Protest gegen Deportation : Auf der Rosenstraße schrien sie die Nazis an

"Wir wollen unsere Männer wieder haben!" 1943 ließ das NS-Regime Tausende jüdische Zwangsarbeiter in Berlin verhaften. Mit Widerstand der Frauen hatte es nicht gerechnet.

Julius Israel ist Jude, und Juden müssen laufen. Doch Israel hofft auf eine Fahrgenehmigung: eine Bescheinigung, dass er auf dem Weg zur Arbeit öffentliche Verkehrsmittel benutzen darf. Er soll einen neuen Arbeitsplatz antreten, Zwangsarbeit in einer Fabrik am Alexanderplatz, mehr als sechs Kilometer von seinem Haus entfernt. Deshalb hat er eine Chance auf die Fahrerlaubnis. Am 27. Februar 1943, morgens um 7 Uhr, begibt sich Julius Israel auf den Weg zum Polizeirevier in der Berliner Grolmanstraße. Seiner Frau ruft er zu, er sei so um 10 Uhr zurück.

Aber Julius Israel kommt nicht. Auch nicht zum Mittagessen oder am Nachmittag. Er gerät in die "Großaktion Juden": Das NS-Regime fängt bis dahin von der Deportation verschont gebliebene Juden ein, um sie in die Vernichtungslager zu transportieren. Viele von ihnen sind Zwangsarbeiter, die meisten in Berlin. Sie werden in den Fabriken verhaftet. Nach 1945 entsteht für diesen Endspurt im Massenmord an den Juden im Reichsgebiet der Name "Fabrikaktion".

Charlotte Israel, selbst keine Jüdin, sucht ihren Mann. Sie erfährt, dass er verhaftet wurde, fragt im Polizeirevier nach. Die Beamten schicken sie in die Rosenstraße, in der Nähe des Alexanderplatzes. "Als ich mit meiner Mutter dort ankam, dämmerte es bereits", erinnert sie sich in den 1990er Jahren. "Ungefähr 150 Frauen waren schon da. Aber es wurden in den nächsten Tagen immer mehr. Ich schätzte die Zahl damals auf 1.000, es könnten auch noch mehr gewesen sein."

Wir haben (...) jeden Tag geschrien: "Wir wollen unsere Männer wiederhaben!
Charlotte Israel

In einem früher der jüdischen Gemeinde gehörenden Gebäude in der Rosenstraße haben SS und Gestapo verhaftete Juden aus Ehen mit "Deutschblütigen" untergebracht. Juden wie Julius Israel. Hinzukommen "Geltungsjuden", also Menschen, die nur zum Teil jüdischer Abstammung sind, aber nach den Rasseregeln des Regimes als Juden gelten. Rund 2.000 der mehr als 8.000 (nach anderen Angaben bis zu 10.000) bei der "Fabrikaktion" Verhafteten fallen in diese Kategorien.

Vor dem Gebäude stehen SS-Leute. "Sie sagten, wir sollten nach Hause gehen. Das haben wir nicht gemacht. Erst später, denn es war kalt. Aber wir haben abgesprochen: 'Wir kommen wieder.' Schon am nächsten Morgen", erzählt Charlotte Israel.

Und sie kommen wieder. Tag für Tag. Zehn Jahre, nachdem Adolf Hitler sein Tausendjähriges Reich ausgerufen hat, mitten im Terrorregime von SS und Gestapo, haben die Angehörigen verhafteter Juden den Mut zum Protest. "Wir haben immer wieder, immer weiter, jeden Tag geschrien: 'Wir wollen unsere Männer wiederhaben!'", berichtet Charlotte Israel.

Die Angst in der Menge der Protestierenden wächst

Historiker nehmen heute an, dass rund 600 Demonstrierende gleichzeitig auf dem Platz sind, der Protest insgesamt rund 1.000 Teilnehmer hat. Die meisten der Protestierenden sind Frauen. "Wir wussten, was passieren würde, wenn wir sie nicht herausbekämen. Einer von der SS hat gesagt: 'Lange geht das nicht gut. Das könnt ihr euch merken.'"

Nach einigen Tagen stellen Schutzpolizei und SS Maschinengewehre auf, fädeln Munitionsketten ein. "Sie haben gesagt: 'Wenn Sie jetzt nicht gehen, schießen wir!' Nun war uns alles egal. Wir brüllten: 'Ihr Mörder!'" Die SS schießt nicht. Doch die Angst in der Menge wächst. "Vor dem Lager herrschte jetzt Schweigen, nur noch vereinzeltes Schluchzen war zu hören. Mir selbst sind bei der Eiseskälte damals die Tränen im Gesicht gefroren. Das war der schlimmste Tag."

Am 6. März 1943 werden die Verhafteten freigelassen. Auch Julius Israel kommt nach Hause. "Er sah nicht sehr gepflegt aus", erinnert sich seine Frau, "aber er hatte sich rasieren lassen. Er hat lachend gesagt: 'Ich hätte doch sonst ausgesehen wie ein Jude.'"

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Kommentare

51 Kommentare Seite 1 von 3 Kommentieren

Finde ich nicht

Warum soll es nicht auch Berichte über den Widerstand geben? Ich denke jedem halbwegs informierten Menschen ist klar, dass solche mutigen Proteste die Ausnahme und nicht die Regel waren.

Schauen Sie sich mal BBC-Berichte über den 2. Weltkrieg an. Da sieht man dann z.B. einen Bericht über deutsche Kriegsgefangene, die nach dem Krieg in England noch einige Zeit Zwangsarbeit leisten mussten. Der Bericht wird aber durch den Focus auf das zutiefst menschliche und freundliche Verhalten einzelner Briten in eine Verherrlichung des eigenen Nationalcharakters umgemünzt. Oder z.B. einen Bericht über den alliierten Bombenkrieg mit Fokus auf den Heroismus der Bomberpiloten, indem die zivilen Opfer in Deutschland nur insofern eine Rolle spielen, als sie für die Nazi-Propaganda ausgeschlachtet werden konnten.

An den internationalen Standard in Punkto Selbstverherrlichung der eigenen Nation reichen wir mit solchen Berichten längst nicht heran, was ich auch nicht bedauere. Auch nicht an den DDR-Mythos.

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Für solche Zitate gibt es hunderte Quellen. In den 40er Jahren hat keine Seite großen Wert auf Diskretion oder gar Menschenrechte gelegt Insbesondere Churchill hat mehrfach öffentlich verkündet, das er alle deutschen Städte samt Einwohner vernichten wird, bis Deutschland kapituliert. Er sah den Bombenkrieg, insbesondere auch gegen die Bevölkerung, als notwendiges Mittel an um den Gegner zu brechen. Heute wissen wir das das eine strategische Fehleinschätzung war.

Im Gegensatz zu Roosvelt und Stalin bezog er sich aber immer nur auf die Zeit des Krieges und nicht die Nachkriegszeit So hatten englische Gefangenenlager mit die niedrigsten Sterberaten der Alliierten (Sowjets eingeschlossen).

die Zeit der Besatzung

Am Anfang hat der Bombenkrieg sogar die Wut und somit den Kampfeswillen der Deutschen gegen die Alliierten gestärkt. Dennoch darf man auch nicht verschweigen, dass das ständige Bombardement nach einigen Jahren allerdings ein Gefühl der Hilflosigkeit auslöste, was die anfängliche Wut verdrängte. Am Ende war die deutsche Bevölkerung dann einfach nur noch froh, dass es vorbei war.

In diesem Sinne stellt sich die Frage, ob es ohne den jahrelangen Bombenterror während des Krieges nach dem Krieg nicht zu mehr nationalsozialistisch motivierten Widerstand im Sinne der Werwolf Bewegung gekommen wäre. Ob dies den Bombenkrieg rechtfertigt? Das ist wohl Ansichtssache, aber Tatsache ist, dass nach dem Krieg fast kein Deutscher ein Interesse daran hatte die Alliierten zu bekämpfen. Stattdessen überschlug sich die Bevölkerung in ihrem Bemühen sich den Alliierten zu ergeben.