ZEIT ONLINE: Herr Benz, der amerikanische Historiker Geoffrey Megargee und seine Mitarbeiter haben eine Enzyklopädie veröffentlicht, die alle Konzentrationslager des Dritten Reiches zusammenfasst. Im Interview mit ZEIT ONLINE sagte er, Ihre Arbeitsgruppe hätte vor einigen Jahren ein ähnliches Projekt angefangen, das an der Finanzierung gescheitert sei. Stimmt das?

Wolfgang Benz: In der Tat haben meine Arbeitsgruppe und ich 2010 das neunbändige Überblickswerk Der Ort des Terrors herausgegeben, in dem wir ebenfalls die Geschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager aufarbeiten. An Fördergeldern fehlte es uns damals aber keineswegs – wir konnten unser Projekt problemlos zu Ende führen und das Werk rechtzeitig dem Verlag übergeben. Dass Megargee so etwas behauptet, kann ich mir allerdings denken, denn er hat bei uns abgekupfert. Viele der Autoren, die an meinem Werk mitgearbeitet haben, hat er für seine sogenannte "Enzyklopädie" abgeworben.

ZEIT ONLINE: Der Begriff "Enzyklopädie" scheint Sie zu stören.

Benz: Da haben Sie Recht. Diesen amerikanischen Sammelfleiß als "Enzyklopädie" zu bezeichnen, halte ich für frech, überheblich und größenwahnsinnig. Eine Enzyklopädie erhebt den Anspruch, ihrem Leser gebündelt alle wichtigen Informationen zu einem Thema zu vermitteln. Doch das Werk der Amerikaner kann diesen Anspruch nicht einlösen, es ist voller Lücken. Die Forschung in diesem Bereich ist noch nicht einmal ansatzweise abgeschlossen. Wir haben bei unserer Arbeit festgestellt, dass wir selbst über große Lager wie zum Beispiel Riga Kaiserwald noch nicht genug wissen. Deshalb hätten wir es uns niemals angemaßt, eine "Enzyklopädie" zu veröffentlichen.

ZEIT ONLINE: Als was bezeichnen Sie Der Ort des Terrors stattdessen?

Benz: Als Zusammenfassung oder Dokumentation dessen, was wir heute wissen. Meine Autoren haben Beiträge geschrieben, die zum Teil mehr als 50 Seiten umfassen. Sie haben also bewusst keine kurzen und bündigen Lexikonartikel geschrieben. Wir waren schlicht zu bescheiden und besonnen, um eine Enzyklopädie oder ein Lexikon herauszugeben.

ZEIT ONLINE: Sollten wir es "Forschungsarbeit" nennen?

Benz: Dieses Wort finde ich noch unpassender. In wissenschaftlichen Arbeiten stecken bahnbrechende neue Erkenntnisse. Auch diesem Anspruch wird die Veröffentlichung der Amerikaner nicht gerecht. Schließlich haben sie nur gesammelt, was bereits in anderen Werken zu finden war.