Holocaust-Studie"Wir haben nicht einmal alle Nazi-Lager erfasst"

42.500 Orte des Naziterrors – waren Tausende davon bisher unentdeckt? Nein, sagt Historiker Geoffrey Megargee im Interview. Nur habe niemand das Puzzle zusammengefügt. von 

ZEIT ONLINE: Herr Megargee, Sie gehören zu den Herausgebern einer Enzyklopädie, an der seit 13 Jahren am Holocaust Memorial Museum in Washington geforscht wird. Jetzt ist der erste Teil veröffentlicht und fasst zusammen, welche Orte der Gewalt es im Dritten Reich im besetzen Europa gab. Darunter Konzentrationslager, Arbeitslager, Gettos, Judenhäuser und Orte, an denen Frauen zur Prostitution gezwungen wurden. Insgesamt kommen Sie und Ihre Co-Autoren auf 42.500 von Nazis errichtete Lager. Was bedeutet diese Zahl?

Geoffrey Megargee: Um ehrlich zu sein, übersteigt diese Frage nach der Deutung den Rahmen unserer Forschungsarbeit. Denn die Enzyklopädie verfolgt zunächst einfach das Ziel, die grundlegenden Fakten zu jedem genannten Ort zusammenzutragen und ihn zu kategorisieren.

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ZEIT ONLINE: Haben Sie denn darüber nachgedacht, was 42.500 Lager über das System aussagen? Bisher ging man von 7.000, neuere Schätzungen von höchstens 20.000 aus.

Megargee: Natürlich. Und wir sind der Ansicht, dass diese Zahl mehrere Schlüsse zulässt. Sie bestätigt, dass nahezu alle Deutschen generell von solchen Lagern wussten, selbst wenn sie das Ausmaß des Systems dahinter nicht begriffen oder nicht in jedem Fall über die Umstände in den Lagern Bescheid wussten. Und sie sagt etwas über die grundsätzliche Natur des Nationalsozialismus: Für jeden denkbaren Zweck errichteten die Nazis Camps. Mehrere Tausend solcher Lager haben wir in unsere Erhebung nicht einmal aufgenommen, da sie nicht der Verfolgung von Menschen dienten.

ZEIT ONLINE: Was waren das für Lager?

Geoffrey Megargee
Geoffrey Megargee

Der 53-jährige Historiker arbeitet am Center for Advanced Holocaust Studies des United States Holocaust Memorial Museum in Washington. Megargee erforscht seit 13 Jahren Orte der Nazi-Gewalt und ist Chefredakteur der Holocaust-Enzyklopädie, die diese Orte in sieben Bänden zusammenfassen soll.

Megargee: Zum Beispiel Lager für deutsche Kinder, die vor Bombenangriffen geschützt werden sollten, Lager für Deutsche, die entlang des Westwalls – so hieß die Grenze des Deutschen Reiches im Westen – die Autobahn bauten. Und Lager für sogenannte Volksdeutsche, die auf polnischem Gebiet siedeln sollten. Jeder Teilbereich der Nazi-Bürokratie und weite Teile der deutschen Gesellschaft – darunter die Industrie, das Militär, die SS, die Hitler-Jugend, das Reichsjustizministerium und andere Ministerien – hatten ihre eigene Lager-Struktur. Bis zu einem gewissen Grad waren sie verknüpft.

ZEIT ONLINE: Überrascht Sie die Zahl? Der Leiter des Deutschen Historischen Instituts in Washington, Hartmut Berghoff, nannte sie "unglaublich".

Megargee: Die Zahl ist in den 13 Jahren unserer Forschung immer weiter gestiegen. Wir hatten Zeit, uns an sie zu gewöhnen – und an ihren stetigen Anstieg. Noch immer stehen auch wir kopfschüttelnd davor. Als ich im Januar 2000 mit dem Projekt anfing, wurde mir gesagt, dass wir es vielleicht mit 5.000, maximal 7.000 Orten zu tun haben, an denen es Nazi-Lager gab. Sofort als ich mir einen ersten Überblick verschaffte und die Quellen addierte, kam ich auf deutlich mehr Orte. Als wir uns dann bestimmte Einrichtungen genauer anschauten, über die es bis dahin wenige oder gar keine Veröffentlichungen gab, stieg die Zahl weiter und weiter. Insofern: Ja, sie ist eine Sensation. Vor allem für Leute, die nicht so tief in der Materie stecken. Von normalen Menschen wird die Zahl der Lager meist um das Zehnfache oder sogar Hundertfache unterschätzt.

ZEIT ONLINE: Als ZEIT ONLINE am Wochenende aus der New York Times über Ihre Enzyklopädie berichtete, reagierten viele unserer Leser entsetzt aber auch ungläubig auf die Zahl der Lager. Viele wollten wissen, wie genau die Orte definiert wurden, die Sie auf den Karten zur Enzyklopädie eingezeichnet haben.

Megargee: Wir haben versucht, jeden einzelnen Ort zu dokumentieren, an dem jemand verfolgt, zur Arbeit gezwungen, gefoltert, inhaftiert oder ermordet wurde. Einrichtungen, die nicht zur Verfolgung von Menschen dienten, haben wir wie gesagt nicht mitgezählt. Und es mussten sogar aus praktischen Gründen einige Orte weggelassen werden, weil sie zu klein waren, um erfasst zu werden – oder zu zahlreich. Zu den Kriegsgefangenenlagern etwa zählten Zehntausende Untercamps. Die hätten unsere Zählung gesprengt und wir konnten sie nur in den Fußnoten erwähnen. Das heißt: Es gibt sogar noch viel mehr Camps als die, die wir erfasst haben.

ZEIT ONLINE: Und wie wurden sie kategorisiert?

Megargee: Wir haben das so gründlich wie möglich gemacht, entweder nach ihrer Zugehörigkeit innerhalb des Nazi-Regimes oder nach ihrem Zweck. Zum Teil ist das komplex, weil einige Lager während ihres Bestehens unterschiedlichen Zwecken dienten – oder auch mehreren gleichzeitig. Auch die Zuständigkeiten waren nicht immer klar. Manche Lager standen unter der Aufsicht mehrerer Behörden. Wir haben sehr darauf geachtet, dass dies die Zahlen nicht verfälscht. Nicht alle der mehr als 42.500 Camps bestanden gleichzeitig. Aber es hat sie alle gegeben.

Konzentrationslager
Konzentrationslager SS Nazis Holocaust

Diese Karte, erstellt von der New York Times, zeigt große Konzentrationslager und bisher kaum bekannte SS-Lager.  |  © The New York Times

ZEIT ONLINE: Das Dritte Reich und die Verbrechen der Nazis werden seit Jahrzehnten intensiv erforscht. Wie kann es sein, dass man die Anzahl der Lager nicht annähernd kannte?

Megargee: Das größte Problem war das weit verstreute Wissen dazu. Viele Leute haben an einzelnen Aspekten, bestimmten Lagern oder kleinen Lager-Gruppen geforscht, unterteilt nach Kategorie oder Region. Bislang aber hatte niemand all diese Puzzleteile zusammengefügt. Hinzu kam, dass einige der Orte noch nie genauer untersucht wurden. Wir fanden zum Beispiel mehr als 300 Gettos, die noch niemals zuvor katalogisiert worden waren.

ZEIT ONLINE: Warum hat das vor Ihnen niemand getan?

Megargee: Die Aufzeichnungen zu diesen Orten sind verstreut über ein Dutzend oder noch mehr Länder und wurden in vielen verschiedenen Sprachen aufgenommen. Die Dokumente umfassen Millionen von Seiten. Lange Zeit war vieles davon unter Verschluss – etwa hinter dem Eisernen Vorhang. Noch heute haben wir zum Teil Schwierigkeiten, Zugang zu einigen Archiven zu bekommen. Deshalb braucht so eine Forschungsarbeit eine Institution hinter sich, wie das Center for Advanced Holocaust Studies am Holocaust Memorial Museum in den USA. Das hat das Personal und die Mittel, um ein 25-Jahres-Projekt dieser Art zu stemmen. So können wir an einem Ort Informationen bündeln, die ein Einzelner in einem ganzen Forscherleben nicht zusammentragen könnte.

Leserkommentare
  1. Das Problem ist nur, dass beihnahe alle, die von diesen Verhältnissen gewusst und in der Nachkriegszeit heile Welt gespielt haben jetzt tot sind. Die haben sich fein aus dem Staub gemacht. Und das Problem, dass sie in die Welt gesetzt haben ganz einfach an ihre Kinder und Enkel weiter gegeben. Schönes Erbe.

    14 Leserempfehlungen
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    gegenüber stehen sollte.

    Anstatt Fingerpointing wären Handshakes angesagt... aber wenn man immer in der Vergangenheit nach schlimmen Dingen sucht, dann findet man diese auch. Es sollte darüber nachgedacht werden die Bücher zu schliessen... und die Kräfte für aktuelle Missstände zu verwenden, der jungen Generation die Freiheit zurückgeben aufeinander zugehen zu wollen. Im laufe der Jahre haben auch zahlreiche Menschen schönes aufgebaut...

    [...]

    Bitte nutzen Sie Kommentare dazu, sich zum Artikelthema zu äußern. Danke, die Redaktion/fk.

    • 可为
    • 04. März 2013 12:39 Uhr

    macht sie das doch nicht automatisch zu Mittätern - wenn ich in unserer Gesellschaft auch heute das Leben als höchstes Gut ansetze kann ich doch nicht rückwirkend von den Leuten erwarten ihr eigenes und auch (dank Methoden wie Sippenhaft, etc.) das Leben ihrer Familie für Menschen hochgradig zu gefährden!
    Bzw. sie nicht dafür moralisch abstrafen dieses nicht gefährdet zu haben...

    Ich glaube nicht dass viele Menschen wirklich eine Wahl hatten, und dem entsprechend würde ich mir auch nicht anmaßen zu suggerieren ich würde es besser machen - reden, oder einen Kommentar online posten ist das eine - mit der Waffe vor der Nase widersprechen etwas ganz anderes!

    dass diese Menschen, die daran aktiv beteiligt waren in der Nachkriegszeit wiederum zur politischen und gesellschaftlichen Elite gehörten, und eine "heile Welt" Maskerade veranstalten konnten, nun beinahe alle tot sind.

    Nach der Aufarbeitung der NS Zeit bis 1945 benötigt Deutschland beinahe mehr noch eine Aufarbeitung über deren ungebrochene personelle und ideologische Fortführung nach 1945.

    Der Komplex NSU in den Behörden hat dieses unsägliche Erbe der Verdrängung nur erneut auf die Agenda gebracht.

    Bei einer realistischen Schätzung von 15 bis 20 Millionen vernichteten Menschen in Deutschen Lagern, wird der Sarkasmus deutlich, warum Deutschland eine historische Wahrnehmungsverharmlosung auf die Vernichtung von 6 Millionen Juden nur recht sein konnte.
    Das wäre im besten Falle nicht einmal die Hälfte des Gräuels.

    • Conte
    • 04. März 2013 14:06 Uhr

    Entfernt, da unsachlich. Die Redaktion/ls

    "Selbst wenn es viele gewusst haben, macht sie das doch nicht automatisch zu Mittätern"
    Sie sind automatisch Mittäter, weil sie das was sie wussten vertuscht haben. Und selbst wenn sie sich den direkten Opfern gegenüber durch ihr Schweigen nichts hätten zuschulde kommen lassen, werden sie zu Mittätern dadurch, dass sie geschwiegen haben, nachdem sie hätten reden können. Nach dem Krieg. Sie werden zu Tätern an ihren Kindern, indem sie durch ihr Schweigen diejenigen gefährden die ein Recht darauf hatte die Wahrheit zu erfahren: Ihre Nachkommen. Die für sie heile Welt verkörpern mussten und häufig genug gar nicht begreifen konnten warum sie so zerrissen waren und sich in diese Gesellschaft aus unausgesprochenem Wissen um die Vergangenheit nicht integrieren konnten. Man gefährdet niemanden dadurch dass man ihn mit der Wahrheit konfrontiert. Aber durch die Lüge, an dieser Schande nicht beteiligt gewesen zu sein haben sie das Leben ihrer Familie, der Kinder und Enkel gefährdet, weil die mit dieser Lüge leben mussten ohne sie überhaupt erkennen zu können. Und dafür gehören diese Menschen gerügt und sollten abgestraft werden. Was in den meisten Fällen leider nicht mehr möglich ist, weil sie nicht mehr leben.

  2. 2. [...]

    Bitte verzichten Sie auf relativierende und verharmlosende Äußerungen. Danke, die Redaktion/fk.

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    Der Kommentar, auf den Sie kritisch Bezug nahmen, wurde entfernt. Danke, die Redaktion/fk.

  3. Und viele Verweigern die Annahme des Erbes. Und auch das reicht ihnen nicht. Sie meinen sogar das Recht zu haben, auf Kosten der Opfer Witze zu machen und sich halb krumm zu kringeln über diese Nazizeit und ihre Verbrecher.

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    Niemand, der noch bei Sinnen ist, kann die Verbrechen des NS-Regimes bzw. Teilen des deutschen Volkes relativieren oder gar anzweifeln. Wieso man hier allerdings von einem "Erbe" sprechen muss, erschließt sich mir nicht. Verbrechen sind keine Erbschuld, wie Scheußlich und Schrecklich diese auch sein mögen. Aufklärung, Forschung und Lehre sind die Mittel, mit denen man das NS-Regime aufarbeiten muss, ganz sicher keine vermeintliche Erbschuld.

  4. gegenüber stehen sollte.

    Anstatt Fingerpointing wären Handshakes angesagt... aber wenn man immer in der Vergangenheit nach schlimmen Dingen sucht, dann findet man diese auch. Es sollte darüber nachgedacht werden die Bücher zu schliessen... und die Kräfte für aktuelle Missstände zu verwenden, der jungen Generation die Freiheit zurückgeben aufeinander zugehen zu wollen. Im laufe der Jahre haben auch zahlreiche Menschen schönes aufgebaut...

    [...]

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    Sie wissen schon, dass Herr Megargee von Beruf Historiker ist? Er beschäftigt sich also verständlicherweise mit Dingen aus der Vergangenheit. Möchten Sie dem Berufsstand der Historiker nun tatsächlich vorschlagen, die Bücher zu schließen und sich mit etwas aktuellerem zu befassen? Oder gilt das nur für diejenigen, welche die deutsche Geschichte zwischen 1933 und 1945 erforschen, weil Sie von dem Thema genervt sind?

  5. 5. [...]

    Bitte nutzen Sie die Kommentarfunktion, um das Artikelthema zu diskutieren. Danke, die Redaktion/fk.

    2 Leserempfehlungen
    • n14
    • 04. März 2013 11:35 Uhr

    Wenn man das Interview liest, scheint es sich ja hauptsächlich um eine Definitionssache zu handeln, was überhaupt ein "Lager" ist.
    Es ist ja klar, dass jeder damit zunächst ein riesiges Konzentrations- und Vernichtungslager verbindet. Aus dem Interview ergibt sich aber, dass so ziemlich alles als "Lager" gerechnet wurde. Gerade weil die Menschen bei Lager sofort an die großen KZs denken, ist das hier unseriöser Journalismus. Es werden Nachrichten gemacht aus Dingen, die das überhaupt nicht hergeben. Überhaupt scheint es hauptsächlich darum zu gehen, die Schreckensmeldungen über die Nazis noch einmal aufzuwärmen.

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    ebenso wie ihre geographische Verteilung. Daraus die richtigen Schlüsse zu ziehen, ist Ihre Stärke aber nicht, denn mit Ihrem Kommentar reihen auch Sie sich wieder in die Phalanx der Verharmloser ein.

    Mit "uns" maßen Sie sich zudem einen Plural an, den ich Ihnen vehement abspreche! Mich interessiert es und Sie haben nicht das Recht für mich zu sprechen.

    Nichts wird hier aufgewärmt, im Gegenteil, der Ausmaß der nationalsozialistischen Vernichtungsindustrie wird immer weiter offen gelegt.

    [...]

    Historische Fakten kann es aber nicht relativieren, daher ist die Arbeit der Historiker so wichtig. Sie zeigen, dass es buchstäblich an jeder Ecke ein Lager gab und sich niemand dieses Wissens entziehen konnte.

    Bitte verzichten Sie auf Pauschalisierungen. Danke, die Redaktion/fk.

    Bitte verzichten Sie auf verharmlosende Äußerungen. Die Redaktion/fk.

    "Es werden Nachrichten gemacht aus Dingen, die das überhaupt nicht hergeben. Überhaupt scheint es hauptsächlich darum zu gehen, die Schreckensmeldungen über die Nazis noch einmal aufzuwärmen."

    Es gehört zum Grundkonsens der Bundesrepublik Deutschland, den Nationalsozialismus als weltgeschichtliches Unikat und die lückenlose Vernichtung der europäischen Judenheit mit allen staatlichen Mitteln als singulär zu begreifen. Dieser Konsens überstand auch die welthistorische Wende 1989/91 und bildete einen wesentlichen Bestandteil der Politischen Kultur dieses Landes. Die Aufarbeitung dieses Abschnitts der deutschen Geschichte hat nichts mit "Aufwärmen" zu tun, sondern mit einem wissenschaftlichen Auftrag, der in diesem Fall auch ein humanitärer ist. Ein Teil der Kommentare, die hier zu diesem Thema verfasst werden, beschädigt mit seinen antiwissenschaftlichen und antiintellektuellen Affekten diese mühsam errungene Politische Kultur. Allein die Wortwahl lässt einen gelegentlich schaudern.

    • lm.81
    • 04. März 2013 14:41 Uhr

    Die Wissenschaft sollte unabhängig sein, was auch ihr Anspruch ist. Die einseitige Holocaustforschung (die auch nur sehr oberflächlich stattfindet) lässt zudem den Tod vieler unschuldiger Zivilisten während des Krieges, und so auch die Opfer abseits des Judentums zur Nebensächlichkeit werden.

    > Allein die Wortwahl lässt einen gelegentlich schaudern.

    Wenn Sie hier Denkverbote erteilen wollen, [...] beweisen Sie, dass das Thema immer noch emotional diskutiert wird, weil Sie sich zu sehr auf andere verlassen ("Wissenschaft") und sich somit einer persönlichen Aufarbeitung des Themas verweigern.

    Gekürzt. Bitte achten Sie auf einen respektvollen Tonfall. Danke, die Redaktion/sam

    "...jeder damit zunächst ein riesiges Konzentrations- und Vernichtungslager verbindet." Mit ein wenig mehr Interesse an Historik wären Sie von selbst darauf gestoßen, statt hier von unseriösem Journalismus zu faseln.
    Was Sie und die 31 Likies dokumentieren, ist ihr eigenes Desinteresse und ihre Unkenntnis. Finde ich schon erstaunlich peinlich, was Sie da vom Stapel gelassen haben.
    Die Definition von Lager wurde im Interview nun auch verdeutlicht. Ich finde sie angemessen. Zumal einem Opfer oder einem Angehörigen eines Opfers vermutlich im Moment der Qual, der Pein und des Todes völlig egal war, in welchem Lager er/sie sich gerade befand.

    • xy1
    • 04. März 2013 22:39 Uhr

    Sie haben Recht, die Lageranzahl ist nicht so wichtig.
    Ob es 1000 oder 10000 oder mehr gab macht keinen grossen Unterschied.
    Das Verbrechen der Nazis besteht in der Einteilung in Herren- und- Untermenschen, mit der Konsequenz, dass die Untermenschen entweder versklavt oder ermordet wurden.
    Deshalb ist Ihr abwehrendes Gemäkel bestenfalls nur kleinkarriert.

    "...Wir haben versucht, jeden einzelnen Ort zu dokumentieren, an dem jemand verfolgt, zur Arbeit gezwungen, gefoltert, inhaftiert oder ermordet wurde. Einrichtungen, die nicht zur Verfolgung von Menschen dienten, haben wir wie gesagt nicht mitgezählt..."

    Diese Orte sind meiner Meinung mach würdig genug um gezählt zu werden.

  6. Niemand, der noch bei Sinnen ist, kann die Verbrechen des NS-Regimes bzw. Teilen des deutschen Volkes relativieren oder gar anzweifeln. Wieso man hier allerdings von einem "Erbe" sprechen muss, erschließt sich mir nicht. Verbrechen sind keine Erbschuld, wie Scheußlich und Schrecklich diese auch sein mögen. Aufklärung, Forschung und Lehre sind die Mittel, mit denen man das NS-Regime aufarbeiten muss, ganz sicher keine vermeintliche Erbschuld.

    37 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Verweigerung des Erbes"
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    oder stellen Sie in Frage, dass wir Deutschen eine Besondere Verantwortung tragen, die sich aus unserer Geschichte ergibt?

    Das könnte man sehrwohl als Erbe bezeichnen...

    Beste Grüße
    FSonntag

    Ich finde das Konzept der Erbschuld auch antiquiert, denn schuldig kann man nur durch eigenes Handeln werden. Unser Erbe ist aber nicht die Schuld, sondern die deutsche Geschichte. Geschichtliche Rosinenpickerei ist hingegen etwas für selbsternannte "Revisionisten".

    Ich störe mich an dem Begriff des "Erbes", weil es eine Verbindung herstellt, die nicht existiert. Ich bin nicht schuld an den Verbrechen meiner Vorfahren. Ebensowenig wie meine Fehler, meine Sünden, Erben meiner Kinder sein werden.

    Das bedeutet nicht, dass ich die Probleme, Fehler und Verbrechen der Vergangenheit für unwichtig erkläre, keinesfalls, aber ich empfinde es ehrlich gesagt als Beleidigung, mir ein Erbe aufs Auge drücken zu wollen, mit dem ich nichts zu tun habe.

    Besteht eine besondere Verantwortung? Vielleicht, ja. In meinen Augen ist die historische Aufklärung eine Selbstverständlichkeit. Jedes Volk auf unserer Erde muss seine eigene Vergangenheit erfoschen. Alte Verbrechen müssen aufgeklärt, Schuldige benannt werden. Das darf aber nicht dazu führen, dass wir aufgrund einer vermeintlichen Erbschuld oder einer besonderen Verantwortung in einer Situation wieder finden, in der wir uns von der Vergangenheit fesseln lassen, wie es meiner Auffassung nach in unserer Außenpolitik in letzter Zeit zu oft passiert ist.

    Ich trage keine Schuld an den Verbrechen der Nazizeit. Es ist nicht mein Erbe.

    "Wieso man hier allerdings von einem "Erbe" sprechen muss, erschließt sich mir nicht."
    Weil diese Leute die Haltung, und das Verständnis, das sie zu ihrer eigenen Vergangenheit hatten vererbt haben. Sie haben zum Beispiel mehrheitlich behauptet, "nichts gewusst zu haben". Das war, wie viele Menschen schon immer geahnt haben und der Artikel noch mal wieder belegt eine Lüge. Jeder hat gewusst, dass da eine Menge Dinge passierten die man als zivilisierter Mensch unmöglich akzeptieren konnte. Fast alle haben geschwiegen, warum auch immer. Aber sie haben nicht nur geschwiegen, solange ihr Leben durch Nazis real bedroht war, sondern sie haben auch nach dem Krieg weiter so getan, als ob sie nicht beteiligt gewesen wären. Warum auch immer. Und mit diesem Schweigen haben diese Menschen die Aufklärung, die Forschung und die Lehre, die auch Sie einfordern lange Zeit zu Gunsten ihrer heilen Welt Vorstellung vereitelt. Das ist ein Erbe, das sie an ihre Nachwelt, ihre Kinder und Enkel und die ganze Gesellschaft weiter gegeben haben.

    • Mkdrs
    • 04. März 2013 16:37 Uhr

    ...wer sich als Patriot sieht und "stolz" auf Deutschland ist - und das ist ja jetzt wieder en vogue, der muss sich als logische Konsequenz dann auch schuldig fühlen. Denn wenn man stolz ist auf etwas, das man nicht getan hat und an dem man keinen Anteil hatte, dann kann man auch genauso schuldig sein für etwas, das man nicht getan hat und an dem man keinen Anteil hatte.

    Ich habe auch lange relativiert und nicht gesehen, daß ich ganz einfach biologischer - Stichwort "Epigenetik" - und sozialer Nachfolger bin.

    Erbe trifft es in meinem Fall auch, weil einer meiner Opas sehr hoher Beamter war.

    Als ich selbst vor einigen Jahren in Auschwitz war, kam die Erkenntnis. Kann ich jedem nur empfehlen. Habe am Ende einen sehr langen Kniefall machen müssen und konnte Buchenwald danach nicht auch noch besuchen, weil es mich so erwischt hat.

    Für mich waren es die Schriftstücke. Solche sind vermutlich routinemäßig über den Schreibtisch des genannten Opas gegangen.

    Die Lehre ist auch, daß ganz tolle und intelligente Menschen nicht davor gefeit sind, die Wahrheit nicht zu sehen, weil sie nicht können oder nicht wollen.

    Daß dieses Erbe auch immer wieder als Totschlagargument benutzt wird, ist etwas ganz anderes. So ähnlich wie - meist mit entgegengesetzter Intention - das "Argument" mit den "Gutmenschen". So funktioniert Sprache, wenn man sie zu nutzen weiß.

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