Warschauer GhettoDer Tag, als sich Juden erstmals sichtbar wehrten

Am 19. April 1943 dringt die SS ins Warschauer Ghetto ein, um die jüdischen Insassen zu deportieren. Doch die Juden sind vorbereitet: Sie leisten Widerstand. Von A. Mix von Andreas Mix

Wahrschauer Ghetto Nazis SS Widerstand

April 1943: Ein Mitglied der SS inspiziert jüdische Arbeiter im Warschauer Ghetto, die dort zwangsweise lebten.  |  © AFP/Getty Images

In der Nacht zum 19. April 1943, dem Tag des Pessachfestes und dem Beginn der Karwoche, umstellen SS- und Polizeieinheiten das Warschauer Ghetto. Unterstützt von "fremdvölkischen Hilfswilligen", wie sie bei den Nazis hießen.

Bereits im Sommer 1942 hatten die Deutschen mit ihren Helfern binnen drei Monaten fast eine halbe Million Juden aus Warschau nach Treblinka verschleppt und dort ermordet. Nun wollten sie auch die letzten 60.000 Insassen in Arbeits- und Vernichtungslager deportieren. "Auf jeden Fall muß erreicht werden, daß der für 500.000 Untermenschen bisher vorhandene Wohnraum, der für Deutsche niemals geeignet ist, von der Bildfläche verschwindet", ordnet der Reichsführer-SS Heinrich Himmler an.

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Anders als im Sommer 1942 kann die SS die Juden in dieser Nacht nicht überraschen. Schon Monate zuvor hat sich im Ghetto die Jüdische Kampforganisation formiert, 200 Männern und Frauen, die den Nazis Widerstand leisten wollten. Als motorisierte Verbände der SS ins Ghetto dringen, werden sie von den Kämpfern beschossen und mit Molotowcocktails beworfen. Die Angreifer müssen sich zurückziehen – ein Triumph für die Jüdische Kampforganisation, der sich auch jenseits der Ghettomauern schnell herumspricht.

Was der Dichter Abba Kovner aus Wilna gefordert hatte, wird nun wahr: Statt sich "wie die Schafe zur Schlachtbank" führen zu lassen, leisten Juden Widerstand gegen ihre Verfolger.

Im Ghetto begann der jüdische Widerstand

Die Jüdische Kampforganisation hat sich als Reaktion auf die Massendeportationen aus Warschau im Herbst 1942 gebildet. Die Mitglieder – Zionisten, Kommunisten und Vertreter des Allgemeinen jüdischen Arbeiterbundes – vereint ein Ziel: "Wir wollen nicht Leben retten, wir wollen unsere Würde retten", erklärt Arje "Jurek" Wilner, einer der Gründer der Kampforganisation. An Mut mangelt es den Kämpfern nicht. Was ihnen fehlt, sind Waffen und eine militärische Ausbildung. Auch deshalb wissen sie, dass sie die Reste der Warschauer Gemeinde nicht dauerhaft vor der Deportation schützen können.

Trotzdem sind die Kämpfer entschlossen. Unter dem Kommando von Mordechaj Anielewicz, dem 22-jährigen Aktivisten eines linkszionistischen Jugendverbands, bereiten sie sich auf den Widerstand vor. Sie knüpfen Kontakte zum polnischen Untergrund, bitten um Waffen und logistische Unterstützung. Im Ghetto agitieren die jungen Männer und Frauen gegen jede Form der Zusammenarbeit mit den Deutschen. Niemand soll mehr dem Versprechen glauben, die Arbeit für die deutschen Betriebe biete Schutz vor der Vernichtung.

Als am 18. Januar 1943 die Deportationen wieder einsetzen, leisten die Juden erstmals Widerstand. Nach vier Tagen stellen die SS-Kommandos die Deportationen ein. Bis dahin haben sie bereits fast 7.000 Menschen nach Treblinka verschleppt. Die jüdischen Kämpfer werten ihren Aufstand als Erfolg, obwohl viele ihrer Mitglieder ermordet werden: "Denn zum ersten Mal werden die deutschen Pläne durchkreuzt. Zum ersten Mal bricht der Nimbus vom unantastbaren, allmächtigen Deutschen zusammen. Zum ersten Mal gewinnt die jüdische Bevölkerung die Überzeugung, es sei möglich, trotz der deutschen Stärke, etwas gegen die Absichten der Deutschen zu unternehmen", erinnert sich Marek Edelman, einer der führenden Mitglieder der Kampforganisation, unmittelbar nach Kriegsende.

Nach dem Rückzug in den Morgenstunden des 19. April ändern die Angreifer ihre Taktik. Der SS- und Polizeiführer Jürgen Stroop, der das Kommando über die Verbände übernimmt, lässt systematisch ganze Häuserzeilen in Brand setzen und sprengen. Keller und Kanäle, die als Verstecke und Fluchtwege dienen, werden mit Wasser oder Gas geflutet. Wer sich stellt, wird zum "Umschlagplatz" getrieben und von dort aus in Arbeits- und Vernichtungslager deportiert. Wer Widerstand leistet, wird sofort erschossen.

Das Inferno hinter den Ghettomauern bleibt nicht unbemerkt. Die Rauchsäulen und der Feuerschein sind weithin sichtbar, die Detonationen in der ganzen Stadt zu hören. Die Reaktionen darauf fallen unterschiedlich aus. Einzelne Gruppen des polnischen Untergrunds unterstützen die Aufständischen, indem sie ihnen Waffen liefern oder bei der Flucht aus dem Ghetto helfen. Zahlreiche konspirative Publikationen schreiben bewundernd über den "zu allem entschlossenen bewaffneten Widerstand der Juden".

Zum Symbol für die Zuschauerrolle der Polen wird das Karussell auf dem Krasinskiplatz an der Ghettomauer: "Der Schlager dämpfte die Salven/Hinter der Mauer des Gettos,/Und Paare flogen nach oben/weit in den heiteren Himmel", beschreibt der spätere Literaturnobelpreisträger Czeslaw Milosz im Gedicht Campo die Fiori die Szenerie zwischen Frühlingsvergnügen und Apokalypse.

Einen Monat dauert der Widerstand. Am 16. Mai meldet Jürgen Stroop seinen Vorgesetzten per Fernschreiben: "Das ehemalige jüdische Wohnviertel Warschau besteht nicht mehr. Mit dem Sprengen der Warschauer Synagoge wurde die Großaktion um 20.15 Uhr beendet." Bis dahin haben Stroops Männer mehr als 56.000 Menschen deportiert oder erschossen. Anielewicz und mit ihm zahlreiche weitere Mitglieder der Jüdischen Kampforganisation begehen Selbstmord, als ihr Bunker in der Milastraße 18 am 8. Mai entdeckt wird.

In einem seiner letzten Briefe schreibt er: "Am wichtigsten ist, dass der Traum meines Lebens wahr geworden ist. Jüdische Selbstverteidigung im Ghetto ist verwirklicht worden. Vergeltung und Widerstand von jüdischer Seite ist eine Tatsache geworden. Ich bin Zeuge des heldenhaften Mutes der jüdischen Kämpfer gewesen."

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Leserkommentare
  1. Eine Leserempfehlung
  2. Zitat: Anders als im Sommer 1942 kann die SS – die sogenannte Schutzstaffel der Partei Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP) ....

    1942.
    Längst war - historisch unumstritten - die " sogenannte " doch etwas ganz anderes.

    Was soll daher diese journalistische Interpretation fern aller Realitäten Herr Mix ( ich darf Sie doch persönlich ansprechen? ).

    1938 schon in Verfügungstruppe aufgeteilt.
    Sodann zur Waffen-SS verschmolzen.
    Mit gar internationaler ( Freiwillige! ) Aufstellung MULTINATIONALER Verband.
    Weitere Änderungen bis Artikeldatum 1943 erspare ich nun der mehr oder minder geneigten historisch ambitionierten Leserschaft.

    Mir geht es um nicht mehr ( oder weniger ) als ein " sauberer " Artikel......und in zumindest meinen Augen hätte/müsste man sich den Passus " sogenannte " in Gänze sparen. Alternativ klar aufzeigen.

    Als konstruktive Kritik!

    Nur so am Rande, nebenbei

    Ihre Anmerkung wurde weitergeleitet. Die Redaktion/mak

    2 Leserempfehlungen
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    Redaktion

    Lieber Leser,

    Danke für den Hinweis. Mein Fehler. Ich hatte genau diese Erklärung in den Text von Herrn Mix hinein redigiert, da ich dachte, man müsse kurz erklären, was SS und NSDAP sind. Das Wort "sogenannt" hatte ich gewählt, da mir der Ausdruck Schutzstaffel für eine Organisation wie die SS sehr euphemistisch erschien. Mehr nicht.

    Ich habe es jetzt wieder gestrichen.

  3. Na aber, die Diskussion zu "Polen und Juden" hatten wir doch gerade erst bei dem ZDF-Film.
    Wohl deshalb werden dann von den unterschiedlichen Reaktionen nur die positiven genannt.
    Zu den Zahlen, Fakten (die im Artikel nicht alle stimmen, z.B. die Zahl von 200 Kämpfern) und Ergebnissen
    http://de.wikipedia.org/w...

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    Bereits am 28. Juli 1942 wurde die Jüdische Kampforganisation "Zydowska Organizacia Bojowa" (ZOB) gegründet. Dieser ursprünglichen Gruppe von etwa 200 Mitgliedern gelang es überwiegend, den Deportationen zu entgehen. Im Fruhjahr 1943 trug diese Gruppe von circa 200 Mitgliedern den Aufstand im Warscheuer Ghetto. Saul Friedländer bietet dazu in seinem grundlegenden Werk "Das Dritte Rech und die Juden" (Verlag C. H. Beck) umfangreiche Informationen. Dieses auf Quellenstudium beruhende Werk dürfte Wikipedia vorzuziehen sein.
    Zu Ihrem Satz: "Na aber, die Diskussion zu ,Polen und Juden' hatten wir doch gerade erst bei dem ZDF-Film." ist zu sagen: Beim Thema Warschauer Ghetto geht es um Juden und Deutsche. Und zwar um deutsche Massenmörder. Auch dazu bietet Friedländer Material, das die Vorstellungskraft überfordert.

  4. Kleiner Hinweis: Unter dem Bild steht April 1933.

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    Redaktion

    Lieber Oskar72,

    vielen Dank für den Hinweis. Wir haben den Fehler korrigiert.

  5. Bereits am 28. Juli 1942 wurde die Jüdische Kampforganisation "Zydowska Organizacia Bojowa" (ZOB) gegründet. Dieser ursprünglichen Gruppe von etwa 200 Mitgliedern gelang es überwiegend, den Deportationen zu entgehen. Im Fruhjahr 1943 trug diese Gruppe von circa 200 Mitgliedern den Aufstand im Warscheuer Ghetto. Saul Friedländer bietet dazu in seinem grundlegenden Werk "Das Dritte Rech und die Juden" (Verlag C. H. Beck) umfangreiche Informationen. Dieses auf Quellenstudium beruhende Werk dürfte Wikipedia vorzuziehen sein.
    Zu Ihrem Satz: "Na aber, die Diskussion zu ,Polen und Juden' hatten wir doch gerade erst bei dem ZDF-Film." ist zu sagen: Beim Thema Warschauer Ghetto geht es um Juden und Deutsche. Und zwar um deutsche Massenmörder. Auch dazu bietet Friedländer Material, das die Vorstellungskraft überfordert.

    4 Leserempfehlungen
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    sich gleich den Friedländer holen.
    Auf Wiki sind die Leute schneller und einfacher, so als erster Schritt.

    Ihre Kritk im letztem Absatz führt zu nichts, denn es geht ja auch in dem Artikel um den angesprochenen Punkt. Die deutschen Mörder hatten genug Helfer.
    Das Warschauer Ghetto war nicht nur eine Sache der Deutschen und Juden, lesen Sie z.B. Martin Gray, da wird schon klar, dass das Verhalten der Polen für die Juden und ihre Überlebenschancen ziemlich wichtig war. Das ändert überhaupt nichts an den deutschen Massenmördern, aber im luftleeren Raum waren die nicht unterwegs.

  6. <<< Zeigt aber auch, dass Widerstand nie sinnlos ist, allein um der Gerechtigkeit willen. <<<

    Umso trauriger ist, das jeglicher Widerstand und sei er noch so marginal oder harmlos von vielen Menschen als schlimmer empfunden wird wie die Ungerechtigkeiten des Staates, des herrschenden Systems, gegen die sich der Widerstand richtet.
    Ein aktuelles unrühmliches Beispiel sind die Kommentare hier nach der Störaktion von de Maizeres Propagandavorstellung an der HU, wonach einige eine Exmatrikulation der Studenten für angemessen hielten...
    Die Obrigkeitshörigkeit und der autoritäre Charakter sind immernoch Mainstream und damit b

    7 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Beschämend"
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    ....brandgefährlich für eine demokratische Staatsform, in der formal die Mehrheit den Ton angibt.

    "Ein aktuelles unrühmliches Beispiel sind die Kommentare hier nach der Störaktion von de Maizeres Propagandavorstellung an der HU, wonach einige eine Exmatrikulation der Studenten für angemessen hielten." Zitatende

    Ihr Einsatz gegen Obrigkeitshörigkeit und autoritäre Charaktere in Ehren. Studentenproteste und Foren-Kommentare passen aber mit dem Aufstand im Warschauer Ghetto nicht zusammen. Das sind zwei Welten. Polemisch gesagt: Die protestierenden Studenten werden nicht in Ghettos gesperrt. Und Foren-Kommentatoren, die ihre Exmatrikulation fordern, gehören nicht der SS an. Die Bundesrepublik ist also keine Diktatur, gegen die unter Einsatz des Lebens gekämpft werden müsste. Die ahistorische Relativierung, die dahintersteckt, schmälert auch das Leiden und den Mut derer, die damals im Ghetto gegen eine nicht bezwingbare Übermacht wirklich um ihr Leben kämpften
    Wichtig ist aber weiterhin, heutige Fehlentwicklungen zu beobachten und zu kritisieren.

    • Berski
    • 19. April 2013 17:27 Uhr

    "Ein aktuelles unrühmliches Beispiel sind die Kommentare hier nach der Störaktion von de Maizeres Propagandavorstellung an der HU, wonach einige eine Exmatrikulation der Studenten für angemessen hielten..."

    Ich finde es ganz schwach bis widerwärtig, das wohl schlimmste Kapitel der Menschheit - die systematische Judenvernichtung - mitsamt dem geleisteten Widerstand mit dieser lächerlichen Störaktion von infantilen, linksradikalen Studenten zu vermengen.

    Und überhaupt: diese Störaktion an der HU war Demokratieverweigerung in Perfektion, denn de Maizere wollte diskutieren, sein Vortrag war angekündigt, mit Argumenten wollten sich diese Studenten (gewiss nicht die Mehrheit) nicht messen...das hat nichts mit Widerstand zu tun, das ist einfach respektlos, asozial und zeugt von einem ausgeprägten Kleingeist - Linksradikale eben.

  7. sich gleich den Friedländer holen.
    Auf Wiki sind die Leute schneller und einfacher, so als erster Schritt.

    Ihre Kritk im letztem Absatz führt zu nichts, denn es geht ja auch in dem Artikel um den angesprochenen Punkt. Die deutschen Mörder hatten genug Helfer.
    Das Warschauer Ghetto war nicht nur eine Sache der Deutschen und Juden, lesen Sie z.B. Martin Gray, da wird schon klar, dass das Verhalten der Polen für die Juden und ihre Überlebenschancen ziemlich wichtig war. Das ändert überhaupt nichts an den deutschen Massenmördern, aber im luftleeren Raum waren die nicht unterwegs.

    Eine Leserempfehlung

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Brand | Heinrich Himmler | Marek Edelman | Vernichtungslager | Widerstand | Polen
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