ForscherstreitMegargee weist Kritik an Holocaust-Studie zurück

In der neuen Studie stünden lediglich schon bekannte Forschungsergebnisse, kritisierte ein deutscher Historiker. Der Autor der Studie wehrt sich gegen die Vorwürfe. von 

Der US-Historiker Geoffrey Megargee weist Vorwürfe zurück, nach denen seine Holocaust-Studie überwiegend aus bereits bekannten Forschungsergebnissen bestehe. "Die Behauptung, wir hätten nur Material aus anderen Arbeiten zusammengetragen, ist schlicht nicht wahr", schreibt er in einer Stellungnahme, die ZEIT ONLINE vorliegt. Die Studie dokumentiere beispielsweise mehr als 300 Ghettos im besetzten Osteuropa, die bislang noch nicht bekannt gewesen seien.

Der deutsche Antisemitismusforscher Wolfgang Benz hatte Megargee im Interview mit ZEIT ONLINE vorgeworfen, bei ihm und seinen Mitarbeitern "abgekupfert" zu haben. Er selbst hätte bereits vor drei Jahren eine neunbändige Dokumentation aller deutschen Konzentrationslager herausgegeben, die von den Medien nicht beachtet worden sei.

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Beide Forscher nehmen für sich in Anspruch, zuerst herausgefunden und dokumentiert zu haben, wie viele Konzentrationslager es in Deutschland während des Zweiten Weltkriegs gegeben hat. Im Januar hatten Megargee und seine Mitarbeiter eine Enzyklopädie veröffentlicht, in der von rund 42.500 Lagern die Rede ist, also rund 35.500 mehr als bislang angenommen. Am 1. März hatte die New York Times über die "schockierende" neue Studie berichtet und damit einen weltweiten Medienrummel ausgelöst.

In seiner Stellungnahme wehrt sich Megargee auch gegen Kritik an der Bezeichnung "Enzyklopädie". "Wir definieren das Wort nicht so streng. Wir wissen, dass sie nicht vollständig sein kann." Die Ergebnisse spiegelten den derzeitigen Stand der Forschung wider und seien für das Verständnis des Nationalsozialismus und des Holocausts von großem Wert.

Benz hatte die Bezeichnung "Enzyklopädie" als "größenwahnsinnig, frech und überheblich" kritisiert: Eine Enzyklopädie erhebe den Anspruch, "ihrem Leser alle wichtigen Informationen zu vermitteln". Bei der NS-Forschung sei das aber nicht möglich, da diese noch "nicht einmal ansatzweise abgeschlossen" sei.

In einer früheren Version des Artikels war von 42.500 Konzentrationslagern die Rede. Unter dem Begriff "Lager" wurden in der Studie allerdings nicht nur Konzentrationslager erfasst. Wir haben den Fehler korrigiert.

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Leserkommentare
  1. Es sei den Beteiligten angeraten, ihre Kritik sachlich in den einschlägigen Fachjournalen zu begründen und ihre Befindlichkeiten hinten anzustellen.

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  2. peinlich und unwürdig was Herr Megargee und Herr Benz veranstalten.

    Es ist Kindergarten-Niveau sich zu zanken nach dem Motto: Ich habs zuerst geschrieben - nein ich - gar nicht.

    Es ist prestige-geifernde Kleingeisterei und dem Thema wenig zuträglich.

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    "Es ist Kindergarten-Niveau sich zu zanken nach dem Motto: Ich habs zuerst geschrieben - nein ich - gar nicht"

    Danke - das Wort "Kindergarten" ging mir auch als Erstes durch den Kopf.

    Vielleicht könnten die beiden Herren diesen Streit unter sich ausmachen?

    Von der amerikanischen Studie zu lesen war interessant, aber mit den Eitelkeiten einzelner Forscher möge man uns doch bitte verschonen.

  3. "Im Januar hatten Megargee und seine Mitarbeiter eine Enzyklopädie veröffentlicht, in der von rund 42.500 Konzentrationslagern die Rede ist, also rund 35.500 mehr als bislang angenommen."

    Das ist nicht richtig - in der Studie geht es mitnichten nur um Konzentrationslager, sondern um "camps"/Lager, einem viel weiter gefassten Begriff, der auch Zwangsarbeiterlager, Ghettos etc. umfasst (nur deshalb ist die neue Zahl so hoch).

    In einem ZEIT Online-Interview zum Thema war von "Orte der Gewalt" die Rede, das passt, denke ich, ganz gut.

    Viele Leser/innen hier waren verwirrt, weil im Deutschen der Begriff "Lager" eben meist mit "Konzentrationslager" gleichgesetzt wird.

    Es wäre schön, wenn Sie im Text "Konzentrationslager" durch "Lager" ersetzen würden, denn so ist es sachlich falsch und verstärkt die Veriwirrung.

    Gruß,
    leanders

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    findet nicht nur unter Forschern, sondern auf allen medialen Rummelplätzen ab

    "Am 1. März hatte die New York Times über die "schockierende" neue Studie berichtet und damit einen weltweiten Medienrummel ausgelöst.",
    an dem ZEITonline leider durch blinde, nicht nachrecherierte Übernahme auf ebenso "schockierende" Weise mitbeteiligt war.

    Wenigstens wird sich jetzt (häppchenweise) um Schadensbegrenzung bemüht. Was dabei allerdings immer wieder auffällt:
    Erst dank sachkritischer Reaktionen und Hinweise vieler irritierter LeserInnen...
    Vertrauensbildend ist derartiger Schnellschuss-Journalismus jedenfalls nicht!

    der hat schon vor mehr als dreißig Jahren begriffen, daß die KZ, die Stalag und Zwangsarbeiterlager nicht an einer Hand abgezählt werden konnten. Aber jeden Bauernhof, der Zwangsarbeiter und/oder Kriegsgefangene oder jede Fabrik die Häftlinge, Kriegsgefangenen oder Zwangsarbeiter beschäftigte nun einzeln aufzuführen ist nun gerade keine neue "wissenschaftliche" Leistung, die mit dem Begriff "Enzyklopädie" als herausragende Leistung gekennzeichnet werden muß.

    In meinen Gesprächen mit Freunden, die im Widerstand gegen das NS-Regime waren, oder mit meinem Großvater, der Bauer war und durch lesen von Literatur, wie Eugen Kogon Der SS-Staat, war sehr schnell klar, daß das Netz der Lager viel größer war als auf dem ersten Blick sichtbar.

    Nun aber die reine Zählung ohne genaue Erforschung der Lagergeschichten als Großtat hinzustellen, wie es Herr Megargee durch den Begriff "Enzyklopädie", das ist peinlich. Würde er den Begriff reell ausfüllen wollen, dann müßte er die Geschichte jeden Bauernhofes oder Handwerksbetriebes in dem Zwangsarbeiter oder Kriegsgefangene beschäftigt waren im Einzelnen aufführen mit den Gründen die zur Beschäftigung der betreffenden Personengruppen geführt haben!

  4. "Es ist Kindergarten-Niveau sich zu zanken nach dem Motto: Ich habs zuerst geschrieben - nein ich - gar nicht"

    Danke - das Wort "Kindergarten" ging mir auch als Erstes durch den Kopf.

    Vielleicht könnten die beiden Herren diesen Streit unter sich ausmachen?

    Von der amerikanischen Studie zu lesen war interessant, aber mit den Eitelkeiten einzelner Forscher möge man uns doch bitte verschonen.

    3 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Ich empfinde es als"
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    oder halten Sie die Guttenberg-Schavan-Debatten und die damit zusammenhängenden Sachverhalte für überflüssig/nicht-der-Rede-wert? Es geht hier um die Zurechnung von wissenschaftlichen Leistungen und um evt. Plagieren.

  5. oder halten Sie die Guttenberg-Schavan-Debatten und die damit zusammenhängenden Sachverhalte für überflüssig/nicht-der-Rede-wert? Es geht hier um die Zurechnung von wissenschaftlichen Leistungen und um evt. Plagieren.

    9 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Kindergarten"
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    Herr Benz "hatte die Bezeichnung "Enzyklopädie" als "größenwahnsinnig, frech und überheblich" kritisiert". Solch eine Formulierung ist wenig sachlich, sondern wirkt unausgereift und neiderfüllt.

    Ich kann weder die Qualität der ""Enzyklopädie" des Herrn Megargee, noch die der "Dokumentation" des Herrn Benz einschätzen. Sie vermutlich auch nicht.

    Zwei Koryphäen der Antisemitismusforschung liefern sich öffentlich einen Schlagabtausch, der für das Publikum keinen Gewinn bringt.
    Falls Herr Benz belegen kann, dass "abgekupfert" wurde, steht ihm der Rechtsweg offen.

    • keibe
    • 08. März 2013 21:22 Uhr
    6. [...]

    Entfernt. Bitte bleiben Sie sachlich. Danke, die Redaktion/jz

  6. Herr Benz "hatte die Bezeichnung "Enzyklopädie" als "größenwahnsinnig, frech und überheblich" kritisiert". Solch eine Formulierung ist wenig sachlich, sondern wirkt unausgereift und neiderfüllt.

    Ich kann weder die Qualität der ""Enzyklopädie" des Herrn Megargee, noch die der "Dokumentation" des Herrn Benz einschätzen. Sie vermutlich auch nicht.

    Zwei Koryphäen der Antisemitismusforschung liefern sich öffentlich einen Schlagabtausch, der für das Publikum keinen Gewinn bringt.
    Falls Herr Benz belegen kann, dass "abgekupfert" wurde, steht ihm der Rechtsweg offen.

    2 Leserempfehlungen
    Antwort auf "kein Kindergarten,"
  7. 8. [...]

    Entfernt. Bitte bleiben Sie sachlich. Danke, die Redaktion/jz

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