Ian KershawDer Mann, der Hitler entzauberte

Wie kein Zweiter wandelte er das Bild der Deutschen im und über das Dritte Reich. Nüchtern, uneitel und genau sind die Analysen des Historikers Ian Kershaw. von Bernhard Schulz

Nazizeit und Zweiter Weltkrieg, das hat kürzlich erst die breite Diskussion über den Fernsehdreiteiler "Unsere Mütter, unsere Väter" bestätigt, lasten unverändert schwer auf dem deutschen Kollektivbewusstsein. Davon ist auch die historische Wissenschaft berührt. Wohl auch daran liegt es, dass der englische Historiker Ian Kershaw hierzulande nicht nur Erfolg mit seinen zahlreichen Büchern zu dem düsteren Zeitraum von 1933 bis 1945 hat, sondern auch als neutraler Gesprächspartner überaus gefragt ist. Und natürlich liegt es daran, dass Kershaw hervorragend schreiben kann, uneitel, unaufgeregt, stets auf den Punkt kommend, aber nie besserwisserisch oder bevormundend.

Ursprünglich von der Mittelaltergeschichte her kommend, hat er sich seit den 1970er Jahren der Nazizeit zugewandt. Mit einem Schlag bekannt wurde er durch seine Hitler-Biografie, die in zwei Bänden 1998 und 2000 erschien, in der deutschen Ausgabe 2.300 Buchseiten stark und doch kein bisschen weitschweifig. Detailversessen gewiss, weil nur aus der Auswertung aller überhaupt denkbaren Quellen jene Analyse zu gewinnen war, die Kershaws Biografie über die bis dahin gängigen Biografien hinaushebt.

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Der knapp zwei Jahrzehnte bis zur Emeritierung 2008 in Sheffield lehrende Historiker – seit 2002 Sir Ian – zeichnet ein ambivalentes Bild Hitlers, den er einerseits als Schlüsselfigur der NS-Verbrechen begreift wie vor ihm Joachim Fest, andererseits als charismatischen Führer im Sinne Max Webers, der den Stimmungen in der Bevölkerung eine Stimme verleiht. Einer Bevölkerung, die "dem Führer entgegenarbeiten" wollte, wie Kershaws Schlüsselwort für die Haltung der Deutschen lautet. Erst 1999 kam, im Gefolge der Biografie, Kershaws bereits 1987 publizierte Studie über den "Hitler-Mythos" in deutscher Übersetzung heraus, die die seinerzeit noch weit verbreitete Legende vom Volk, das allein das Opfer nationalsozialistischer Propaganda gewesen sei, korrigiert.

Der "Hitler-Mythos" öffnete dem Regime Handlungsspielraum gegenüber einer bestenfalls passiven Bevölkerung, in dem die Verbrechen insbesondere an den Juden hingenommen und überhaupt erst möglich wurden. "Dass Hitler kein Tyrann war, der einem unterdrückten deutschen Volk seinen Willen aufzwang", hat Kershaw an anderer Stelle geschrieben. Vielmehr sei er ein Produkt der deutschen Gesellschaft gewesen "und für einen Großteil der dreißiger Jahre der wohl populärste Führer der ganzen Welt". Dies erkläre zum Teil, warum er nicht "vergangen" ist und warum sein Schatten immer noch auf die Gegenwart falle.

Niemals gleichgültig

Ihre furchtbare Folge fand die Hitler-Begeisterung im hartnäckigen Widerstand, den die Bevölkerung den vorrückenden Alliierten in der letzten Kriegsphase 1944/45 leistete. Aufgrund der mentalen Disposition zu Gehorsam und Fanatismus erwies sich auch das als Fanal gedachte und erhoffte Attentat vom 20. Juli 1944 als völliger Fehlschlag: Danach wurde jeder Ansatz zu Widerstand oder gar Kapitulation unmöglich. "Hitlers Fähigkeit, die Massen zu begeistern, wirkte schon länger nicht mehr", urteilt Kershaw 2011 in seinem Buch über "Das Ende" in den letzten Kriegsmonaten: "Gleichwohl blieben Strukturen und Mentalitäten von Hitlers charismatischer Herrschaft bis zu seinem Tod im Bunker wirksam."

Die englische Tradition der kontrafaktischen Betrachtung des "Was wäre gewesen, wenn" setzte Kershaw fort, als er die "Wendepunkte" – so der Buchtitel von 2007 – im Verlauf des Zweiten Weltkriegs unter die Lupe nahm. Und zu dem Ergebnis kam, dass der Krieg aufgrund der Entscheidungen der Diktatoren so stattfinden musste, wie er stattfand, und dass es keine Alternative zur vollständigen Niederlage Hitlerdeutschlands geben konnte. So lautete denn auch sein Urteil über die Bombardierung Dresdens im Februar 1945, nach der er des Öfteren gefragt wurde, sehr deutlich: Es sei "eine fehlgeleitete militärische Strategie" gewesen, "aber kein Verbrechen, das man mit den schrecklichen Untaten der Nazis auf eine Stufe stellen kann".

Auch der Vertreibung der Deutschen aus Ost- und Mitteleuropa gewinnt Kershaw das positive Resultat ab, "lange und bittere Konflikte in diesen ethnisch gemischten Gebieten beseitigt" zu haben.

"Nicht zynisch, sondern nüchtern", hat Kershaw selbst sein Urteil bezeichnet. Diese Nüchternheit, nicht mit Indifferenz zu verwechseln, hat Kershaw zum gefragten Geschichtsdeuter gemacht. Bezeichnend für seine Haltung ist, was er im Rückblick auf den "Historikerstreit" der späten achtziger Jahre schrieb: "Stalins Verbrechen verringern Hitlers Verbrechen – oder Deutschlands ererbte Verantwortung – nicht um ein Jota." Am heutigen Montag wird der im nordenglischen Lancashire geborene Ian Kershaw 70 Jahre alt. 

Erschienen im Tagesspiegel

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Leserkommentare
  1. 1. [...]

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    Als einer der in Deutschland geboren ist und seit 45 In einem Englisch sprechenden Land lebt (nicht USA, GB) und ich auch ein Amateur Historiker
    bin moechte ich sagen das die einzigsten Gechichte Buecher von einem Englischen Historian ueber die periode 1933 bis 1950
    sind die von A.J.P. Taylor.

    Er schreibt nicht von der Sieger sicht aus und er damit sich nicht zuviele Freunde gemacht in seinem eigenen Land.

    Ich empfehle A.J.P. Taylor, Europe: Grandeur and Decline, Pelican Books.

    Er faengt mit Napoleon an und der Deutsche Anteil faengt mit Bismarck an., Bismarck:The Man of German Destiny und ended mit The Twilight of the God. Natuerlich (AH).

    Es ist nicht ein Buch ueber Einzelteile des krieges. Es ist ueber warum und wie es zum Krieg kam und es geht nicht um schuld oder so.

    Die Briten sind bessessen mit der Nazi zeit. Wo ich lebe da gibtes mindestens einmal in der woche ein TV program ueber die Nazizeit und dem Krieg.In den 45 hahren habe ich mehr ueber die zeit von 1933 bis 1945 gelernt von der allierten seite aus gesehen alls ich jein D gelernt haette wenn ich auch geblieben waere.

    Da ich auch andere Geschichtsbuecher lese kann ich Sieger Propaganda von Tatsachen unterscheiden.

    Es ist auch gut das ich nicht an einem Schuldgefuehl leide. Ich bin nicht fuer das verhalten meiner Vorfahren verantwortlich.

    Mein Vater fiel im WK2 ein paar monate vor meiner geburt im Dezember 1944, mein Grossvater fiel im WK1 und meine Mutter stark in der Nachkriegszeit. Das war.

  2. 2. [...]

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    ... dass man Ihnen auch mal rechtgeben kann, Schoolboy. :)

    • Bashu
    • 29. April 2013 20:48 Uhr
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    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf die Relativierung oder Rechtfertigung von Verbrechen. Danke, die Redaktion/jk

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    ist wohl tatsächlich unmöglich.

    Ich kann mich noch ins Hirn von Massenmördern wie Breivik einigermaßen hineinversetzen.

    Bei aller Literatur, die ich über das tausendjährige Reich gelesen haben, vermag ich mir keine auch nur annähernd realistische Vorstellung zu machen, warum mit außergewöhnlich grausamer, aber gleichwohl wirtschaftlich auskalkulierter, kühler, distanzierter Geschäftigkeit eine angebliche Kulturnation, das Volk der Dichter und Denker, viele Millionen Menschen systematisch ermordet und anschließend die Leichen kaltblütig beseitigt hat.

    • msknow
    • 30. April 2013 6:01 Uhr

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  5. 6. [...]

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    • rhcp
    • 30. April 2013 10:09 Uhr

    Wehlers "Deutsche Gesellschaftsgeschichte" ist auch nur zu empfehlen.

  6. 7. [...]

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