Katholische KirchePäpste mit Burn-out gab es immer

Petrus, der erste römische Bischof, wollte fliehen. Coelestin, der Einsiedler auf dem Papstthron, hat aufgegeben. Eine Geschichte der pontifikalen (Beinah-)Rücktritte von Thomas Lackmann

Ist ein Pontifex, der sich davonmacht, ein Deserteur? Am Anfang der knappen Abtritts-Geschichte des fast 2.000-jährigen Papsttums steht eine rührende Legende. Die katholische Kirche leitet die Institution ihres zentralen Leitungsamtes ja von Petrus ab, den Bischof von Rom, den Jesus Christus zum Felsen der Kirche eingesetzt habe.

Allerdings berichten die Evangelien auch von den Schwächen dieses Stellvertreters, der seinen Chef in der Nacht vor Karfreitag dreimal verleugnete und daraufhin nach der Auferstehung dreifach insistierend befragt wurde: ob er ihn wirklich liebe. Eine Begegnung, die mit dem geheimnisvollen Satz endete: "Da du jung warst, gürtetest du dich selbst und gingst, wohin du wolltest. Bist du aber alt geworden, so … wird ein anderer dich gürten und führen, wohin du nicht willst."

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Der legendäre Rücktrittsversuch des ersten römischen Bischofs steht unter dieser Weissagung: Im Jahr der Christenverfolgung 64 flieht der gefährdete Petrus, will seine Gemeinde verlassen – und begegnet auf der Via Appia seinem Meister. "Domine quo vadis?" Die Antwort Jesu, er sei unterwegs, um sich zum zweiten Mal kreuzigen zu lassen, trifft den Apostel ins Mark. Er macht kehrt, wird während Neros Massenhinrichtungen mit dem Kopf nach unten gekreuzigt.

Schon Petrus wollte nicht mehr

Obwohl die Ausübung des römischen Bischofsamtes im Martyrium enden oder als Martyrium erlebt werden kann, hat es durchaus Karrieristen gegeben, die den Top-Posten anstrebten und an seinen Pfründen geklebt haben. Der Ausspruch Leos X., "Da Gott Uns Papsttum verliehen hat, so lasst es Uns genießen" ist berühmt. Möglicherweise hat dieser junge Renaissance-Fürst, wie einige Vorgänger, erst als Giftmordopfer die Kathedra Petri geräumt.

Auch Papst-Absetzungen durch Konzilsbeschluss waren im Hochmittelalter der Gegenpäpste machbar. Den einzigen freiwilligen Abtritt jedoch riskierte bis zum heutigen Tag Coelestin V., jener fromme, 1294 nach dreijährigen Wahlquerelen erkorene Einsiedler, der schon fünf Monate darauf, möglicherweise vor dem Monstrum seines Amts-Apparates, resignieren sollte.

Sein paranoider Nachfolger Bonifaz VIII. hielt ihn dann 18 Monate lang, bis zu seinem Tode, in einer Vier-Quadratmeter-Zelle auf dem Kastell Fumone in Latium gefangen. Coelestin wurde später heiliggesprochen, aber in puncto Rücktritt kaum zur Nachahmung empfohlen: Das Regiment des Bonifaz, dem sein Zeitgenosse Dante in der "Göttlichen Komödie" einen Platz in der Hölle anwies, zeigte die katastrophalen Folgen der gutgemeinten Demission. Kein Papst hat jemals für seinen Clan mehr Immobilien zusammengerafft als dieser Bonifaz, der sein eigenes Standbild am Hochaltar platzierte und den Universalanspruch päpstlicher Machtausübung als heilsnotwendig für jede Kreatur so nachdrücklich propagierte wie niemand zuvor. Er war Verkörperung des Caesaropapismus.

Andere Päpste wurden gefeuert

Mehr als 760 Jahre nach Coelestin und Bonifaz hat sich dann einer ihrer Nachfolger, der 264. römische Bischof, mit diesen ungleichen Amtsträgern befasst, aber auch mit dem Problem der Ablösung in einer Wahlmonarchie. Paul VI. suchte die nahe beieinander gelegenen Sterbeorte der mittelalterlichen Vorgänger auf - und schrieb in seinem Testament: "Mehr als die physische Müdigkeit, die Bereitschaft, in jedem Augenblick wegzutreten, scheint mir die Dramatik meiner Verantwortung nahezulegen, dass mein Auszug aus dieser Welt die beste Lösung ist, damit die Vorsehung die Kirche zu einer besseren Zukunft führen kann."

Paul VI. hatte zu diesem Zeitpunkt das II. Vatikanische Konzil mit Reformenergie zu Ende geführt, war in den Mühen der Ebene angekommen. Er provozierte den Aufstand seines Apparates, schrieb Diözesanbischöfen vor, mit 75 ihren Rücktritt einzureichen; Kardinäle sollten mit 80 das Wahlrecht fürs Konklave verlieren. "Und der Papst, was macht der?" kritzelte er damals selbst auf den Aktendeckel – ließ sich aber von der Konsequenz des Gedankens durch Experten abraten: im Hinblick auf juristische und praktische Hürden. Nach der Niederschrift jener resignierten Testamentsnotiz hat er noch weitere zehn Jahre bis 1978 regiert.

Auch Päpste sind sterblich

Joseph Ratzinger, der Konzilstheologe, ist vom Pontifikat Paul VI. mindestens so stark geprägt worden wie durch das medial präsente Agieren und Sterben seines Vorgängers Johannes Paul II. Er weiß um jene "Theologie der Hinfälligkeit", die das Papsttum des Mittelalters seinerzeit entwickelt hat, um den Konflikt zwischen kreatürlicher Schwäche und heiliger Amtsfülle irgendwie zu verarbeiten. Er kennt jene drastischen Demutsriten, die dem Neugewählten über Jahrhunderte bei seiner Krönung demonstrierten, dass er trotz ungeheurer Macht verletzlich und sterblich sei.

Der rationale Beitrag des Intellektuellen Ratzinger zur Entwicklung des Papsttums liegt nicht im Erlass einer Verfügung, Päpste müssten künftig mit 85 Jahren den Vatikan räumen, sondern nun im eigenen, logischen Vollzug des Naheliegenden bei nachlassender Amtsfähigkeit.

Die rätselhafte Ankündigung im Johannesevangelium, Petrus (oder einer von dessen Nachfolgern) müsse sich zuletzt dahin führen lassen, wohin er nicht wolle, mag Benedikt XVI. ganz persönlich auf das Drama des Kontrollverlusts beziehen: auf das Alter, den Tod, auf das Sich-selbst-abhanden-Kommen wie auf das Amt, hinter dem er als Individuum verschwindet.

Erschienen im Tagesspiegel

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Leserkommentare
  1. Besser wäre es aber, nicht auf dieser unsäglichen Burnout-Welle zu reiten. Was auch immer den Papst im Detail bewogen hat, das ist KEIN Burnout.

    Greift das inzwischen eigentlich um sich, dass hier solche Modebegriffe inflationär, aber völlig falsch verwendet werden? Siehe http://www.zeit.de/karrie...

    6 Leserempfehlungen
  2. ...ist den Begriff "Burn-Out" im Zusammenhang mit dem Rücktritt eines 85-Jährigen Menschen zu benutzen.

    7 Leserempfehlungen
    • drusus
    • 12. Februar 2013 18:16 Uhr

    Der Papst ist am Ende seines Lebens. Er möchte jetzt seine Ruhe haben. Und das ist zu respektieren.

    2 Leserempfehlungen
  3. Jedenfalls zeigt der Rücktritt m.E., dass die Wahl falsch war, die Aufgabe war zu groß. Denn er will sich ja nicht nur dem Gebet und der Meditation widmen, sondern auch - wie gemeldet wird - Bücher schreiben. Das ist sein Interesse: Die Theologie. Darum hätte er wohl diese herausragende Position mit vielen Repräsentationspflichten nicht annehmen sollen.

    Das Alter scheint mir eher ein vorgeschobener Grund zu sein, es sei denn, es gibt eine öffentlich nicht bekannte Krankheit. Denn bisher waren ja alle Insider des Lobes voll über sein Arbeitstempo und seine Agilität.

  4. besonders für den religiös wenig bewanderten. Interessante Geschichten, wirklich.
    Nur die Überschrift, da ist Ihnen etwas gründlich mißlungen.
    Abgesehen vom Alter des aktuellen Pabstes, schon da ist burn out komplett daneben.
    Aber die Begründung des Rücktritts, also körperliche und geistige Überforderung der noch vorhandenen Kräfte, ist das wirklich ein burn out?
    Nur mal so, wenn ein Mitarbeiter einer Firma z.B. durch Beförderung ein deutlich komplexeres Aufgabengebiet bekommt und dieses nicht meistert, wie würden Sie das nennen?

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  5. Woher kommt die Behauptung, Petrus sei in Rom gewesen? Die Bibel weiß jedenfalls nichts davon. Paulus hat über "den Kephas" ziemlich abgelästert. In seinem Römerbiref grüßt er viele - aber keinen Petrus.

    Weiß der Autor vielleicht, aus welcher Quelle diese Story stammt? Würde mich sehr interessieren.

    Mir scheint, die kath. Kirche hat dieses "Mischwesen Petrus-Paulus" erfunden, um ihren Allmachtsanspruch zu legitimieren. Vielleicht musste sie deshalb die Bibel-Lektüre jahrhundertelang verbieten, damit ihr niemand auf die Schliche kommt.

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    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    2009 erschien ein viel diskutiertes Buch in dem systematisch kritisch die antiken Quellen untersucht werden, die von einem Aufenthalt "Petrus in Rom" zeugen.
    Leseproben dazu kann man hier einsehen:
    http://books.google.de/bo...

    Biblisch bezeugt ist unabhängig davon, dass Petrus verheiratet war (Jesus heilte dessen Schwiegermutter) und dass er auf seinen Missionsreisen von seiner Ehefrau begleitet wurde:
    So fragt Paulus im Machtkampf um die Anerkennung als "Apostel":
    "Haben wir nicht auch das Recht, eine Ehefrau mit uns zu führen wie die anderen Apostel und die (leiblichen) Brüder des Herrn und Kephas (lat.Petrus)?"
    (1.Korintherbrief 9,5)

    Ob der scharfsinnige Theologe und Petrus-Nachfolger Ratzinger jemals etwas über die von Paulus bezeugte Existenz der Ehefrau des "1.Bischofs von Rom" verlauten ließ oder darüber, dass die ersten Apostel auch Ehemänner u. vermutlich auch Familienväter waren, ist mir nicht bekannt.

    Weithin unbekannt ist auch, dass Maria Magdalena,(enge Vertraute Jesu, auf die Petrus deshalb stink-eifersüchtig* war) Jahrhunderte lang als "apostula apostulorum" (Apostelin der Apostel) - auch in der Kunst- hoch verehrt wurde, während sie im späteren Volksglauben dank frauenfeindlicher Kirchenlehre vor allem mit der Facette der reuigen Nutte u.Ehebrecherin im kollektiven Christengedächtnis verankert wurde.
    ---
    *lt.Textüberlieferung von Nag Hammadi, 2.Jh.n.Chr. "Das Evangelium der Maria"

  6. 2009 erschien ein viel diskutiertes Buch in dem systematisch kritisch die antiken Quellen untersucht werden, die von einem Aufenthalt "Petrus in Rom" zeugen.
    Leseproben dazu kann man hier einsehen:
    http://books.google.de/bo...

    Biblisch bezeugt ist unabhängig davon, dass Petrus verheiratet war (Jesus heilte dessen Schwiegermutter) und dass er auf seinen Missionsreisen von seiner Ehefrau begleitet wurde:
    So fragt Paulus im Machtkampf um die Anerkennung als "Apostel":
    "Haben wir nicht auch das Recht, eine Ehefrau mit uns zu führen wie die anderen Apostel und die (leiblichen) Brüder des Herrn und Kephas (lat.Petrus)?"
    (1.Korintherbrief 9,5)

    Ob der scharfsinnige Theologe und Petrus-Nachfolger Ratzinger jemals etwas über die von Paulus bezeugte Existenz der Ehefrau des "1.Bischofs von Rom" verlauten ließ oder darüber, dass die ersten Apostel auch Ehemänner u. vermutlich auch Familienväter waren, ist mir nicht bekannt.

    Weithin unbekannt ist auch, dass Maria Magdalena,(enge Vertraute Jesu, auf die Petrus deshalb stink-eifersüchtig* war) Jahrhunderte lang als "apostula apostulorum" (Apostelin der Apostel) - auch in der Kunst- hoch verehrt wurde, während sie im späteren Volksglauben dank frauenfeindlicher Kirchenlehre vor allem mit der Facette der reuigen Nutte u.Ehebrecherin im kollektiven Christengedächtnis verankert wurde.
    ---
    *lt.Textüberlieferung von Nag Hammadi, 2.Jh.n.Chr. "Das Evangelium der Maria"

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