NS-Forschung : Benz kritisiert "Größenwahn" von US-Holocaust-Studie

Sind die Amerikaner den Deutschen in der NS-Forschung überlegen? Nein, sagt der Historiker Wolfgang Benz im Interview. Sie können ihr Wissen nur besser vermarkten.

ZEIT ONLINE: Herr Benz, der amerikanische Historiker Geoffrey Megargee und seine Mitarbeiter haben eine Enzyklopädie veröffentlicht, die alle Konzentrationslager des Dritten Reiches zusammenfasst. Im Interview mit ZEIT ONLINE sagte er, Ihre Arbeitsgruppe hätte vor einigen Jahren ein ähnliches Projekt angefangen, das an der Finanzierung gescheitert sei. Stimmt das?

Wolfgang Benz: In der Tat haben meine Arbeitsgruppe und ich 2010 das neunbändige Überblickswerk Der Ort des Terrors herausgegeben, in dem wir ebenfalls die Geschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager aufarbeiten. An Fördergeldern fehlte es uns damals aber keineswegs – wir konnten unser Projekt problemlos zu Ende führen und das Werk rechtzeitig dem Verlag übergeben. Dass Megargee so etwas behauptet, kann ich mir allerdings denken, denn er hat bei uns abgekupfert. Viele der Autoren, die an meinem Werk mitgearbeitet haben, hat er für seine sogenannte "Enzyklopädie" abgeworben.

ZEIT ONLINE: Der Begriff "Enzyklopädie" scheint Sie zu stören.

Benz: Da haben Sie Recht. Diesen amerikanischen Sammelfleiß als "Enzyklopädie" zu bezeichnen, halte ich für frech, überheblich und größenwahnsinnig. Eine Enzyklopädie erhebt den Anspruch, ihrem Leser gebündelt alle wichtigen Informationen zu einem Thema zu vermitteln. Doch das Werk der Amerikaner kann diesen Anspruch nicht einlösen, es ist voller Lücken. Die Forschung in diesem Bereich ist noch nicht einmal ansatzweise abgeschlossen. Wir haben bei unserer Arbeit festgestellt, dass wir selbst über große Lager wie zum Beispiel Riga Kaiserwald noch nicht genug wissen. Deshalb hätten wir es uns niemals angemaßt, eine "Enzyklopädie" zu veröffentlichen.

Wolfgang Benz

Der Historiker, Jahrgang 1941, war bis zum März 2011 Leiter des Zentrums für Antisemitismusforschung an der TU Berlin. Er ist Mitherausgeber des Übersichtswerks Der Ort des Terrors, das in neun Bänden die Geschichte der Konzentrationslager im Dritten Reich zusammenfasst.

ZEIT ONLINE: Als was bezeichnen Sie Der Ort des Terrors stattdessen?

Benz: Als Zusammenfassung oder Dokumentation dessen, was wir heute wissen. Meine Autoren haben Beiträge geschrieben, die zum Teil mehr als 50 Seiten umfassen. Sie haben also bewusst keine kurzen und bündigen Lexikonartikel geschrieben. Wir waren schlicht zu bescheiden und besonnen, um eine Enzyklopädie oder ein Lexikon herauszugeben.

ZEIT ONLINE: Sollten wir es "Forschungsarbeit" nennen?

Benz: Dieses Wort finde ich noch unpassender. In wissenschaftlichen Arbeiten stecken bahnbrechende neue Erkenntnisse. Auch diesem Anspruch wird die Veröffentlichung der Amerikaner nicht gerecht. Schließlich haben sie nur gesammelt, was bereits in anderen Werken zu finden war.

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Kommentare

168 Kommentare Seite 1 von 8 Kommentieren

@ 5 vita_european

Zit.: "Aber vielleicht gibt es die Teilchen ja morgen beim Bäcker." Vielleicht genauso unbekömmlich wie das, was man durch Film- und anderer Projektföderung nach Spass und Gesinnung konsumieren soll. Damit muss auch Benz die Mittel teilen.

Und noch ist nicht raus, ob die Erforschung immer kleinerer Teilchen kleinsten Teilchen die Welt nicht noch mal so verändern wird, wie die Entdeckung der Atome. Vielleicht sogar friedlicher.

Die 1000ste Wiederholung der Thesen über die böse Gesellschaft samt diverser Katastrohenszenarien ändern da jedenfalls nichts bzw. nur im wirken sich nur auf den Meinungsbereich aus.

„die Amerikaner“ als „Projektionsfläche“?

„Es fällt auf, dass Benz in der Regel nicht von „den Forschern“ oder von “den Autoren“ der Studie spricht, sondern von „den Amerikanern“. Er nutzt das Thema als Projektionsfläche für eine Stimmungsmache, die weit über den Anlass des Streits hinausgeht."

So? Schauen wir uns doch die zwei* Stellen an, an denen kritisch von „den Amerikanern“ die Rede ist.
1. „diesem Anspruch wird die Veröffentlichung der Amerikaner nicht gerecht“
2. „... die Amerikaner behaupten, uns armen Deutschen hätten die Fördergelder gefehlt, um eine solche Enzyklopädie zu erstellen.“
In beiden Fällen sind mit „die Amerikaner“ völlig unzweideutig konkrete Personen gemeint, nämlich die Herausgeber der betreffenden Publikation (1) bzw. diejenigen, die eine Meinung über fehlende Fördergelder geäußert haben. In beiden Fällen wäre eine Verallgemeinerung der Aussage i.S.v. „alle“ oder „viele Amerikaner“ oder auch nur „amerikanische Historiker“ völlig absurd. Damit aber steht und fällt der Vorwurf, Benz würde „ die Amerikaner“ als „Projektionsfläche" nutzen, „Stimmungsmache“ betreiben oder irgendetwas „zwischen den Zeilen suggerieren“.

* Die dritte Erwähnung, die sich allgemein auf die amerikanische Öffentlichkeit bezieht - „Vielleicht sind die Amerikaner noch nicht so überfüttert mit NS-Themen wie wir“ - ist wertfrei und passt daher auch nicht in Ihre Argumentation.

„die Amerikaner“ als „Projektionsfläche“? (2)

Wie kommen also diese offenkundig völlig aus der Luft gegriffenen Vorwürfe gegen Benz zustande?

Das Rätsel ist dann keines mehr, wenn man weiß, dass Benz vor einiger Zeit auf die teilweise frappierenden Ähnlichkeiten zwischen dem Antisemitismus des späten 19. Jahrhunderts und der „Islamkritik“ des frühen 21. Jahrhundert aufmerksam gemacht hat. Damit hat er sich in bestimmten „islamkritischen“ bzw. „antideutsch“ angehauchten Kreisen – zu deren Ideologie neben absolut bedingungsloser „Solidarität mit Israel“ und dem Beharren auf der Singularität des zum Gründungsmythos Israel gehörenden Antisemitismus eben auch eine betont affirmative Haltung zur amerikanischen Gesellschaft gehört – natürlich zur persona non grata geworden.

...zur Projektionsfläche geworden... (Kommentar 122)

Sie meinen sicher, er hat sich zur Projektionsfläche "gemacht". Sie sehen: Den "antideutschen Kreisen", denen Sie mich zuordnen, liegt die Pflege der deutschen Sprache durchaus am Herzen :-)
Zum Stichwort "Singularität": Dieser Begriff wird im allgemeinen nicht in Bezug auf den Antisemitismus, sondern in Bezug auf den Holocaust verwendet. Dem fielen bekanntlich nicht nur Juden, sondern auch Angehörige anderer Gruppen zum Opfer. Und wenn Sie den Verweis auf den singulären Charakter dieses Zivilisationsbruchs als "antideutsch" empfinden, dann stellt sich die Frage, welche Bewertung sich denn aus einer "prodeutschen" Haltung ergeben würde .
Nochmal zu "den Amerikanern": Natürlich haben Sie auf der rein formalen sprachlichen Ebene recht. Aber ich bin mir sicher, dass Benz nie von "den Franzosen", "den Polen" oder "den Chinesen" gesprochen hätte, wäre die Studie von Forschern aus diesen Ländern erstellt worden. Die Resonanz auf die ganze Angelegenheit wäre in diesem Fall viel schwächer ausgefallen. Wie gesagt: Zahlreiche Leserreaktionen geben seinem Kalkül recht: An der Kontroverse über ein historisches Thema entzünden sich sofort kulturelle Animositäten und Klischees. Und dieses Kalkül finde ich "unter Niveau", tut mir leid.

Sprachpflege, „Singularität“

„Sie meinen sicher, er hat sich zur Projektionsfläche "gemacht". [...] Den "antideutschen Kreisen", denen Sie mich zuordnen, liegt die Pflege der deutschen Sprache durchaus am Herzen :-)“

Sie haben recht: Der Satz hätte lauten müssen:
„Damit ist er [...] zur persona non grata geworden“
oder „Damit hat er sich [...] zur persona non grata gemacht“ (wobei letzteres rein metaphorisch gemeint ist). Ich bitte vielmals, den Lapsus zu entschuldigen.

„Zum Stichwort "Singularität": Dieser Begriff wird im allgemeinen nicht in Bezug auf den Antisemitismus, sondern in Bezug auf den Holocaust verwendet.“

Und? Was folgern Sie daraus? Dass er nicht in anderen Bezügen - nicht einmal unter Berücksichtigung der sog. use-mention distinction - verwendet werden darf? Na dann...

Die rechte Kritik an Benz warf ihm jedenfalls vor, den vermeintlich einzigartigen Charakter (der in Bezug auf den Holocaust gern als „singulär“ etikettiert wird) des Antisemitismus durch den Vergleich mit der heutigen „Islamkritik“ in Frage gestellt zu haben. Insofern habe ich den Begriff ganz bewusst zitiert.

(Ich persönlich halte überhaupt nichts von der politisch motivierten Übertragung mathematisch-naturwissenschaftlicher Begriffe auf die nun einmal zwangsläufig nicht „exakte“ Geschichtswissenschaft oder gar die Reflexion ihrer Resultate.)

„prodeutsch“vs. „antideutsch“, „rein formale sprachliche Ebene“

„wenn Sie den Verweis auf den singulären Charakter dieses Zivilisationsbruchs als "antideutsch" empfinden, dann stellt sich die Frage, welche Bewertung sich denn aus einer "prodeutschen" Haltung ergeben würde.“

Nein, die stellt sich insofern nicht, als „prodeutsch“ nicht das Gegenteil von „antideutsch“ im Sinne der Selbstbezeichnung einer bestimmten politischen Subkultur ist - so wenig wie „prosemitisch“ das Gegenteil von „antisemitisch“ ist.

Wenn Sie aber schon den bloßen Hinweis auf die Fragwürdigkeit von sprachlichen Konstrukten wie „Singularität“ (und übrigens auch Floskeln wie „Zivilisationsbruch“) für „prodeutsch“ halten, kann ich daran natürlich nichts ändern.

„Natürlich haben Sie auf der rein formalen sprachlichen Ebene recht. Aber ich bin mir sicher, dass Benz nie von "den Franzosen", "den Polen" oder "den Chinesen" gesprochen hätte, wäre die Studie von Forschern aus diesen Ländern erstellt worden.“

Das sei Ihnen unbenommen. Aber die Sicherheit, mit der Sie hier eine angeblich von der „rein formalen“ abweichende, antiamerikansiche „materielle sprachliche Ebene“ in Benz' Aussagen hineininterpretieren, basiert eben auf nichts anderem als Ihrer eigenen persönlichen Meinung oder meinetwegen Ihrem Bauchgefühl. Insofern erlaube ich mir, Ihre Behauptung nicht ernstzunehmen.

Sprachpflege, Kommentar 160

OK, ich will unsere Debatte nicht endlos fortsetzen, weil ich fürchte, dass sie nur noch Sie und mich interessiert und keine neuen Argumente mehr erwarten läßt. Nur eines will ich "relativieren", weil es einen persönlichen Beigeschmack hatte, den ich zu verantworten habe: Die Bemerkung zur "Sprachpflege" in meiner ersten Antwort war natürlich nicht ernst gemeint; natürlich passiert mir selber Ähnliches und Schlimmeres laufend.