ZEIT ONLINE: Herr Megargee, Sie gehören zu den Herausgebern einer Enzyklopädie, an der seit 13 Jahren am Holocaust Memorial Museum in Washington geforscht wird. Jetzt ist der erste Teil veröffentlicht und fasst zusammen, welche Orte der Gewalt es im Dritten Reich im besetzen Europa gab. Darunter Konzentrationslager, Arbeitslager, Gettos, Judenhäuser und Orte, an denen Frauen zur Prostitution gezwungen wurden. Insgesamt kommen Sie und Ihre Co-Autoren auf 42.500 von Nazis errichtete Lager. Was bedeutet diese Zahl?

Geoffrey Megargee: Um ehrlich zu sein, übersteigt diese Frage nach der Deutung den Rahmen unserer Forschungsarbeit. Denn die Enzyklopädie verfolgt zunächst einfach das Ziel, die grundlegenden Fakten zu jedem genannten Ort zusammenzutragen und ihn zu kategorisieren.

ZEIT ONLINE: Haben Sie denn darüber nachgedacht, was 42.500 Lager über das System aussagen? Bisher ging man von 7.000, neuere Schätzungen von höchstens 20.000 aus.

Megargee: Natürlich. Und wir sind der Ansicht, dass diese Zahl mehrere Schlüsse zulässt. Sie bestätigt, dass nahezu alle Deutschen generell von solchen Lagern wussten, selbst wenn sie das Ausmaß des Systems dahinter nicht begriffen oder nicht in jedem Fall über die Umstände in den Lagern Bescheid wussten. Und sie sagt etwas über die grundsätzliche Natur des Nationalsozialismus: Für jeden denkbaren Zweck errichteten die Nazis Camps. Mehrere Tausend solcher Lager haben wir in unsere Erhebung nicht einmal aufgenommen, da sie nicht der Verfolgung von Menschen dienten.

ZEIT ONLINE: Was waren das für Lager?

Megargee: Zum Beispiel Lager für deutsche Kinder, die vor Bombenangriffen geschützt werden sollten, Lager für Deutsche, die entlang des Westwalls – so hieß die Grenze des Deutschen Reiches im Westen – die Autobahn bauten. Und Lager für sogenannte Volksdeutsche, die auf polnischem Gebiet siedeln sollten. Jeder Teilbereich der Nazi-Bürokratie und weite Teile der deutschen Gesellschaft – darunter die Industrie, das Militär, die SS, die Hitler-Jugend, das Reichsjustizministerium und andere Ministerien – hatten ihre eigene Lager-Struktur. Bis zu einem gewissen Grad waren sie verknüpft.

ZEIT ONLINE: Überrascht Sie die Zahl? Der Leiter des Deutschen Historischen Instituts in Washington, Hartmut Berghoff, nannte sie "unglaublich".

Megargee: Die Zahl ist in den 13 Jahren unserer Forschung immer weiter gestiegen. Wir hatten Zeit, uns an sie zu gewöhnen – und an ihren stetigen Anstieg. Noch immer stehen auch wir kopfschüttelnd davor. Als ich im Januar 2000 mit dem Projekt anfing, wurde mir gesagt, dass wir es vielleicht mit 5.000, maximal 7.000 Orten zu tun haben, an denen es Nazi-Lager gab. Sofort als ich mir einen ersten Überblick verschaffte und die Quellen addierte, kam ich auf deutlich mehr Orte. Als wir uns dann bestimmte Einrichtungen genauer anschauten, über die es bis dahin wenige oder gar keine Veröffentlichungen gab, stieg die Zahl weiter und weiter. Insofern: Ja, sie ist eine Sensation. Vor allem für Leute, die nicht so tief in der Materie stecken. Von normalen Menschen wird die Zahl der Lager meist um das Zehnfache oder sogar Hundertfache unterschätzt.

ZEIT ONLINE: Als ZEIT ONLINE am Wochenende aus der New York Times über Ihre Enzyklopädie berichtete, reagierten viele unserer Leser entsetzt aber auch ungläubig auf die Zahl der Lager. Viele wollten wissen, wie genau die Orte definiert wurden, die Sie auf den Karten zur Enzyklopädie eingezeichnet haben.

Megargee: Wir haben versucht, jeden einzelnen Ort zu dokumentieren, an dem jemand verfolgt, zur Arbeit gezwungen, gefoltert, inhaftiert oder ermordet wurde. Einrichtungen, die nicht zur Verfolgung von Menschen dienten, haben wir wie gesagt nicht mitgezählt. Und es mussten sogar aus praktischen Gründen einige Orte weggelassen werden, weil sie zu klein waren, um erfasst zu werden – oder zu zahlreich. Zu den Kriegsgefangenenlagern etwa zählten Zehntausende Untercamps. Die hätten unsere Zählung gesprengt und wir konnten sie nur in den Fußnoten erwähnen. Das heißt: Es gibt sogar noch viel mehr Camps als die, die wir erfasst haben.

ZEIT ONLINE: Und wie wurden sie kategorisiert?

Megargee: Wir haben das so gründlich wie möglich gemacht, entweder nach ihrer Zugehörigkeit innerhalb des Nazi-Regimes oder nach ihrem Zweck. Zum Teil ist das komplex, weil einige Lager während ihres Bestehens unterschiedlichen Zwecken dienten – oder auch mehreren gleichzeitig. Auch die Zuständigkeiten waren nicht immer klar. Manche Lager standen unter der Aufsicht mehrerer Behörden. Wir haben sehr darauf geachtet, dass dies die Zahlen nicht verfälscht. Nicht alle der mehr als 42.500 Camps bestanden gleichzeitig. Aber es hat sie alle gegeben.

Diese Karte, erstellt von der New York Times, zeigt große Konzentrationslager und bisher kaum bekannte SS-Lager.

ZEIT ONLINE: Das Dritte Reich und die Verbrechen der Nazis werden seit Jahrzehnten intensiv erforscht. Wie kann es sein, dass man die Anzahl der Lager nicht annähernd kannte?

Megargee: Das größte Problem war das weit verstreute Wissen dazu. Viele Leute haben an einzelnen Aspekten, bestimmten Lagern oder kleinen Lager-Gruppen geforscht, unterteilt nach Kategorie oder Region. Bislang aber hatte niemand all diese Puzzleteile zusammengefügt. Hinzu kam, dass einige der Orte noch nie genauer untersucht wurden. Wir fanden zum Beispiel mehr als 300 Gettos, die noch niemals zuvor katalogisiert worden waren.

ZEIT ONLINE: Warum hat das vor Ihnen niemand getan?

Megargee: Die Aufzeichnungen zu diesen Orten sind verstreut über ein Dutzend oder noch mehr Länder und wurden in vielen verschiedenen Sprachen aufgenommen. Die Dokumente umfassen Millionen von Seiten. Lange Zeit war vieles davon unter Verschluss – etwa hinter dem Eisernen Vorhang. Noch heute haben wir zum Teil Schwierigkeiten, Zugang zu einigen Archiven zu bekommen. Deshalb braucht so eine Forschungsarbeit eine Institution hinter sich, wie das Center for Advanced Holocaust Studies am Holocaust Memorial Museum in den USA. Das hat das Personal und die Mittel, um ein 25-Jahres-Projekt dieser Art zu stemmen. So können wir an einem Ort Informationen bündeln, die ein Einzelner in einem ganzen Forscherleben nicht zusammentragen könnte.