Heute ist fast jeder Fünfte in den westdeutschen Bundesländern konfessionslos. Noch viel weniger Gläubige gibt es in der ehemaligen DDR mit ihrer atheistischen Leitkultur: Zwei von drei Ostdeutschen gehören keiner Religionsgemeinschaft an.

Demgegenüber bekannten sich nach dem Zweiten Weltkrieg, vor rund 70 Jahren, noch 95 Prozent der Deutschen als Christen. Mit dem Schwund, der sich in Zahlen äußert, geht ein fortschreitender Bedeutungsverlust der christlichen Lehre in der Gesellschaft einher. Das zeigt der Münsteraner Geschichtsprofessor Thomas Großbölting in seinem neuen Buch Der verlorene Himmel. Glaube in Deutschland seit 1945 (Verlag Vandenhoeck & Ruprecht 2013). Dabei ist der 1969 geborene Autor keineswegs ein missgünstiger Betrachter, er hat vielmehr selbst auch katholische Theologie studiert.

Wie sehr die beiden großen Kirchen aus der Mitte an den Rand des gesellschaftlichen Konsenses gerückt sind, erweist sich derzeit etwa an der Empörung über katholische Krankenhäuser, die vergewaltigten Frauen eine Pille danach verweigerten und auch weiterhin keine Abtreibung, höchstens eine Notverhütung unterstützen dürfen.

Im Falle gleichgeschlechtlicher Lebenspartnerschaften sträuben sich auch evangelische Landeskirchen gegen die Gleichstellung mit Ehepaaren, trotz gegenteiliger Ermahnungen des Bundesverfassungsgerichts

Aus vielen Lebensbereichen haben sich die Kirchen seit Mitte des vorigen Jahrhunderts mehr und mehr zurückgezogen, so während des Wirtschaftswunders und nachfolgender Wirtschaftskrisen vor allem aus der Sozialpolitik. Bezeichnend für den resignativen Standpunkt gegenüber der "profan" gewordenen Politik überhaupt ist beispielsweise der Rat des Kölner Erzbischofs Joachim Meisner, die CDU möge auf das große C im Namen verzichten.

Die Illusion von der heiligen Familie

Dass sich die Kirchen aber nach wie vor ausgerechnet in Fragen der Sexualmoral stark zu Wort melden, erklärt Historiker Großbölting aus andauernden Nachkriegsträumen. Nach dem Zusammenbruch der Naziherrschaft betrachteten die Bischöfe die Familie als "Kirche im Kleinen" und tragendes Fundament und Vorschule einer besseren Gesellschaftsordnung.

Dabei war noch bis in die fünfziger Jahre die "Hausfrauenehe" der Normalfall. Erst 1958 wurde die Rechtsgleichheit von Mann und Frau in der Bundesrepublik Gesetz. Und erst seit gut 30 Jahren, genau seit 1977, darf die Ehefrau offiziell auch ohne Einverständnis ihres Mannes berufstätig sein.

Mit den vormaligen und inzwischen längst überlebten Regelungen und Selbstverständlichkeiten sind die meisten Kirchenoberen von heute aber noch in ihrem christlichen Elternhaus aufgewachsen. Für sie war der soziale Wandel ein schwieriger Lernprozess – nicht nur mit den Neuerungen in der Arbeitswelt, sondern gerade auch im modernen Familien- und Sexualleben: 1960 kam die Antibabypille auf den Markt – woraufhin der Papst 1968 mit der "Pillenenzyklika" gegen die künstliche Empfängnisverhütung und für das Kinderkriegen reagierte. Der Schwangerschaftsabbruch bleibt seit 1976 straffrei, wenn sich die Frau etwa aus einer "sozialen Notlage" dazu entschließt.