Alfred Rosenberg : Tagebücher von Hitlers Chefideologen aufgetaucht

Die Notizen der Jahre 1934 bis 1944 galten als verschollen. Die Aufzeichnungen von Alfred Rosenberg könnten neue Erkenntnisse zur Judenvernichtung liefern.
Alfred Rosenberg (1893 bis 1946), führender Ideologe der NSDAP, Porträtaufnahme aus der Zeit von 1933 bis 1945 © United States Holocaust Memorial Museum, courtesy of William Gallagher/Reuters

Die lange verschollenen Tagebücher des NS-Chefideologen Alfred Rosenberg sind in den USA wieder aufgetaucht: Vertreter des US Holocaust Memorial Museum in Washington D.C. und der US-Zollbehörde ICE präsentierten den spektakulären Fund. Rosenberg galt als enger Vertrauter von Adolf Hitler, prägte mit seinen Schriften die Rassentheorien der Nationalsozialisten und war als Reichsminister für die besetzten Ostgebiete für die Ermordung von Millionen Juden verantwortlich.

Bei den Nürnberger Kriegsverbrecherprozessen wurde Rosenberg zum Tode verurteilt und 1946 hingerichtet. Seine Tagebücher waren seit dieser Zeit verschwunden. Nach Angaben der US-Zollbehörde befanden sich die Aufzeichnungen im Besitz des deutschen Anwalts Robert Kempner, der während des Zweiten Weltkriegs in die USA geflohen war und später bei den Nürnberger Prozessen als US-Ankläger arbeitete. Anschließend habe Kempner unerlaubt Nazi-Dokumente zurück in die USA gebracht.

Nach Kempners Tod im Jahr 1993 tauchten einige Aufzeichnungen auf, der größte Teil der Tagebücher blieb aber verschollen. Im November 2012 erhielten die US-Behörden dann einen Hinweis von einem Mitarbeiter des Holocaust-Museums. "Die Rosenberg-Tagebücher wurden anschließend geortet und beschlagnahmt", teilte die ICE mit, ohne weitere Einzelheiten zu nennen.

Die handschriftlichen Aufzeichnungen stammen aus den Jahren 1934 bis 1944. Historiker erhoffen sich von den Tagebüchern neue Erkenntnisse über die Judenvernichtung im Dritten Reich. "Um zu verstehen, warum der Holocaust geschah, ist Material von großer Bedeutung, das sowohl das Handeln von Tätern als auch von Opfern dokumentiert", sagte Sara Bloomfield, Direktorin des Holocaust-Museums in Washington.

Rosenberg wurde 1893 in Reval, dem heutigen Tallinn, in Estland geboren. 1918 schloss er sich in München dem nationalistischen Geheimbund Thule-Gesellschaft an und machte die Bekanntschaft mit Adolf Hitler. Nach dem Eintritt in die NSDAP 1920 verfasste er diverse antisemitische Hetzschriften, 1923 wurde er zum Hauptschriftleiter des NS-Parteiorgans Völkischer Beobachter ernannt. Als NSDAP-Reichstagsabgeordneter veröffentlichte er die verschwörungstheoretische Schrift Der Mythus des zwanzigsten Jahrhunderts – nach Hitlers Mein Kampf wichtigstes ideologisches Werk des Nationalsozialismus.

Von 1934 an fungierte Rosenberg als "Beauftragter des Führers für die Überwachung der gesamten geistigen und weltanschaulichen Schulung und Erziehung der NSDAP". Als "Reichsminister für die besetzten Ostgebiete" war Rosenberg in den Jahren 1941 bis 1945 mitverantwortlich für die Verfolgung und Ermordung der Juden. Vom Internationalen Militärgerichtshof wurde er 1946 in Nürnberg der Verbrechen gegen die Menschlichkeit für schuldig befunden, zum Tode verurteilt und hingerichtet.

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