Umstrittene TheseWaren die Kreuzzüge Notwehr?

Kreuzritter gelten als fanatische Barbaren. Das Bild ist falsch, schreibt der US-Soziologe Rodney Stark in einem Buch. Seine kühne These: Der Islam habe provoziert. von 

Eine Zeichnung von circa 1250 zeigt, wie ein Moslem einen Kreuzfahrer erschießt

Eine Zeichnung zeigt, wie ein Moslem einen Kreuzfahrer erschießt.  |  © Hulton Archive/Getty Images

Die Kreuzzüge haben keinen guten Ruf. "Hohe Ideale wurden beschmutzt von Grausamkeit und Gier, Unternehmungsgeist und Durchhaltevermögen, von einer blinden und engstirnigen Selbstgerechtigkeit, und der Heilige Krieg selbst war nichts als ein langer Akt der Intoleranz im Namen Gottes, die eine Sünde gegen den Heiligen Geist ist." So beschrieb Steven Runciman, Autor des Standardwerkes Geschichte der Kreuzzüge, seinen Forschungsgegenstand.

Brutale Primitivlinge aus dem finsteren europäischen Mittelalter waten bis zu den Steigbügeln im Blut gebildeter, kultivierter Araber. So stellt man sich die rund sieben Kriege vor, die europäische Ritter zwischen dem 11. und dem 14. Jahrhundert im Heiligen Land oder auf dem Weg dorthin führten. Rodney Stark ist angetreten, dieses Bild zu korrigieren.

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Der Religionssoziologe der Baylor University, einer privaten christlichen Universität in Waco in Texas, sieht sich als Anwalt der Kreuzfahrer: In seinem Buch Gottes Krieger: Die Kreuzzüge in neuem Licht präsentiert Stark Argumente, die die Kreuzfahrer entlasten.

Er schreibt: "Die Kreuzzüge fanden nicht ohne vorhergehende Provokationen statt.  Sie waren nicht die erste Runde des europäischen Kolonialismus. Sie wurden nicht wegen Land, Beute oder aus Bekehrungsabsichten geführt. Die Kreuzritter waren keine Barbaren, die die kultivierten Muslime schlecht behandelten. Sie glaubten ernsthaft, dass sie in Gottes Bataillonen dienten."

Fakten werden wegerklärt

Vieles spricht dafür, dass dieses Fazit für Stark schon feststand, bevor er an die Arbeit ging. Stark ist kein Historiker, das räumt er selbst ein. Sein Buch ist kein Versuch, die Kreuzzüge zu verstehen. Er beabsichtigt vielmehr, das Image jener ritterlichen Helden wiederherzustellen, die auf Befehl von Papst Urban II. die Heiligen Stätten der Christenheit aus der Hand der Heiden befreien wollten und sich davon den Erlass ihrer Sünden versprachen.

Wenn er auf Fakten stößt, die nicht in sein Bild passen, versucht er, sie wegzuerklären. Übergriffe von Teilnehmern des Ersten Kreuzzuges auf europäische Juden seien etwa von abtrünnigen Kreuzfahrern ausgegangen, die entgegen dem Befehl der Bischöfe gehandelt hätten. Und die Kämpfe gegen christliche Gemeinschaften wie Katharer, Waldenser und Hussiten, die von der Kirche als Ketzer verfolgt wurden, schließt er kurzerhand aus seiner Definition der Kreuzzüge aus.

Als Beginn sieht Stark auch nicht wie die meisten Historiker den Aufruf Urbans II. im Jahr 1095, sondern die "muslimische Invasion" im Mittelmeerraum in den Jahrhunderten zuvor. Dafür zitiert er die Passagen aus der islamischen Überlieferung, in denen der Prophet zur gewaltsamen Bekehrung der Ungläubigen aufruft. Er plädiert quasi auf Notwehr.

Ausführlich schildert Stark Grausamkeiten, die Moslems Christen und Juden in den von ihnen eroberten Ländern und christlichen Pilgern im Heiligen Land antaten. Damit füllt er zwar die eine oder andere Lücke bisheriger Darstellungen, die solchen Übergriffen oft nur wenige Zeilen widmeten. Aber er schießt weit über sein erklärtes Ziel der Korrektur einer angeblich einseitigen Darstellung hinaus und wird selber einseitig.

Leserkommentare
  1. mehr braucht man nicht zu wissen...

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    "'einer privaten christlichen Universität in Waco in Texas'
    mehr braucht man nicht zu wissen..."

    Dann braucht man sich vor allem nicht mit seinen Argumenten auseinanderzusetzen, gell?
    Bei Ihnen reicht ein Nebensatz offenbar aus, um Menschen zu schubladisieren.

    Redlich ist das nicht.

    • einmer
    • 17. Mai 2013 14:07 Uhr

    christilich affilierte unis sind in den staaten nichts besonderes. der prof haette diesesn schwachsinn auf veroeffentlicht wenn er an einer staatlichen uni angestellt waere. benjamin becker (tennis) ging uebrigens auf dieselbe uni. es ist eine gute uni, ungeachtet ihrer religioesen angliederung

    • TDU
    • 17. Mai 2013 14:52 Uhr

    Da hoffe ich, sie lehnen Medikamente, die Ihnen helfen könnten auch ab, wenn Sie solche Pauschalen von sich geben.

  2. >> Sie glaubten ernsthaft, dass sie in Gottes Bataillonen dienten. <<

    ... die waren gar nicht barbarisch, nur wahnsinnig? Na dann.

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    Sie sollten nicht solche Urteile fällen, wenn sie sich selber nicht ausführlich mit diesem Thema beschäftigt haben! Es lohnt sich mal genau nachzuschauen und vor allem nachzuempfinden, was den Tagelöhner, Handwerker, Mönch, Ritter und Fürst überhaupt dazu brachte das Kreuz zu nehmen!
    Die ganze Geschichte ist nämlich hochkomplex und das Aufkommen der Kreuzzugsbewegung sehr interessant.

  3. Solch ein Buch schmerzt das Herz eines jeden Historikers. Die Rubrik für diesen Artikel scheint mir falsch gewählt. Unterhaltung oder Panorama trifft es besser.

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    ...hat auch damit zu tun, gängige Theorien zu hinterfragen (statt diese selbstverliebt zu bestätigen). Genau dies tut Stark.
    Insofern ist er wohl mehr Historiker als so manch anderer, dem bei einem solchen Buch "das Herz schmerzt".

    Genau soviel wie die Datierung der Zeichnung "von circa 1250".

    http://de.wikipedia.org/w...
    Dass von christlicher Seite die Rück-Eroberung des Heiligen Landes und die Zurückdrängung der Sarazenen als ein Akt der Verteidigung des Christentums betrachtet, ist historisch unstrittig.
    Und dass der islamischen Überlieferung zufolge zur gewaltsamen Bekehrung der Ungläubigen im gesamten Mittelmeerraum aufgerufen wurde, ist auch kalter Kaffee.
    Ebenso das Quellen gestützte Wissen darüber, dass alle in diesem Zeitraum bis zum Ende der Kreuzzüge involvierten "Heiligen Krieger" der 3 monotheistischen Schriftreligionen sich sowohl untereinander als auch die jeweils Andersgläubigen nicht gerade mit Streicheleinheiten beglückten.

    Dazu bedurfte es sicher nicht erst einer "ausführlichen" Schilderung jener Grausamkeiten durch Autor Rodney Stark, anno 2013...,
    der als Religionssoziologe übrigens ein Marketingfachmann in Sachen Religion ist.

    Was also will diese Rezension eines tendenziös politischen Kreuzzüge-Plädoyers bezwecken, die uns unterm Strich vermittelt, dass, es sich nur um unhistorischen Mist aus der tea-party-Ecke handeln kann?

    Es nicht zu kaufen, nicht zu lesen - 22,95€ für Besseres sparen!

  4. Aber die Realität ist, dass die Kirche im Mittelalter eine politische Macht war- eher sogar noch als eine moralische. Der Papst war mehr Kaiser als Priester, es ging ihm um Macht und den Ausbau dieser. Der Katholizismus hat vor allem das politische (und auch wissenschaftliche) Leben in Europa bestimmt.

    Im Hinblick darauf werden die Kreuzzüge ganz sicher nicht gänzlich unpolitisch gewesen sein- selbst wenn man von deren Richtigkeit überzeugt war.

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  5. ... von Ron Hubbard als "wissenschaftliche" Werke vorgestellt?

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    ... hier eine Bühne für christliche 'Wissenschaftler' anzubieten, die die Geschichte nach ihrem persönlichen Wunschdenken umformen wollen. Außerdem wird diese These wohl mit offenen Armen von rechtsextremen Islamkritiker aufgegriffen, die im Islam den Übel der Welt sehen und dabei dankend 'wissenschaftliche' Arbeiten von Forschern annehmen, um die These der Bösartigkeit des Islams (und seiner Anhänger) untermauern zu können.

    So ein Artikel sollte eher auf der PI erscheinen und nicht auf der Zeit.

    Eine Mischung von Religion und Wissenschaft - da kommt nie etwas gutes heraus.

    • cm30
    • 17. Mai 2013 16:22 Uhr

    In dem Sinne ist es sehr verwunderlich, dass die Zeit oft gegen Nazis schreibt, aber mit Rassismus gegen Muslime kaum Probleme hat - bezüglich solcher Artikel und Kommentare, die stehen gelassen werden.

    Allerdings wird dieser Rassismus ja auch von feministischen Schreiberinnen provoziert, und Feminismus ist definitiv ein Teil der Zeit. Somit müssen solche Artikel auch nicht nur bei PI auftauchen.

    Merkwürdig ist Ihr Name in diesem Zusammenhang dennoch, denn Namen wie "Freiheitsdenker" und "Aufklärer" beanspruchen gerade selbsternannte Islam"kritiker" für sich.

  6. Gewalttätige Mission ist aus der Bibel nicht herleitbar - sondern nur das Gegenteil.

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    Moin,

    also im neuen Testament klingt das anders:
    "Glaubet nicht, ich sei gekommen, Frieden auf die Erde zu bringen. Ich bin nicht gekommen, Frieden zu bringen, sondern das Schwert. Denn ich bin gekommen, den Menschen zu entzweien mit seinem Vater und die Tochter mit der Mutter und die Schwiegertochter mit ihrer Schwiegermutter." (Mt 10:34-35)
    "[Jesus] aber sprach zu ihnen: [...] wer kein Schwert hat, verkaufe seinen Mantel und kaufe eines."
    (Lk 22:36)
    Aber das muss man natürlich im Kontext lesen, klar, sicher doch. Dummerweise kommt diese Einsicht etwas spät....
    Und vielleicht kommt in hundert Jahren ein Kirchenoberer wieder zur Einsicht, dass "Deus lo vult"
    Das ganze ist nur mal wieder der "No true Scotsman"-Fehlschluss.

    CU

  7. Der Wahrheit zuliebe sollte er eigentlich unter "Politik" laufen.

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    Da haben Sie sowas vor Recht !
    Es ist in den USA gute Tradition, eine Aggression in in eine Verteidigung oder Notwehrsituation umzudeklarierein.
    Vom Golf von Tonking bis zu den MVW im Irak ist alles dabei. Achso... die bösen Indianer haben ja auch die christlichen Siedler provoziert und überfallen.

    Und das will uns Demokratie lehren.
    Prost Mahlzeit!

  8. ...da kann man wirklich nur stauen. Und das soll von einer Universität kommen?

    "Sie wurden nicht wegen Land, Beute oder aus Bekehrungsabsichten geführt. Die Kreuzritter waren keine Barbaren, die die kultivierten Muslime schlecht behandelten. Sie glaubten ernsthaft, dass sie in Gottes Bataillonen dienten"

    Und wieso soll das eine das andere ausschließen.
    Es wird ja heute auch Frieden und Demokratie mit der Waffe verbreitet.

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    "eine private christliche Universität" - Das hat mit einer wissenschaftlichen Einrichtung wenig gemein; man kann es wohl eher als Fanatismus-Schmiede bezeichnen.

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Religion | George W. Bush
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