Alles zurück auf Null: 36 Jahre nach der Benennung von Gorleben als "nukleares Entsorgungszentrum", beginnen Bund und Länder die Suche nach einem Endlager für hochradioaktive Abfälle neu. Ab sofort ist Deutschland wieder eine blütenweiße Landkarte, auf der in unterschiedlichen Gesteinsformationen und Bundesländern der beste Standort gesucht werden soll. Nicht mehr nach politischen, sondern nach rein wissenschaftlichen Kriterien soll jetzt transparent und glaubwürdig entschieden werden. So, sagt Umweltminister Peter Altmaier (CDU), könne das letzte strittige Thema des Atomzeitalters endlich gelöst werden.

Doch die Suche, Erkundung und der Bau eines Endlagers werden bis zur Inbetriebnahme ein halbes Jahrhundert und noch viele Bundesregierungen verbrauchen. Denn die zentralen Streitpunkte sind weiter ungelöst. 

Der Wichtigste: Soll der hochradioaktive Abfall tief im Gestein oder lieber nahe der Erdoberfläche eingelagert werden? Ein oberflächennahes Depot sei nicht nur die billigere Lösung, argumentieren Befürworter. Sie biete auch den Vorteil, dass man den Atommüll eines Tages zurückholen und entschärfen könne – etwa mit der Technologie der Transmutation, die radioaktive Atomkerne in weniger gefährliche Elemente mit einer kürzeren Halbwertszeit umwandelt. Doch bislang gelingt das Verfahren nur im Labor. Ob es jemals dazu taugen wird, tonnenweise Atommüll aus den Kernkraftwerken zu entschärfen, ist fraglich.

Doch ehe man über die Einlagerung selbst streitet, müsste klar sein, wer den neuerlichen Suchprozess eigentlich steuert und vorantreibt. Potentiell zuständig ist nicht nur das Bundesumweltministerium, sondern auch das Bundesamt für Strahlenschutz, die von den AKW-Betreibern beherrschte Gesellschaft zum Bau und Betrieb von Endlagern (DBE) und seit Neuestem auch das Bundesamt zur Endlagerung.

Trotz der vielen ungeklärten Fragen haben Bund und Länder einen optimistischen Zeitplan entworfen: 2023 sollen die ersten Standorte gefunden, 2031 bereits erkundet sein. Realistisch ist das wohl nicht, wenn man bedenkt, dass die Debatte um ein Atomendlager schon vor mehr als 60 Jahren begann, in der Sache bis heute aber kaum vorangekommen ist.

Eine erste Idee – Atommüll im ewigen Eis versenken

Ursprünglich sollte die Entsorgung des strahlenden Mülls schon vor dem Bau der ersten Atommeiler geklärt sein. So jedenfalls lautete der Vorsatz, den das Wirtschaftsministerium am 15. Februar 1955 in einem Vermerk niederschrieb. Doch bald zeigte sich, dass sich die Suche nach der perfekten Lösung schwieriger gestalten würde, als gedacht.

Eine der ersten Ideen kam vom Münchener Physiker Bernhard Philbert: Flugzeuge sollten die hoch radioaktiven Abfälle wie Bomben über dem Südpol abwerfen, schlug er Ende der fünfziger Jahre vor. Durch die frei werdende Wärme würde das Eis schmelzen und den Atommüll nach und nach unter sich begraben. Der damalige Atomminister Siegfried Balke fand den Plan zwar interessant. Im Februar 1960 erteilte er Philbert dennoch eine Absage. Eine Endlagerung in Polargebieten stelle "eine unkontrollierbare Beseitigung" dar. Aus heutiger Sicht erscheint der Vorschlag ohnehin angesichts der globalen Erwärmung, von der damals noch keine Rede war, gewagt.

Auch der Plan, den Müll einfach im Meer zu versenken – wie es die USA und Großbritannien damals taten – missfiel dem Minister. Einen besseren Vorschlag hatte er jedoch auch nicht. Und so ging im fränkischen Kahl im November 1960 das erste Kernkraftwerk in Betrieb, ohne dass die Frage nach der Lagerstätte gelöst war.

Von da an produzierte also auch Deutschland stetig wachsende Mengen radioaktiver Abfälle – und wusste nicht, wohin damit. Mangels Alternativen wurde dann doch eine Ladung im Meer versenkt: Im Mai 1967 nahm im Hafen von Emden das Frachtschiff Topaz den radioaktiven Abfall auf. Es bleibt die einzige deutsche Atommüll-Verklappung.

Während in den USA später auch die Option eines orbitalen Endlagers untersucht wurde, also die Möglichkeit, Atommüll mit Raketen ins All zu schießen, konzentrierte sich die deutsche Suche aufs Salzgestein. Der Münchner Gesteinskundler Georg Fischer hatte schon 1956 Salzstöcke als Ablagerstätte für radioaktive Abfälle vorgeschlagen. Die Bundesanstalt für Bodenforschung berichtete im Juli 1962 über mögliche Endlager im Untergrund. Ende der sechziger Jahre setzte die DDR das Salzkonzept in die Tat um. 1969 entschied man sich für ein Endlager in Morsleben in Sachsen-Anhalt. Im Dezember 1971 landeten die ersten schwach- und mittelradioaktiven Abfälle dort. Doch das Bergwerk war instabil: Im November 2001, inzwischen war das wiedervereinigte Deutschland zuständig, stürzte ein 5.000 Tonnen schwerer Salzklotz ab. Morsleben wurde zum Sanierungsfall, der Milliarden verschlang. Am Ende musste die Grube mit Spezialbeton verfüllt und stillgelegt werden.