihr Name übersetzt "die Schöne ist gekommen" bedeutet. Das Paar setzt sich an die Spitze des Sonnenkults; Nofretete ist an Ritualen beteiligt, die bis dahin dem Pharao vorbehalten waren. Die blaue "Hohe Krone" der Büste trägt keine Königin vor ihr, sie ist ein wohl eigens für sie entwickeltes Gegenstück zum Chepresch, dem blauen Kriegshelm als Symbol der Pharaonen.

Unter Echnaton und Nofretete erblüht die Kunst

Auf einem Altarbild sitzt Nofretete sogar auf einen Thron, der sonst den Königen vorbehalten ist, was manche Wissenschaftler als Beleg deuten, dass sie Regierungsgewalt ausübt. Der geheimnisvolle Pharao Semenchkare, der als Nachfolger Echnatons gilt, könnte Nofretete selbst unter anderem Namen sein.

Unter Echnaton und Nofretete blüht die Kunst. Sie lassen eine neue Residenzstadt bauen, Achet-Aton (Horizont des Aton), in der Nähe des heutigen Amarna. Mehrere Aton-Tempel und etliche reich mit Statuen, Gemälden und Fayencen dekorierte Paläste stampfen die Arbeiter aus dem Wüstenboden. Womöglich inspiriert vom religiösen Aufbruch lassen Maler und Bildhauer die starren, schematischen Darstellungen hinter sich und erschaffen lebensechte Werke.

Nach Echnatons Tod verfällt Achet-Aton. 1911 kommt Borchardts Expedition im Auftrag der Deutschen Orient-Gesellschaft in die Ruinen. Finanziert hat sie der Textilunternehmer James Simon, einer der wichtigsten Kunstmäzene der wilhelminischen Ära. Im Südteil stoßen die Archäologen 1912 auf eine gut erhaltene Werkstatt, vermutlich die des Oberbildhauers Thutmosis. Mehr als 50 Modelle, Entwürfe, Gipsabdrucke und fertige Skulpturen finden sich darin.

Eine davon ist jene Büste mit dem langen Hals und den eleganten Brauen über den Mandelaugen, deren Fotos den Dichter Rainer Maria Rilke entzückt ausrufen lassen: "Diese herrliche Königin, die ich gestern erhielt, ein bezauberndes Beispiel der erblühten Schönheit jener rätselhaften kurzen Epoche!" Borchardt katalogisiert sie als Fundstück Nummer 748 (von mehr als 10.000), Kurzbeschreibung: "bemalte Büste der Königin".

Leserkommentare
  1. Wer die Auslieferung der Nofretete (und anderer altaegyptischer Artefakte) nach Aegypten fordert, sollte dann auch beantworten:

    Wer gibt uns unseren Duerer aus dem Madrider Prado zurueck?

    Oder den Cranach aus Florenz, den Holbein aus London, das Bernsteinzimmer aus St. Petersburg, Kirchners "Berliner Strassenszene" aus New York, die Heidelberger Bibliotheca Palatina aus dem Vatikan oder den Gruenewald aus dem Pariser Louvre?

    Danke.

    2 Leserempfehlungen
  2. Im CT ist es schließlich herausgekommen. Die Königin internationaler Begierden hat eine Doppelgängerin und die trägt sie in sich drinnen. Es gibt eine zweite Büste, die erst beim "Durchleuchten" sichtbar wird. Vielleicht kommt ihre Beliebtheit insgeheim auch davon?

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service