Deutsche GeschichtePerlon, das Nazi-Nylon
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Der Weg bis zum Strumpf ist noch lang

Der Weg bis zum Damenstrumpf ist noch lang. Zwar lässt Schlack sich sein Perluran, wie er es damals noch nennt, im Sommer 1938 unter der Nummer 748 253 patentieren, und wenig später strickt die Firma LBO von Louis Bahner im sächsischen Oberlungwitz den ersten Versuchsstrumpf. Auf den Markt kommt der aber erstmal nicht: Perlon ist kriegswichtig, nur die IG-Farben-Manager können ein paar Beinkleider für ihre Damen abgreifen.

Fallschirme aus Perlon für die Wehrmacht

Stattdessen entstehen aus Perlon Seile für die Wehrmacht, Hochdruckschläuche für Flugzeugreifen und Borsten für Bürsten, mit denen Waffen gereinigt werden. Als aus Japan keine Seide mehr nach Europa gelangt, werden ganze Fallschirme aus Perlon genäht. Schlack bekommt das Kriegsverdienstkreuz, die Heimatfront-Variante des Eisernen Kreuzes.

Zwar ist auch für Nylon das Militär ein wichtiger Abnehmer, doch immerhin verkauft der US-Konzern schon 1939 an seinem Stammsitz in Wilmington (Delaware) erste Strümpfe. Und am 15. Mai 1940 ist dann "N-Day": Der Verkauf der Nylon-Strümpfe startet in den ganzen USA. Allein am ersten Tag bringt DuPont nach eigenen Angaben fünf Millionen Paare unter die Leute.

Auch mit der IG Farben kommt DuPont ins Geschäft. Zwar scheitert der Versuch, den Deutschen eine Lizenz für Nylon zu verkaufen – die haben ja Perlon. Also teilen sie die Absatzmärkte unter sich auf und bilden ein Kunstfaser-Kartell, gefestigt durch gegenseitige Unternehmensbeteiligungen.

Der IG-Farben-Konzern, der unter anderem durch Zwangsarbeit und der Produktion von Giftgas am Zweiten Weltkrieg verdient, wird nach 1945 zerschlagen. Die meisten Kunstfaserfabriken liegen im Osten, viele Maschinen werden abmontiert und als Reparationsleistung in die Sowjetunion geschafft.

1947 droht Sachsens Wirtschaftsminister Fritz Selbmann, "die Frauen in den Westzonen werden so lange barfuß gehen, bis ihre Männer uns Edelstahl und Hüttenkoks liefern". Zum Glück der Westfrauen sind in den Care-Paketen aus den USA auch Nylon-Strümpfe. Sie werden – neben amerikanischen Zigaretten – zur Währung der Schwarzmärkte.

Aber Perlon kommt zurück: Schon vier Jahre nach Kriegsende wirft Schlack die Produktion im Westen wieder an, mit den bekannten Folgen für die Modewelt und den Geruchssinn. Heute produziert die chemische Industrie weltweit rund vier Millionen Tonnen Perlon im Jahr – fast doppelt so viel wie vom ewigen Rivalen Nylon. Vor allem die Schlingen von Teppichböden entstehen aus dem Polyamid. Für Blusen und Hemden gibt es andere Fasern. Zum Glück für unsere Nasen.

Den Markennamen "Perlon" lässt sich die westdeutsche Kunstfaserindustrie 1952 schützen. Die Produktionsstätten im Osten kontern mit einer eigenen Marke: "Dederon", vom Kürzel DDR abgeleitet. Geblümte Schürzen und Tragetaschen aus Dederon sind Alltagskleidung und -accessoire ostdeutscher Hausfrauen. 1963 lässt der Arbeiter- und Bauernstaat sogar einen Briefmarkenblock auf Dederonfolie drucken, Aufschrift: "Chemie für Frieden und Sozialismus".
 

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Leserkommentare
  1. aber im dritten Absatz der ersten Seite steht etwas über das Nylon-Patent der Firma "DuMont", gemeint war wohl - so wie es auch im weiteren Artikel steht - "duPont".

    Liebe Grüße

    3 Leserempfehlungen
  2. Redaktion
    2. DuPont

    Liebe(r) BrauerSD,

    vielen Dank für den Hinweis. Es musste tatsächlich auch dort DuPont heißen.

  3. es heisst ja auch nicht Volkswagen-der Nazivolkswagen oder müssen jetzt alle Entwicklungen von 33-45 auf den Beinamen Nazi getauft werden ?

    21 Leserempfehlungen
  4. Heimatfront-Variante des Eisernen Kreuzes.

  5. 5. [...]

    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf Beiträge, die als sexistisch und beleidigend verstanden werden. Danke, die Redaktion/jz

  6. "So ein schwäbischer Beamtensohn arbeitet gründlich: Schlack nimmt sich einen Ausgangsstoff vor, den Carothers bereits verworfen hat, das ringförmige Molekül Caprolactam. Weil Gerätschaften aus Stahl im Deutschen Reich, das von seiner nationalsozialistischen Führung bereits auf den Krieg vorbereitet wird, nicht ohne Weiteres zu bekommen sind, nimmt Schlack mit einem für Großküchen gedachten Kessel vorlieb."

    Bitte den Sinnhalt des Ursprungsdokumentes zwischen Caprolactam und Stahlkesseln nachliefern. Ist so nicht nachvollziehbar was das eine mit dem anderen zu tun haben soll.

    Eine Leserempfehlung
    • Tiroler
    • 29. Januar 2013 16:57 Uhr

    Die rührende Geschichte mit dem Küchenkessel stimmt zwar, ist aber doch etwas zu vereinfachend. Der Laborant Ahrens, der auf Anweisung von Schlack die Versuche durchführte, köchelte in dem Kessel zunächst Cyclohexanonoxim,das dann, in 90prozentiger Schwefelsäure gelöst, durch einen Röhrenofen geschickt wurde, wobei sich das Oxim zu Caprolactam umlagerte. Die Polymerisation des Caprolactams vollzog sich dann in Gegenwart eines Katalysators in einem dickwandigen Glasrohr, das in einem Ofen eine Nacht lang auf 240 Grad erhitzt wurde. Es war also doch etwas komplizierter als Suppe kochen. Trotzdem Dank für den Artikel.

    9 Leserempfehlungen
  7. Nachdem in den 70er und 80er die echten Nylons durch die Strumpfhosen mit neuartigen Beimischungen wie Lycra verdrängt wurden, erobern seit ein paar Jahren die „echten Nylons“ wieder die Frauenbeine und die Männerherzen. Wie passend, denn nach Techno Styling und harten Beats rollt grade eine regelrechte Retro 20-40er Jahre Partywelle auf uns zu. Es wird wieder in eleganter Kleidung zu ElektroSwing getanzt.
    Nicht nur zu einem kessen Retrodress sind echte Nylons auch heute noch ein ganz besonderes modisches Highlight für die Beine einer Frau. Zugegeben, sie haben ihren Preis, da nur noch wenige Produzenten in der Welt die klassische Technik haben diese herzustellen. Ich freue mich darauf das es wieder eleganter wird !
    Wer mehr zum Thema wissen will, einfach googlen nach „nylon katalog“ oder „echte nylons“.

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  • Schlagworte Geschichte | DDR | Sowjetunion | USA | Europa | Stuttgart
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