Vor zehn Jahren fanden Forscher in einer Höhle nahe der chinesischen Hauptstadt Peking das Skelett eines 40.000 Jahre alten Frühmenschen. Tianyuan wurde er getauft – nach dem Namen der Fundstelle. Jetzt hat ein Team aus Deutschland die in den Knochen enthaltene DNA analysiert. Über die Ergebnisse berichten die Forscher um Svante Pääbo vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig im Magazin PNAS. Die Studie zeigt: Frühe moderne Menschen, die in der Gegend des heutigen Chinas lebten, sind offenbar eng verwandt mit den heute lebenden Asiaten und amerikanischen Ureinwohnern.

Unsere ältesten Vorfahren, die ersten Homo sapiens, lebten in Afrika. Heute geht man davon aus, dass sie vor etwa 40.000 bis 50.000 Jahren nach Asien und Europa wanderten. Wie sie sich dann in Eurasien verteilten, konnten Forscher bislang nur vermuten. "Die Knochen des Tianyuan-Menschen geben exaktere Hinweise darauf, wie sie mit heute lebenden Menschengruppen verwandt sind", sagt Matthias Meyer, einer der Frühmenschen-Forscher aus Leipzig.

Das Erbmaterial aus den Oberschenkel- und Schienbeinknochen des Skelettes konnte allerdings nicht so einfach sequenziert werden, wie etwa die Blutprobe eines heute Lebenden. "So altes Erbgut zu untersuchen, ist normalerweise schwierig, weil es stark durch Bakterien-DNA verunreinigt ist", sagt Meyer. Die Probe, die er und seine Kollegen untersuchten, bestand zu mehr als 99 Prozent aus mikrobieller DNA. Der Anteil der menschlichen DNA war also zu gering, um eine aussagekräftige Analyse zu machen.

Uramerikaner und Asiaten stammen vom Tianyuan-Menschen ab

Zunächst mussten die Forscher deshalb das Erbgut der Bakterien aus der Probe entfernen und die Menge der Frühmensch-DNA vergrößern. Dazu gaben sie synthetisierte menschliche DNA-Stückchen hinzu. Diese hefteten sich an die echten Frühmenschen-Fragmente und "fischten" diese gewissermaßen aus dem DNA-Mix heraus. Dann vervielfältigten die Wissenschaftler die reinen, menschlichen Erbgut-Stückchen. Dieses Prinzip der DNA-Anreicherung ist zwar nicht neu. "Doch bislang hat man es vor allem bei mitochondrieller DNA angewandt", sagt Meyer. Das ist das Erbgut der Stoffwechsel-Organellen unserer Zellen. "Uns ist es erstmals gelungen, auch eine große Menge des Kerngenoms zu erhalten", sagt Meyer. Im Kern der Zelle befindet sich die chromosomale DNA, die den Bauplan des Menschen enthält.

Die Analyse ergab erstens, dass der Tianyuan-Mensch nicht nur mit heute lebenden Asiaten, sondern auch mit amerikanischen Ureinwohnern verwandt ist. Diese drei Gruppen der frühen Menschen teilen also eine gemeinsame Herkunft. "Davon ging man bislang auch aus, doch jetzt kann man es mit neuen Daten belegen", sagt Meyer.

Zweitens geht aus der Studie hervor, dass der Frühmensch aus China den heutigen Asiaten ähnlicher ist als den Europäern. Deren Abstammungslinien müssen sich also vor mehr als 40.000 Jahren getrennt haben. "Auch das hat man vermutet – und jetzt zeigt sich, dass es stimmt", sagt Meyer.

Außerdem wollten die Forscher um Pääbo herausfinden, ob der Tianyuan-Mensch mit Neandertalern und Denisova-Menschen verwandt war. Denisovaner lebten etwa zur gleichen Zeit wie Neandertaler, allerdings im südlichen Sibirien. Die Forscher glaubten bisher, die Tianyuan-Menschen hätten sich auf ihrem Weg durch Asien mit beiden gekreuzt. Was die Neandertaler betrifft, lagen sie richtig. Denisova-DNA fand sich im Erbgut des China-Frühmenschen aber nicht. "Das weist darauf hin, dass die Vermischung mit den Denisovanern nicht in dieser Gegend, sondern irgendwo anders in Südostasien stattgefunden haben muss", sagt Meyer. 

Um ein genaueres Bild davon zu bekommen, was genau passiert ist, nachdem unsere Vorfahren aus Afrika ausgewandert sind, hoffen die Forscher auf weitere Erbgut-Analysen. Und auf neue Funde, die von Menschen zeugen, die vor Jahrtausenden die Erde bevölkerten.