Mein lieber Michael, Jim Watson und ich haben wohl eine der wichtigsten Entdeckungen gemacht. Wir haben ein Modell für die Struktur von Des-oxy-ribose-nuklein-säure gebaut (lies es sorgfältig) kurz D.N.A. genannt.
Francis Crick, 19. März 1953

Mit diesen Sätzen beginnt Francis Crick am 19. März 1953 einen Brief an seinen 12-jährigen Sohn, der mit Grippe im Bett seines Internatszimmers liegt. Das handgeschriebene Dokument, sieben Seiten lang, ist 60 Jahre später die wertvollste Korrespondenz der Welt. Etwas mehr als sechs Millionen Dollar zahlte dafür vor zwei Wochen ein Unbekannter auf einer Auktion von Christie’s in New York. 4,6 Millionen Euro für ein paar Seiten, auf die Crick erstmals den Aufbau der DNA krakelte. 

Wir glauben, dass die D.N.A. ein Code ist. (...) wir denken, dass wir den grundlegenden Kopiermechanismus gefunden haben, mit dem Leben aus Leben entsteht. (...) Du kannst verstehen, dass wir sehr aufgeregt sind.
Francis Crick, 19. März 1953

Nur einen Monat darauf erscheint am 25. April im Magazin Nature die Arbeit, die Cricks Kollege Watson später als das größte Ereignis der Biologie seit Darwins Evolutionstheorie bezeichnen wird. Auf gerade einmal einer Seite Text aus 900 Wörtern, versehen mit einer kleinen Skizze, verliehen Watson und Crick dem Molekül des Lebens Gestalt. Der Substanz, die jedem Organismus, von Pflanze bis zum Tier innewohnt und alle Erbinformationen speichert.

Dass ausgerechnet diese beiden es soweit bringen sollten, hatte ihnen niemand zugetraut. Francis Crick, 1916 geboren, war dafür bekannt, zu schwafeln und seine Kollegen zu nerven.

Der studierte Physiker hatte im Zweiten Weltkrieg für die britische Admiralität Seeminen entwickelt. Danach widmete er sich der Biologie, weil er nicht so recht wusste, was er tun sollte. "Seit 35 Jahren hat Francis nun schon ununterbrochen geredet, und bisher ist so gut wie nichts von entscheidendem Wert dabei herausgekommen", sagte später sein Chef in Cambridge über ihn.

Cricks Kollege James Watson, genannt Jim, der 1928 in Chicago auf die Welt kam, machte schon als Kind von sich reden, als er die damals beliebte Radiosendung Quiz Kids gewann. Mit 15 war er an der Uni von Chicago für Zoologie eingeschrieben. Vögel waren sein größtes Interesse. Erfolgreich drückte er sich um jeden Chemie- und Physikkurs.

Zwei wissenschaftliche Clowns, befand ihr Fachkollege, der Chemiker Erwin Chargaff. Der Physiker Crick und der Biologe Watson hätten von Chemie keine Ahnung und nur Verachtung für diese realste aller Wissenschaften übrig. Allerdings sprach Chargaff ihnen Angriffslust und Ehrgeiz zu.

Das Ziel ist der Nobelpreis

Vielleicht war es die fehlende wissenschaftliche Verbissenheit, die Watson und Crick zum Erfolg verhalf. 1950 verließ Watson nach seiner Promotion die USA und reiste nach Kopenhagen, um sich der Biochemie zu widmen. Schnell verlor er das Interesse und wechselte ein Jahr später ans Cavendish-Laboratorium der britischen Cambridge-Universität. Dort traf der inzwischen 22-Jährige auf den zwölf Jahre älteren Doktoranden Crick. Die beiden verstanden sich auf Anhieb und teilten fortan ein Büro miteinander. Rasch beschäftigten sie sich nicht mehr mit ihren Forschungsarbeiten, sondern verfolgten nur noch ein Ziel: die DNA knacken. Ihnen war klar: Wenn sie das schafften, wäre ihnen der Nobelpreis sicher.

"Wir dachten, die DNA ist das Geheimnis des Lebens", sagte Watson in einem Interview vor zehn Jahren. Sein Mentor Max Delbrück habe die DNA für ein dummes Molekül gehalten. "Francis und ich haben die Struktur gefunden, weil wir mehr an der DNA interessiert waren als jeder andere weltweit."

Fieberhaft fingen Watson und Crick 1951 an zu puzzeln. Sie wussten, die DNA musste aus vier Basen bestehen. Das hatte Erwin Chargaff ein Jahr zuvor herausgefunden. Hinzu kamen Phosphat und Zucker. Doch wie waren diese Bausteine verknüpft?

Die entscheidenden Hinweise kamen aus dem rund 80 Kilometer von Cambridge entfernten London. Am King’s College schossen die Biochemikerin Rosalind Franklin und der Physiker Maurice Wilkins mit Röntgenstrahlen auf kristallisierte DNA. Franklin und ihr Kollege hatten ein zerknirschtes Verhältnis, Wilkins beklagte sich bei Watson und Crick über den Dickkopf der Frau, die damals führend in der Röntgenstrukturanalyse war. Sie war es, die zu jener Zeit die besten Fotos des Erbmoleküls herstellte. Dessen Struktur ließ sich auf den Aufnahmen dennoch nur erahnen: Darauf waren nur die Muster zu erkennen, die die Röntgenstrahlen hinterließen, sobald sie auf die DNA trafen und reflektiert wurden.

Absurdes Modell und ein Anfängerfehler

Ihre Aufnahmen studierte Rosy, wie James Watson sie oft abschätzig nannte, genau. Der Chemikerin war rasch klar: Das Erbmolekül müsste sich in seiner dreidimensionalen Gestalt wie eine Schraube winden. Doch wie viele Ketten aus einander abwechselnden Phosphat- und Zuckermolekülen bildeten das Grundgerüst dieser Helix? Zwei, drei oder gar vier?

Ende des Jahres 1951 luden Watson und Crick die Röntgenspezialisten aus London nach Cambridge ein. Sie präsentierten den beiden ihr erstes DNA-Modell. Es bestand aus drei Ketten, die sich spiralförmig auffädelten, und deren Grundgerüst innen lag. Franklin erkannte sofort, dass dieser Vorschlag absurd war. Die Raumstruktur war völlig falsch berechnet, all ihre Röntgenaufnahmen widersprachen dem, was sie zu sehen bekam. Watson und Crick blamierten sich bis auf die Knochen. Watson musste sich eingestehen, dass er Details aus einem Vortrag von Franklin wenige Wochen vorher weder verstanden noch sich richtig gemerkt hatte.

Aufgeben kam für die beiden Chaoten nicht infrage. Sie tüftelten weiter. 1952 freundeten sie sich mit Peter Pauling, dem Sohn des seinerzeit angesehensten Biochemikers der Welt an. Doch der Sohn war nicht so scharfsinnig wie sein Vater Linus. Dafür schmissen er und seine Schwester, die aus den USA nach Cambridge gekommen waren, gute Partys. Gemeinsam philosophierte Peter mit Watson und Crick über Mädchen und das mögliche Aussehen der Erbinformation.

Als Pauling Junior Anfang 1953 ein noch unveröffentlichtes Manuskript seines Vaters zugeschickt bekam, zeigte er es Watson und Crick. Denen rutschte das Herz in die Hose. Der große Linus Pauling hatte ein schraubenförmiges DNA-Modell erdacht. Für einen Moment gaben die jungen Forscher alle Hoffnungen auf den Nobelpreis auf. Nach einem kurzen Schock atmeten sie auf. Paulings Struktur glich nicht nur ihrem Modell, das Rosalind Franklin ein Jahr zuvor zerrissen hatte. Es krankte an einem peinlichen Fehler: Der Meister der chemischen Bindung hatte die Phosphatreste falsch im DNA-Rückgrat verknüpft.

Nicht geklaut, aber gut kombiniert

Ein weiteres Mal besuchte Watson nun Franklin, um ihr den Anfängerfehler des Chemie-Gurus zu zeigen. Die wollte davon nichts wissen und schmiss Watson aus ihrem Labor. Später beschrieb er sie als sture Besserwisserin, eine zugeknöpfte "dark lady", die mal was an ihren Haaren ändern sollte oder zumindest die Brille abnehmen könnte. Ehe Watson London verließ, erhaschte er noch einen Blick auf Franklins neue DNA-Röntgenbilder. Ihr Kollege Wilkins zeigte sie ihm. Sie belegten so klar wie nie zuvor: Die DNA muss eine doppelte Spiralform haben.

Zurück in ihrem Büro in Cambridge schoben Watson und Crick tagelang selbst gebastelte Pappmoleküle hin und her. Am 28. Februar, dem Geburtstag ihres größten Konkurrenten Linus Pauling, fügte sich alles: Noch am selben Abend rief Crick in seiner und Watsons Stammkneipe, sie hätten das Geheimnis des Lebens entdeckt. Wenig später setzten sie aus Blech und Draht ihr berühmtes rund zwei Meter hohes DNA-Modell zusammen.

Rasch arbeiteten sie ihr Manuskript für das Journal Nature aus. Ende März, kurz bevor sie es losschickten, schrieb Crick den Brief an seinen Sohn. Darin erklärte er viel verständlicher als in der wissenschaftlichen Veröffentlichung, wie sich der Strang aus Desoxyribonukleinsäure in den Raum fügt.

Unsere Struktur ist wunderschön. D.N.A. kann man sich ungefähr als eine sehr lange Kette vorstellen, die flache Stücke hat, die rausgucken. Diese Stücke heißen Basen. Nun haben wir zwei dieser Ketten, die sich umeinander schlingen – jede von ihnen ist eine Spirale – und die Kette aus Zucker und Phosphor ist außen und die Basen innen. Die Basen haben Namen. Adenin, Guanin, Thymin und Cytosin. Nun sehen wir die Paare, die wir bilden können: A mit T und G mit C. (...) Wenn Du nach Hause kommst, werden wir Dir das Modell zeigen. Viel Liebe, Daddy
Francis Crick, 19. März 1953

Die Struktur stimmt. Die beiden Clowns wurden gefeiert. 1962 erhalten Francis Crick und James Watson den Nobelpreis für Physiologie und Medizin. Zusammen mit Maurice Wilkins, der für die Röntgenbilder aus seinem Labor ausgezeichnet wurde. Seine Kollegin Rosalind Franklin konnte die Nobeljury nicht mehr ehren. Die Chemikerin war vier Jahre zuvor im Alter von 37 Jahren an Krebs gestorben.

"Rosalind war nie der Meinung, wir hätten ihr etwas geklaut", sagte Watson 2003. Klar habe es Kontroversen gegeben, schließlich hätten Francis und er "kein einziges Experiment selbst ausgeführt. Wir haben uns auf die Daten anderer verlassen." Und gut kombiniert.

Bis heute gibt es Kritik an der Vorgehensweise der Männer, die die Lorbeeren für ihr DNA-Modell ernteten. Haben sie geschummelt, um die Struktur zu entschlüsseln, sich Daten erschlichen? Schließlich hatte Franklin anhand ihrer Röntgenaufnahmen selbst herausgefunden, die DNA könne nur eine Doppelhelix mit zwei äußeren Ketten sein. Doch sie hatte diese Erkenntnis lediglich in ihrem Tagebuch festgehalten, nicht veröffentlicht.