Protest gegen DeportationAuf der Rosenstraße schrien sie die Nazis an
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Gab es einen Schießbefehl und die "Mörder"-Rufe?

Nach dem Krieg bleibt die Protestaktion in der Rosenstraße lange eine fast vergessene Episode der NS-Geschichte. Als ein US-Historiker, Nathan Stoltzfus von der Florida State University in Tallahassee, 1989 in der ZEIT über die Demonstration schreibt, löst er eine anhaltende Kontroverse aus: Hat wirklich der Protest dazu geführt, dass die Inhaftierten freikamen? Oder entsprach es schlicht den Plänen des Reichssicherheitshauptamts für die Fabrikaktion?

Goebbels über den Rosenstraßen-Protest

Propagandaminister Josef Goebbels schreibt am 6. März in sein Tagebuch, angesichts der "unliebsamen Szene" in der Rosenstraße habe er angewiesen, "die Judenevakuierung nicht ausgerechnet in einer so kritischen Zeit fortzusetzen. Wir wollen uns das lieber noch einige Wochen aufsparen; dann können wir es umso gründlicher durchführen". Einige Tage später notiert er, "die Evakuierung der Juden aus Berlin hat doch zu manchen Misshelligkeiten geführt. Leider sind dabei auch die Juden und Jüdinnen aus privilegierten Ehen zuerst mit verhaftet worden, was zu großer Angst und Verwirrung geführt hat."

Gedenken

Seit 1995 erinnert ein Denkmal von Ingeborg Hunzinger an den Protest in der Rosenstraße und, so die Inschrift, "die Kraft des Zivilen Ungehorsams und die Kraft der Liebe". Auch eine Gedenktafel und eine rote Litfaßsäule sowie eine kleine Ausstellung im Foyer eines nahen Hotels dokumentieren die Ereignisse. Margarethe von Trottas Film Rosenstraße von 2003 werfen Historiker vor, Realität und Fiktion unzulässig zu vermengen und so die Vorgänge zu banalisieren.

Der Befehl vom 20. Februar 1943 sah vor, dass in Mischehe lebende Juden sowie einige andere Gruppen nicht deportiert werden sollten. In der Rosenstraße, meinen manche Historiker, sollte nur überprüft werden, zu welcher Gruppe die Verhafteten gehören. Stoltzfus meint, die Deutschen wollten nicht wahrhaben, dass Widerstand gegen den NS-Terror möglich war. Denn dann stelle sich die Frage, warum nicht mehr Deutsche den Mut dazu fanden. Historiker zweifeln allerdings an der Drohung der SS, zu schießen, ebenso wie an den "Mörder"-Rufen, die nicht ausreichend belegt seien.

Entscheidend ist jedenfalls nicht, ob die Proteste in der Rosenstraße zur Freilassung führten. Entscheidend ist, dass die Frauen ihre Angst überwanden. "Ich habe daran gedacht, was werden wird, wenn wir erschossen würden", erzählt Charlotte Israel, "in der Hauptsache habe ich an meinen Mann gedacht. 'Jetzt kann ich ihn überhaupt nicht mehr retten', habe ich gedacht, 'jetzt ist alles aus'." Mehrere Tausend Juden, die in der Fabrikaktion verhaftet werden, haben nicht das Glück, wie Julius Israel freizukommen: Sie werden in Auschwitz ermordet.

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Leserkommentare
  1. Drohnen über Afghanischen Bauern Bomben abwerfen lassen, in Mali Tod und verderben verbreiten (schon eine halbe Millione Flüchtlinge), feuern die Todesschwadronen in Syrien an, die meuchelmrdend durch die Straßen ziehen und klopfen uns für den Widerstand gengen die Nazis auf die Schuldern, den es offen ausgesprochen so nicht wirklich gab.

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    Was für seltsame Vergleiche. "Tod und Verderben" in Mali verbreiten wohl hauptsächlich islamistische Fanatiker. Und was hat Widerstand gegen die Nazi-Diktatur, den es vereinzelt tatsächlich gab (wie man am Beispiel der mutigen Frauen in diesem Artikel sieht), mit den von Ihnen erwähnten Todesschwadronen Assads zu tun?

    • tronco
    • 27. Februar 2013 18:07 Uhr

    Ihr Kommentar ekelt mich ein wenig an:

    Zum einen, weil Sie in sich in der Lage wähnen, Situationen von '33 bis '45 mit Afghanistan zu vergleich, und zum anderen, weil Sie sich selbst bestialisch widersprechen, indem Sie über den Einsatz in Afghanistan Leid klagen und sich über das Heraushalten in Syrien beschweren.

    Aber seis drum, derMensch ist sich selbst ja nicht der Wolf, sondern es geht ja noch viel präziser: Der westliche Mensch ist der Wolf! Und mit noch größerer Präzision: Der Deutsche und diesen Wölfen muss gewiss der Rudelsführer sein.

  2. Züge der DDR-Sicht auf die Geschichte.
    Da kam es einem auch vor, als hätte der Widerstand das 3.Reich dominiert.

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    • Ziyou54
    • 27. Februar 2013 15:26 Uhr

    die schwarze Seite der Medaille eingehämmert bekommen hat. Es wird Zeit, dass die andere Seite auch auf den Tisch kommt.
    Wir sollten uns fragen, was wir nach 1945 getan haben um himmelschreiendes Unrecht, Mord und Todschlag unserer neuen Verbündeten zu verhindern?

    Warum soll es nicht auch Berichte über den Widerstand geben? Ich denke jedem halbwegs informierten Menschen ist klar, dass solche mutigen Proteste die Ausnahme und nicht die Regel waren.

    Schauen Sie sich mal BBC-Berichte über den 2. Weltkrieg an. Da sieht man dann z.B. einen Bericht über deutsche Kriegsgefangene, die nach dem Krieg in England noch einige Zeit Zwangsarbeit leisten mussten. Der Bericht wird aber durch den Focus auf das zutiefst menschliche und freundliche Verhalten einzelner Briten in eine Verherrlichung des eigenen Nationalcharakters umgemünzt. Oder z.B. einen Bericht über den alliierten Bombenkrieg mit Fokus auf den Heroismus der Bomberpiloten, indem die zivilen Opfer in Deutschland nur insofern eine Rolle spielen, als sie für die Nazi-Propaganda ausgeschlachtet werden konnten.

    An den internationalen Standard in Punkto Selbstverherrlichung der eigenen Nation reichen wir mit solchen Berichten längst nicht heran, was ich auch nicht bedauere. Auch nicht an den DDR-Mythos.

    und auch wenn es nicht in Ihr Weltbild passt: Es gab diese Deutsche, die ihre Möglichkeiten zum Widerstand bis in die eigene Lebens-Gefährdung ausschöpften und die Juden halfen, zu überleben!
    Lesen Sie Inge Deutschkron/ Ich trug den gelben Stern - die Schilderung im Letzten Teil des Erlebnisromans über U-Boote in Berlin zum Ende des "1000 jährigen Reiches".
    Machen Sie sich kundig über Yad Vashem und der Allee der Gerechten unter den Völkern - die auch die Namen Deutscher aufführt.
    Oder im Kleinen: jüdische Zwangsarbeiter, die durch Bremen zur Arbeit getrieben wurden, wurde aus offenstehenden Fenstern Essen rausgeworfen - eine Tat, die mit dem Tod bestraft worden wären.

    Wer heute so selbstgerecht urteilen möchte "das hat keinen Nennwert" - für mich ist der feige und überheblich: Das waren Menschen die den eigenen Tod riskierten - es gab sie; und so, wie Sie das als Reinwaschungsversuch der Masse herabsetzen wollen, entwürdigen Sie diese Einzelnen, die eben ihr Leben riskierten - die etwas taten, unter Lebensgefahr für das eigene Leben.

    Das ist etwas anderes als sich heute hinzustellen und zu behaupten "Mit mir würde es das heute nicht geben!" - das müsste sich erst einmal zeigen, wenn es solche Zustände heute noch einmal geben würde - wetten, dass viele, die heute behaupten, sie würden sich solchen Zuständen entgegenstellen dann plötzlich ganz schnell einen überaus wichtigen Termin beim H-N-O- Arzt hätten und leider nicht mitretten können ... Wetten?

  3. Was für seltsame Vergleiche. "Tod und Verderben" in Mali verbreiten wohl hauptsächlich islamistische Fanatiker. Und was hat Widerstand gegen die Nazi-Diktatur, den es vereinzelt tatsächlich gab (wie man am Beispiel der mutigen Frauen in diesem Artikel sieht), mit den von Ihnen erwähnten Todesschwadronen Assads zu tun?

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    bevor Sie ihre reflexartige Retourkutsche fahren

    Es geht immerhin um das Leben unschuldiger Menschen, Lügen, die das ermöglich(t)en und Menschen die diese Lügen leb(t)en - und damals wie heute sind nicht einfach die schwächerenen die Schuldigen - vielleicht denken Sie doch noch einmal darüber nach.

    • Ziyou54
    • 27. Februar 2013 15:26 Uhr

    die schwarze Seite der Medaille eingehämmert bekommen hat. Es wird Zeit, dass die andere Seite auch auf den Tisch kommt.
    Wir sollten uns fragen, was wir nach 1945 getan haben um himmelschreiendes Unrecht, Mord und Todschlag unserer neuen Verbündeten zu verhindern?

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    ändern an der Sicht auf das 3. Reich nichts: Die Rosenstraßendemonstration 1943 war die Ausnahme - leider.

    Entfernt. Doppelposting. Danke, die Redaktion/jk

    • TDU
    • 27. Februar 2013 17:40 Uhr

    Ich hoffe, Sie meinen jetzt beide Länder oder wollen wir in eine Qualitätsanalyse eintauchen?. Der Westen hatte immerhin die Studenten.

    Aber dass die DDR die nach Prag nicht hatte, würde ich dem einfachen Menschen nie vorwerfen. Also lassen wird das doch und nehmen diese Frauen als das, was sie waren. Mutig, ob sie nun Erfolg hatten oder nicht.

  4. wichtiger wäre wohl der Widerstand jetzt, nicht wahr? Der Blick nach hinten sollte nicht den Blick auf das Heute vernebeln. Bleiben wir beim Hier und Jetzt! Das sind wir der Geschichte und den damit im Zusammenhang stehenden Erfahrungen schuldig.

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    > wichtiger wäre wohl der Widerstand
    > jetzt, nicht wahr?

    Natürlich ist "Widerstand jetzt" wichtig, wie man am Beispiel des alljährlichen Widerstands Dresdner Bürger gegen Neonazis in ihrer Stadt sieht.

  5. > wichtiger wäre wohl der Widerstand
    > jetzt, nicht wahr?

    Natürlich ist "Widerstand jetzt" wichtig, wie man am Beispiel des alljährlichen Widerstands Dresdner Bürger gegen Neonazis in ihrer Stadt sieht.

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    Antwort auf "Schon richtig, doch..."
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    Churchill, der damals - wie Sie jetzt - 100% im Recht war gegen die "fanatischen Nazis" sagte:

    “I do not want suggestions as to how we can disable the economy and the machinery of war, what I want are suggestions as to how we can roast the German refugees on their escape from Breslau”

    Womit er, unter anderem jene normalen menschen meinte, wie sie im obigen Artikel beschrieben werden.

  6. bevor Sie ihre reflexartige Retourkutsche fahren

    Es geht immerhin um das Leben unschuldiger Menschen, Lügen, die das ermöglich(t)en und Menschen die diese Lügen leb(t)en - und damals wie heute sind nicht einfach die schwächerenen die Schuldigen - vielleicht denken Sie doch noch einmal darüber nach.

    2 Leserempfehlungen
  7. Churchill, der damals - wie Sie jetzt - 100% im Recht war gegen die "fanatischen Nazis" sagte:

    “I do not want suggestions as to how we can disable the economy and the machinery of war, what I want are suggestions as to how we can roast the German refugees on their escape from Breslau”

    Womit er, unter anderem jene normalen menschen meinte, wie sie im obigen Artikel beschrieben werden.

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    > Churchill, der damals - wie Sie jetzt -
    > 100% im Recht war gegen die "fanatischen Nazis"
    > sagte:
    > (...)

    Ah, daher weht der Wind.

    • okmijn
    • 27. Februar 2013 17:57 Uhr

    Da gibt es doch sicher noch eine Quelle zu...

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  • Schlagworte Adolf Hitler | Protest | Vernichtungslager | Alexanderplatz | Berlin
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