London UndergroundFortschritt und Chaos in Londons Tube

Logisch, schnell, stickig und laut: Vor 150 Jahren entstand in London das erste U-Bahn-Netz der Welt. Bis heute merkt man der Tube ihre wilde Entstehungsgeschichte an. von 

Für die Times war die Idee, Dampflokomotiven in Tunneln unter den Straßen von London fahren zu lassen, "eine Beleidigung des gesunden Menschenverstandes". Das schrieb das ehrwürdige Blatt 1862, als die Bauarbeiten für die "Tube" (zu Deutsch: Röhre), wie die Londoner ihre U-Bahn nennen, längst im Gange waren.

Charles Pearson hatte als Erster eine Untergrundbahn vorgeschlagen und nur Spott geerntet. Der städtische Anwalt forderte in einem Pamphlet von 1845 – da verkehrten die ersten dampfbetriebenen Passagierzüge gerade mal seit 20 Jahren – den Bau einer mit Druckluft betriebenen U-Bahn. Damit wollte er auch die Lebensbedingungen der Arbeiter verbessern, die statt in engen Mietskasernen in luftigen Häusern am Stadtrand wohnen und preisgünstig zu ihren Arbeitsplätzen pendeln sollten.

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Wutbürger waren schon damals dagegen

Erst 1854 erhielt die von mehreren Bahnfirmen gegründete Metropolitan Railway Company die Erlaubnis, eine unterirdische Strecke vom heutigen Bahnhof Paddington zur Farringdon Street zu bauen. Pearson machte viel Werbung für seine Idee, doch das Kapital, das Investoren beisteuerten, war mager, weil Großbritannien auf der Krim gerade Krieg führte. Erst im März 1860 konnten die Bauarbeiter endlich anfangen.

Tausende Anwohner der Strecke, die meisten in Slums und Elendsvierteln, verloren durch den Bau ihre Häuser. Viele Londoner fürchteten, dass die Arbeiten und später die Vibrationen der Züge auch ihre Gebäude gefährden könnten. Doch der Londoner Lehmboden hielt einiges aus.

Gebaut wurde nach dem Prinzip cut and cover, aufschneiden und abdecken: Die Arbeiter hoben per Hand breite Gräben aus und mauerten dann Ziegelwände, die ein gewölbtes Dach aus Ziegeln und Eisenträgern bekamen. Trains in drains, Züge in Abflussgräben, nannten Spötter das Konzept.

Als im Mai 1860 ein Zug einer oberirdischen Linie im Bahnhof King's Cross über das Bahnsteigende hinausschoss und in die Ausschachtung fiel, bekam die Redewendung einen unheilvollen Beiklang. Es blieb nicht der letzte Unfall: Lokkessel explodierten, Tunnel stürzten ein, und im Juni 1862 flutete ein wegen starken Regens geborstener Abflusskanal die Baustelle.

Im November 1861 begannen erste Testläufe auf Teilstrecken. Der Schatzkanzler und spätere Premierminister William Gladstone war unter den Passagieren der ersten Probefahrt, die im Mai 1862 die ganze Strecke zurücklegte. Ende 1862 waren die Arbeiten abgeschlossen – sie hatten 1,3 Millionen Pfund gekostet, 300.000 mehr als geplant.

London Underground
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Um die Fotostrecke zu sehen, klicken Sie bitte auf das Bild.  |  © London Transport Museum

Schon am ersten Betriebstag, dem 10. Januar 1863, fuhren seit dem ersten Zug morgens um sechs Uhr mehr als 30.000 Menschen mit. Pearson war nicht darunter, er war im September 1862 gestorben. Und der hochbetagte Premierminister Lord Palmerston ließ ausrichten, er wolle lieber noch so viel Zeit wie möglich über der Erde verbringen.

Weitere Strecken kamen hinzu, dank fortgeschrittener Technik nun in unterirdisch vorgetriebenen Tunneln in größerer Tiefe. Die Tube wurde zum Motor des Wachstums der Metropole. Wo immer neue Bahnhöfe entstanden, verwandelten sich Dörfer in Stadtviertel.

Am Anfang reisten Reiche und Arme in der strengen englischen Klassengesellschaft getrennt – drei Preiskategorien gab es in der Tube. Doch mit der Zeit wurde die Bahn zu einem Transportmittel für alle, in dem sich Gesellschaftsschichten mischten: Banker fuhren nun aus den schickeren Vororten in die City, Anwälte stiegen in der Chancery Lane im Gerichtsviertel aus, und Arbeiter fuhren aus ihren Wohnvierteln in die Docks. Schon 1880 reisten alljährlich 40 Millionen Londoner unterirdisch. Alle ertrugen gemeinsam das üble Gemisch aus Dampf und Rauch, das sich in den Tunneln ansammelte.

Leserkommentare
    • dispot2
    • 10. Januar 2013 19:28 Uhr

    "Wutbürger waren schon damals dagegen"
    Mit dem Begriff Wutbürger, entstanden in den Auseinandersetzungen um Stuttgart 21, soll wohl in diesem historischen Artikel Stimmung gegen heutige Skeptiker gemacht werden. Dieser Versuch misslingt, denn im Gegensatz zu London hat Stuttgart 1) eine beispiellos gut funktionierende Verkehrsinfrastruktur bereits gehabt, 2) ist die Geologie ungleich schwieriger und 3) ist eine Kostensteigerung von mindestens 100% (nach oben offen) anzunehmen. 4) wird das Ergebnis des Stuttgarter Baus keine Verbesserung, sondern eine Verschlechterung der Verkehrsinfrastruktur bedeuten.

    Unter diesen Vorgaben hätten die Londoner Investoren niemals den Ubahn-Bau begonnen. Insofern muss man heute eher von größenwahnsinnigen (60 KM Tunnel, >6 Milliarden EUR für einen Bahnhof einer 600.000 Einwohnerstadt) "Wut-Politikern" sprechen, die sich gegen jegliche Vernunft und mit unbegrenztem Zugriff auf Steuergelder gigantische Denkmäler setzen wollen. Den Widerstand dagegen mit dem Begriff "Wutbürger" zu verunglimpfen ist, gelinde gesagt, eine Frechheit.

    2 Leserempfehlungen
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    ...ein Wutburger

  1. ...ein Wutburger

    3 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Was soll denn das?"
  2. 3. Mhhh,

    ein Wutburger!

    2 Leserempfehlungen
  3. ... einer der wenigen rational gesteuerten hier.

  4. Ich finde die London Tube zwar in der Tat teuer, aber weder lauter noch chaotischer als andere U-Bahnen (z.B. die Berliner). Sie ist sauber und die Fahrgäste benehmen sich in der Regel wirklich zivilisiert.

    Eine Leserempfehlung

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Bahnhof | Chaos | Tunnel | U-Bahn | Großbritannien | London
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