SacagaweaDas traurige Ende der Vogelfrau

In den USA kennt fast jeder Sacagawea: Die Schoschonin ist nationale Legende. Sie starb vor 200 Jahren, auch wenn viele glauben wollten, dass sie noch lange lebte. von 

Statue von Sacagawea im Washington Park in Portland, Oregon

Statue von Sacagawea im Washington Park in Portland, Oregon  |  CC BY-SA 3.0 EncMstr

Vielleicht empfanden die Zeitgenossen den Tod der "Vogelfrau" am 22. Dezember 1812 als ein zu trauriges Ende für eine Wildwest-Geschichte. Zumindest stürzten sich die Schriftsteller des frühen 20. Jahrhunderts geradezu auf mündliche Quellen, denen zufolge Sacagawea viel länger gelebt und es zurück in ihre Heimat geschafft haben soll, zu den Schoschonen im heutigen US-Bundesstaat Idaho. Doch starb eine der berühmtesten amerikanischen Ureinwohnerinnen kläglich in einem Handelsposten am Fleckfieber.

Sacagawea, Sakakawea oder Sacajawea, so schreiben die Bleichgesichter den Namen der Schoschonin vom Lemhi River. Angehörige eines verfeindeten Stammes, der Hidatsa, haben sie wohl so genannt, nachdem sie sie im Alter von zwölf Jahren zusammen mit anderen Kindern entführt hatten. In der Sprache der Hidatsa bedeutet Sacagawea Vogelfrau.

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Der frankokanadische Trapper Toussaint Charbonneau, der bei den Hidatsa wohnt, nimmt sie zur Frau. Als die Expedition von Meriwether Lewis und William Clark auf ihrem Weg zur Pazifikküste das Gebiet durchquert, bietet er sich ihnen als Dolmetscher an. Sacagawea, mit ihren 16 Jahren gerade zum ersten mal schwanger, kommt mit, weil sie die Sprache der Schoschonen beherrscht.

Im Auftrag des Präsidenten

Denn Lewis und Clark wollen weiter nach Westen, durch das Gebiet der Snake Indians, der Schlangenindianer, wie sie die Schoschonen nennen. Die Vereinigten Staaten, zunächst auf ein Gebiet im Osten der heutigen USA begrenzt, haben Frankreich 1803 das riesige Louisiana-Territorium im Innern des Kontinents abgekauft. Lewis und Clark sollen es im Auftrag von US-Präsident Thomas Jefferson erkunden und einen Weg zum Pazifik suchen.

Am 14. Mai 1804 gehen rund 40 Mann auf die Reise, sie ziehen den Missouri hinauf ab seiner Mündung in den Mississippi. In der Nähe der heutigen Stadt Bismarck in North Dakota bauen sie ein Lager, Fort Mandan, um zu überwintern. Charbonneau kommt mit Sacagawea ins Fort, sie werden engagiert und ziehen bald ins Lager ein. Dort bekommt Sacagawea im Februar 1805 ihr Baby, Jean Baptiste, von den Weißen "Little Pomp" oder "Pompy" genannt.

Im April bindet Sacagawea sich den Kleinen auf den Rücken, die Expedition zieht los. Mit Stangen staken die Männer ihre Boote gegen die Strömung voran. Als eines kentert, gehen fast die wertvollen Expeditionstagebücher von Lewis und Clark verloren, doch Sacagawea fischt sie aus der Strömung. Zum Dank benennen Lewis und Clark einen Fluss nach ihr, den Sacagawea River.

Die Schoschonin kennt die Gegend, es ist die Heimat ihrer Kindheit. Sie trifft sogar ihren Bruder Cameahwait wieder: Er ist der Häuptling eines Stammes, mit dem die Reisenden um Pferde feilschen, um die Rocky Mountains zu überqueren. In einer Frau erkennt Sacagawea ein Mädchen wieder, das einst mit ihr gefangenen wurde und den Hidatsa entkommen konnte. "Ihr Wiedersehen war sehr anrührend", schreibt Lewis in sein Tagebuch.

Sacagawea zeigt den Weißen essbare Pflanzen, Beeren, Wurzeln und Nüsse, vitaminreiche Kost für die anstrengende Expedition. Als in den Bergen Talgkerzen der letzte Proviant sind, gräbt sie die Zwiebeln von Prärielilien aus und kocht sie. Und weil Lewis und Clark unbedingt einem Eingeborenen seinen Otterpelz abkaufen wollen, opfert sie sogar ihren Perlengürtel als Tauschgut. Da sind die Reisenden bereits am Pazifik angelangt, in der Nähe der Mündung des Columbia River.

Späte Ehre

Seit dem Jahr 2000 geben die USA eine Dollar-Münze zu Sacagaweas Ehren heraus, auf der sie mit Sohn Jean Baptiste dargestellt ist. Weil es von ihr keine zeitgenössischen Abbildungen gibt, sitzt eine moderne Schoschonin Modell. 2001 ernennt der damalige US-Präsient Bill Clinton Sacagawea um Sergeant ehrenhalber. Denkmäler und Erinnerungstafeln werden errichtet. Viele Kinder in den USA wachsen mit Büchern über ihr Leben auf. Manche Schriftsteller unterstellen Sacagawea auch eine Affäre mit Clark.

"Little Pomp"

Als Jean Baptiste Charbonneau 18 ist, nimmt ein württembergischer Herzog ihn mit nach Europa und auf seine Reisen – ob als Gefährten oder Diener, ist unklar. Zurück in Amerika, wird er Trapper und Scout. Er gerät in den Mexikanisch-Amerikanischen Krieg und wird später Alcalde, eine Art Bürgermeister, in Kalifornien. Er ist einer der ersten Prospektoren im kalifornischen Goldrausch. Auf der Suche nach mehr Gold fällt er in Oregon in einen Fluss und stirbt mit 61 Jahren an Lungenentzündung.

Vielleicht am wichtigsten aber ist, dass die Anwesenheit einer Frau und eines kleinen Kindes in der Gruppe die Eingeborenen von deren friedlicher Absicht überzeugt. Die Squaw wird so sehr zu einem Teil der Expedition, dass sie sogar bei der Entscheidung über ein Winterquartier mit abstimmen darf – 100 Jahre bevor Frauen in den USA das Wahlrecht erhalten. Nach ihrem Tod wird Sacagawea zur Heldin der Bewegung für ein Frauenwahlrecht in den USA, der Suffragetten.

Im Sommer 1806 begibt sich die Gruppe auf den Rückweg. In Fort Mandan trennen sich Charbonneau und seine Frau von der Expedition und leben wieder bei den Hidatsa. 1809 siedeln sie auf Einladung Clarks zeitweise nach St. Louis über. Der zum Regierungsvertreter für "Indianerangelegenheiten" im Louisiana-Gebiet aufgestiegene Offizier hat schon auf der Expedition einen Narren an ihrem Sohn Jean-Baptiste gefressen und zahlt für seine Ausbildung.

"Pompy" bleibt in St. Louis; Charbonneau und Sacagawea wechseln mehrfach den Wohnort. Bald nach der Geburt ihrer Tochter Lizette stirbt Sacagawea in der Handelsstation Fort Manuel Lisa am Missouri im heutigen North Dakota. Ein Schreiber des Forts nimmt ihren Tod am 20. Dezember 1812 zu den Akten.

In der mündliche Überlieferung einiger Stämme heißt es, Sacagawea habe ihren weißen Ehemann verlassen und einen Komantschen geheiratet. Später sei sie zu den Schoschonen zurückgekehrt und erst 1884 gestorben. Der Arzt Charles Eastman, ein Sioux aus Dakota, erforscht in den zwanziger Jahren diese Erzählungen, sie finden in viele Romane Eingang. Aber selbst falls Sacagawea, eine Heldin auch für weiße Amerikaner, es zurück ins Tal des Lemhi River geschafft und weitere Nachkommen gehabt haben sollte: Sie leben dort nicht mehr. Die Lemhi-Schoschonen wurden 1907 zwangsweise umgesiedelt.

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Leserkommentare
  1. Die Simpsons, Season 15 Episode 11

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    die Geschichte auch kannten. Interessant.

  2. die Geschichte auch kannten. Interessant.

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    Siehe den ersten Satz nach dem Titel!

  3. Siehe den ersten Satz nach dem Titel!

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  • Schlagworte Thomas Jefferson | USA | Idaho | Mississippi | Missouri | St. Louis
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