Deutsche GeschichtePerlon, das Nazi-Nylon

Vor 75 Jahren entsteht über Nacht in einem Berliner Labor ein Stoff, der Jagdfliegern das Leben rettet, Frauenbeinen schmeichelt und Männerachseln schwitzen lässt: Perlon. von 

Wirtschaftswunderdeutschland müffelt. Das liegt nicht nur an den sprichwörtlichen qualmenden Industrie-Schloten, sondern auch an den Lieblingsmaterialien der Textilhersteller: Perlon und Nylon. Nicht nur stecken die Damenbeine in immer billigeren Massenstrümpfen, auch Kleider und Blusen sowie die Hemden der Herren sind aus Kunststoff. Weil keine Luft an die Haut kommt, schwitzt und stinkt der Bundesdeutsche in den Plastikklamotten schnell. Kein Wunder, dass auch das Deo in dieser Zeit seinen Siegeszug antritt.

Maßgebliche Schuld am Mief der fünfziger und sechziger Jahre trägt Paul Schlack, 1897 in Stuttgart geboren und seit 1921 diplomierter Chemiker. Er leitet in den dreißiger Jahren die Forschungsabteilung bei Aceta in Berlin-Lichtenhagen, einer Firma, die zum Chemiekonzern IG Farben gehört. Sie stellt vor allem Kunstseide her, eine halbsynthetische Faser aus Zellulose.

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Die Urlaubslektüre, die sich Schlack im Sommer 1937 mit an den Tegeler See nimmt, ist nicht gerade ein Krimi: die Patentschriften für Nylon, jene erste vollsynthetische Faser, die der Amerikaner Wallace Hume Carothers Anfang 1935 erstmals hergestellt hat. Schlack sucht nach Hinweisen, wie er eine eigene Faser erfinden kann, ohne das Nylon-Patent der Firma DuPont zu verletzen.

Schlack stöbert in den Unterlagen der Nylon-Erfinden

So ein schwäbischer Beamtensohn arbeitet gründlich: Schlack nimmt sich einen Ausgangsstoff vor, den Carothers bereits verworfen hat, das ringförmige Molekül Caprolactam. Weil Gerätschaften aus Stahl im Deutschen Reich, das von seiner nationalsozialistischen Führung bereits auf den Krieg vorbereitet wird, nicht ohne Weiteres zu bekommen sind, nimmt Schlack mit einem für Großküchen gedachten Kessel vorlieb.

Darin verköchelt aus Steinkohleteer gewonnenes Cyclohexanonoxim mit 90-prozentiger Schwefelsäure zu Caprolactam. Der eigentliche Trick aber ist das, was Chemiker "ringöffnende Polymerisation" nennen: Bei 240 Grad Celsius bricht Wasser das geschlossene Molekül auf, aus den Ringen werden Ketten von Hunderten von Molekülen.

Am Morgen des 29. Januar 1938 zieht Schlack nach einem nächtlichen Experiment aus seinem Laborofen rundliche Stäbe, zwei, drei Zentimeter dick und hochstabil. Das hornartige Material lässt sich schmelzen und zu endlosen Fäden aus aneinandergereihten Molekülen ziehen. Reißfest, dehnbar und temperaturbeständig: Die Eigenschaften sind die gleichen wie beim Nylon, doch während dieses – chemisch Polyamid 6,6 genannt – abwechselnd aus Molekülen von Hexamethylendiamin und Adipinsäure besteht, hängen im Perlon (Polycaprolactam oder Polyamid 6) immer die gleichen Moleküle aneinander.

Leserkommentare
  1. es heisst ja auch nicht Volkswagen-der Nazivolkswagen oder müssen jetzt alle Entwicklungen von 33-45 auf den Beinamen Nazi getauft werden ?

    21 Leserempfehlungen
    • Tiroler
    • 29. Januar 2013 16:57 Uhr

    Die rührende Geschichte mit dem Küchenkessel stimmt zwar, ist aber doch etwas zu vereinfachend. Der Laborant Ahrens, der auf Anweisung von Schlack die Versuche durchführte, köchelte in dem Kessel zunächst Cyclohexanonoxim,das dann, in 90prozentiger Schwefelsäure gelöst, durch einen Röhrenofen geschickt wurde, wobei sich das Oxim zu Caprolactam umlagerte. Die Polymerisation des Caprolactams vollzog sich dann in Gegenwart eines Katalysators in einem dickwandigen Glasrohr, das in einem Ofen eine Nacht lang auf 240 Grad erhitzt wurde. Es war also doch etwas komplizierter als Suppe kochen. Trotzdem Dank für den Artikel.

    9 Leserempfehlungen
  2. aber im dritten Absatz der ersten Seite steht etwas über das Nylon-Patent der Firma "DuMont", gemeint war wohl - so wie es auch im weiteren Artikel steht - "duPont".

    Liebe Grüße

    3 Leserempfehlungen
  3. Wo bitte ist Berlin-Lichtenhagen?

    Herr Schlack wollte ganz sicherlich nicht das Patent von
    Carothers (Polyamidmoleküle aus Hexamethylendiamin und Adipinsäure)umgehen, sondern einen eigenständigen Weg zur
    Synthese von Polyamiden finden (die Anzahl und Eigenschaften
    dieser Substanzklasse ist groß und Carothers und Schlack waren nicht die Einzigen, die sich damit beschäftigten). Es gibt auch sehr unterschiedliche Ausgangsmaterialien.
    Schlack benutzte Capronsäurelactam, aus Cyclohexanon bzw.
    Cyclohexanonoxim durch die sog. Beckmann´sche Umlagerung gewonnen.

    mfG

    3 Leserempfehlungen
    • kasi_z
    • 29. Januar 2013 20:37 Uhr

    Lichtenhagen gibt es nämlich in Berlin nicht....

    M.f.G.
    Kasi.

    2 Leserempfehlungen
  4. "So ein schwäbischer Beamtensohn arbeitet gründlich: Schlack nimmt sich einen Ausgangsstoff vor, den Carothers bereits verworfen hat, das ringförmige Molekül Caprolactam. Weil Gerätschaften aus Stahl im Deutschen Reich, das von seiner nationalsozialistischen Führung bereits auf den Krieg vorbereitet wird, nicht ohne Weiteres zu bekommen sind, nimmt Schlack mit einem für Großküchen gedachten Kessel vorlieb."

    Bitte den Sinnhalt des Ursprungsdokumentes zwischen Caprolactam und Stahlkesseln nachliefern. Ist so nicht nachvollziehbar was das eine mit dem anderen zu tun haben soll.

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  5. Nachdem in den 70er und 80er die echten Nylons durch die Strumpfhosen mit neuartigen Beimischungen wie Lycra verdrängt wurden, erobern seit ein paar Jahren die „echten Nylons“ wieder die Frauenbeine und die Männerherzen. Wie passend, denn nach Techno Styling und harten Beats rollt grade eine regelrechte Retro 20-40er Jahre Partywelle auf uns zu. Es wird wieder in eleganter Kleidung zu ElektroSwing getanzt.
    Nicht nur zu einem kessen Retrodress sind echte Nylons auch heute noch ein ganz besonderes modisches Highlight für die Beine einer Frau. Zugegeben, sie haben ihren Preis, da nur noch wenige Produzenten in der Welt die klassische Technik haben diese herzustellen. Ich freue mich darauf das es wieder eleganter wird !
    Wer mehr zum Thema wissen will, einfach googlen nach „nylon katalog“ oder „echte nylons“.

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  6. namens de Bakey der irgendwann in den 1940ern in einen Kurzwarenladen ging und Nylon kaufen wollte. Der Händler hatte gerade keins, "aber", meinte er," ich habe da was ganz Neues, das heisst Dacron" - so nähte de Bakeys Frau auf ihrer Nähmaschine die erste Y-Gefäßprothese nicht aus Nylon wie ursprünglich geplant sondern aus Dacron, was noch heute dafür verwendet wird (Quelle: in einem Vortrag selbst erzählt von de Bakey http://de.wikipedia.org/wiki/Michael_Ellis_DeBakey)

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