Umstrittene These : Waren die Kreuzzüge Notwehr?

Kreuzritter gelten als fanatische Barbaren. Das Bild ist falsch, schreibt der US-Soziologe Rodney Stark in einem Buch. Seine kühne These: Der Islam habe provoziert.
Eine Zeichnung zeigt, wie ein Moslem einen Kreuzfahrer erschießt. © Hulton Archive/Getty Images

Die Kreuzzüge haben keinen guten Ruf. "Hohe Ideale wurden beschmutzt von Grausamkeit und Gier, Unternehmungsgeist und Durchhaltevermögen, von einer blinden und engstirnigen Selbstgerechtigkeit, und der Heilige Krieg selbst war nichts als ein langer Akt der Intoleranz im Namen Gottes, die eine Sünde gegen den Heiligen Geist ist." So beschrieb Steven Runciman, Autor des Standardwerkes Geschichte der Kreuzzüge, seinen Forschungsgegenstand.

Brutale Primitivlinge aus dem finsteren europäischen Mittelalter waten bis zu den Steigbügeln im Blut gebildeter, kultivierter Araber. So stellt man sich die rund sieben Kriege vor, die europäische Ritter zwischen dem 11. und dem 14. Jahrhundert im Heiligen Land oder auf dem Weg dorthin führten. Rodney Stark ist angetreten, dieses Bild zu korrigieren.

Der Religionssoziologe der Baylor University, einer privaten christlichen Universität in Waco in Texas, sieht sich als Anwalt der Kreuzfahrer: In seinem Buch Gottes Krieger: Die Kreuzzüge in neuem Licht präsentiert Stark Argumente, die die Kreuzfahrer entlasten.

Er schreibt: "Die Kreuzzüge fanden nicht ohne vorhergehende Provokationen statt.  Sie waren nicht die erste Runde des europäischen Kolonialismus. Sie wurden nicht wegen Land, Beute oder aus Bekehrungsabsichten geführt. Die Kreuzritter waren keine Barbaren, die die kultivierten Muslime schlecht behandelten. Sie glaubten ernsthaft, dass sie in Gottes Bataillonen dienten."

Fakten werden wegerklärt

Vieles spricht dafür, dass dieses Fazit für Stark schon feststand, bevor er an die Arbeit ging. Stark ist kein Historiker, das räumt er selbst ein. Sein Buch ist kein Versuch, die Kreuzzüge zu verstehen. Er beabsichtigt vielmehr, das Image jener ritterlichen Helden wiederherzustellen, die auf Befehl von Papst Urban II. die Heiligen Stätten der Christenheit aus der Hand der Heiden befreien wollten und sich davon den Erlass ihrer Sünden versprachen.

Wenn er auf Fakten stößt, die nicht in sein Bild passen, versucht er, sie wegzuerklären. Übergriffe von Teilnehmern des Ersten Kreuzzuges auf europäische Juden seien etwa von abtrünnigen Kreuzfahrern ausgegangen, die entgegen dem Befehl der Bischöfe gehandelt hätten. Und die Kämpfe gegen christliche Gemeinschaften wie Katharer, Waldenser und Hussiten, die von der Kirche als Ketzer verfolgt wurden, schließt er kurzerhand aus seiner Definition der Kreuzzüge aus.

Als Beginn sieht Stark auch nicht wie die meisten Historiker den Aufruf Urbans II. im Jahr 1095, sondern die "muslimische Invasion" im Mittelmeerraum in den Jahrhunderten zuvor. Dafür zitiert er die Passagen aus der islamischen Überlieferung, in denen der Prophet zur gewaltsamen Bekehrung der Ungläubigen aufruft. Er plädiert quasi auf Notwehr.

Ausführlich schildert Stark Grausamkeiten, die Moslems Christen und Juden in den von ihnen eroberten Ländern und christlichen Pilgern im Heiligen Land antaten. Damit füllt er zwar die eine oder andere Lücke bisheriger Darstellungen, die solchen Übergriffen oft nur wenige Zeilen widmeten. Aber er schießt weit über sein erklärtes Ziel der Korrektur einer angeblich einseitigen Darstellung hinaus und wird selber einseitig.

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Kommentare

223 Kommentare Seite 1 von 29 Kommentieren

Mission Statement

Moin,

selbst wenn das erste Statement lakonisch kurz war, liest man sich das Missoin Statement der Uni durch fällt es doch recht schwer, den Autor als satisfaktionsfähig anzuerkennen:
"Baylor is founded on the belief that God’s nature is made known through both revealed and discovered truth"
"Baylor’s pursuit of knowledge is strengthened by the conviction that truth has its ultimate source in God and by a Baptist heritage..."
Und ich habe mir mal erlaubt hier auch ein wenig Quote-Mining zu betreiben :-)

CU
CU

Inhaltliche Korrektur und Ergänzung zu @220:

... dass alle in diesem Zeitraum bis zum Ende der Kreuzzüge involvierten "Heiligen Krieger" der 2 (!) monotheistischen Schriftreligionen sich sowohl untereinander als auch die jeweils Andersgläubigen nicht gerade mit Streicheleinheiten beglückten"

Betont werden muss, dass die Juden, als Begründer der 1. Schriftreligion, bis zum Beginn des 1.Kreuzzugs (1099) im mittelalterlichen Europa einigermaßen sicher lebten und auf eine kulturelle und wirtschaftliche Blütezeit zurückblicken konnten. Die Kreuzzüge bildeten jedoch den vorläufigen Höhepunkt des christlichen Antijudaismus:

"Die Kreuzfahrer wollten sich vor dem Aufbruch nach Jerusalem zunächst der „Ungläubigen“ im eigenen Land entledigen. Auf dem Weg ins Heilige Land plünderten sie jüdische Stadtviertel und Dörfer, vor allem im Rheinland. Die Juden wurden vor die Wahl „Taufe oder Tod“ gestellt. Tausende Juden, die nicht zum Christentum konvertieren wollten, wurden von den Kreuzfahrern erschlagen.Viele flüchteten in andere Regionen Deutschlands und nach Osteuropa. Sie nahmen ihre deutschen Namen und das Jiddische als Sprache mit. Bei der Einnahme von Jerusalem sollen in einer einzigen Nacht über 3.000 Muslime und Juden von den Christen getötet worden sein."
http://de.wikipedia.org/w...

Unglaublich, was den Lesern dagegen hier serviert wird:

"Ausführlich schildert Stark Grausamkeiten, die Moslems Christen und JUDEN in den von ihnen EROBERTEN LÄNDERN... antaten."