FrühmenschenÖtzis Schädeltrauma

Stürzte der Gletschermann kurz vor seinem Tod oder bekam er eins über den Schädeln gezogen? Forscher haben neue Hinweise auf Blutergüsse in Ötzis Gehirn entdeckt. von 

Mumie Ötzi Frühmensch Alpen

1991 wurde die tiefgefrorene Mumie des Mannes entdeckt, der vor rund 5.300 Jahren in den Alpen umkam.  |  © Andrea Solero/AFP/Getty Images

Feststeht: Irgendjemand jagte dem Mann, der vor etwa 5.300 Jahren durch die Alpen wanderte, einen Pfeil in die Schulter. Vermutlich das Todesurteil für den Mittvierziger und damit Greisen seiner Zeit – wie die meisten Forscher glauben.  

Aber bekam der zähe Ötzi, der trotz Laktose-Intoleranz, schlechter Zähne und diverser anderer Leiden so lange unter widrigsten Bedingungen überlebt hatte, vor dem vermuteten Todesstoß auch noch einen Schlag auf den Schädel? Oder trug er Hirnblutungen davon, weil er, vom Pfeil getroffen, mit dem Kopf am Boden aufschlug?

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Dafür sprechen neue Erkenntnisse, die Forscher um Frank Maixner – der an der Europäischen Akademie in Bozen (Eurac) schon Ötzis Mageninhalt untersuchte – jetzt im Magazin Cellular and Molecular Life Sciences veröffentlicht haben. Zu dem Team zählen auch der Bioinformatiker Andreas Keller von der Universität des Saarlandes in Homburg und der Kieler Mediziner Andreas Tholey.

Zwei bereits seit 2007 bekannte dunkel verfärbte Stellen im hinteren Teil von Ötzis Großhirn passen zu dem, was die Forscher nun in einer stecknadelkleinen Eiweißprobe nachweisen konnten, die man der Mumie vor drei Jahren entnommen hatte. Zunächst einmal fanden die Forscher darin typische Strukturen für Nerven- und Blutzellen. Dadurch lässt sich eindeutig sagen, dass die Probe wirklich Spuren von Hirn enthält.

Hirnreste aus der Mumie sind erstaunlich brauchbar

Die entdeckten Eiweiße von Blutkörperchen untermauern zudem die Annahme, Ötzi habe sich unmittelbar vor seinem Tod Blutergüsse zugezogen. Ob die allerdings von einem Schlag auf die Stirn stammen oder von einem Sturz nach seiner Pfeilverletzung, verrät die Proteinanalyse nicht.

Bereits nach der Analyse einer Computertomographie vor mehreren Jahren vermuteten Wissenschaftler, zwei dunkel verfärbte Stellen im Ötzi-Großhirn seien wohl durch den Schlag eines Angreifers entstanden. "Die in der Probe gefundenen Blutklumpen lieferten weitere Hinweise dafür, dass es sich im ansonsten nahezu blutleeren Leichnam bei den dunklen Stellen um Blutergüsse handeln könnte", schreiben die Forscher. Die müsse sich der "Mann aus dem Eis" unmittelbar vor seinem Tod geholt haben.

Identität

Ötzi war rund 1,60 Meter groß, Durchschnitt für seine Zeit. Er hatte wenig Unterhautfettgewebe, war wohl etwa 50 Kilogramm schlank, hatte dunkelbraunes, wahrscheinlich schulterlanges Haar, vermutlich einen Bart und braune Augen.

Isotope in seinen Zähnen deuten darauf hin, dass er aus dem oberen Eisack- oder dem unteren Pustertal stammte. Sein Erbgut wird einer der neun europäischen Hauptgruppen zugeordnet, der Gruppe K, die heute noch in rund fünf Prozent der Europäer zu finden ist – besonders dicht in einigen Alpenregionen, darunter das Ötztal. In Südtirol lebte damals der Tamins-Carasso-Isera 5-Clan.

Beruf

Der Mann aus dem Eis trug ein Kupferbeil. Er dürfte also der Krieger- und Führungsschicht angehört haben, womöglich war er Herdenbesitzer oder Dorfvorsteher. Metallspuren in den Haaren deuten darauf hin, dass er mit Kupferverhüttung in Kontakt kam.

Er war für einen längeren Aufenthalt im Gebirge gerüstet, hatte unter anderem einen Glutbehälter aus Birkenrinde und Jagdgerät dabei. Hölzer und Feuersteintypen der Ausrüstung erzählen von langen Wanderungen. Er könnte Hirte gewesen sein, doch Spuren (etwa Haare) von Schafen oder Ziegen fehlen.

Todeszeit

Im Darm der Mumie wurden 30 verschiedene Pollentypen nachgewiesen. Daraus schließen die Wissenschaftler, dass Ötzi sich zuletzt in einem bestimmten Mischwald-Typ aufhielt, der im Vinschgau und speziell im Schnalstal vorherrscht. Vor allem die Hopfenbuche wächst nur südlich der Alpen. Aus dem Verdauungsgrad schließen Botaniker, dass sich Ötzi zwölf Stunden vor seinem Tod noch im Vinschgau aufhielt. Weil Frühjahrsblüher überwiegen, nehmen sie an, dass er im Frühjahr oder Frühsommer starb.

Gesundheit

Ötzi wird auf Mitte 40 geschätzt, gehörte zu seiner Zeit also zu den Senioren. Seine Gefäße sind leicht verkalkt, die Bandscheiben der Lendenwirbelsäule verschlissen. Dort und an weiteren Problemstellen trägt die Mumie 47 wohl als schmerzstillend gedachte Tätowierungen aus Kohlenstaub. Einige liegen an Akupunktur-Meridianen. Das zwölfte Rippenpaar fehlt von Geburt an. Links ist ein verheilter Rippenbruch sichtbar, auf der rechten Seite ein frischer. Die Lunge ist schwarz vom häufigen Aufenthalt am rauchenden Feuer.

Nahrung

Der Eismann litt an schlechten Zähnen. Schuld ist wohl die damals noch recht neue Ernährung mit den Getreidearten Einkorn und Emmer, die sich im Darm fanden: Ihre Kohlenhydrate lassen Bakterien gedeihen. Zudem enthielt Getreide harte Partikel von Mahlsteinen. Erst in diesem Jahr wurde die letzte Mahlzeit im Magen analysiert: Steinbockfleisch, wahrscheinlich gebraten, wofür Ascheteilchen sprechen. Ötzi hatte Stücke eines Pilzes dabei, der antibiotisch und blutstillend wirkt und vielleicht auch gegen die Peitschenwürmer helfen sollte, deren Eier im Darminhalt waren.

Das Gehirn des mumifizierten Leichnams ist nach Ansicht der Wissenschaftler erstaunlich gut erhalten. Nicht nur weil viele DNA-Proben von Mumien wegen des Abbauprozesses nichts mehr ergeben, ist das Team ganz angetan von seiner Protein-Analyse: "Im Unterschied zur DNA, die in allen Zellen des Körpers gleich ist, zeigen uns Proteine, was genau an ganz spezifischen Orten im Körper wirklich abläuft", sagte Maixner. Jetzt sollen mehr als ein Dutzend Protein-Proben von weniger gut erhaltenen Mumien mit dieser Methode untersucht werden.

Ötzis tiefgefrorene Leiche war 1991 in den Ötztaler Alpen entdeckt worden. Kaum ein Mensch wurde je so intensiv untersucht. Die Mumie wurde geröntgt, in Computertomografen geschoben, der Mageninhalt wurde analysiert, Ötzis Muskeln rekonstruiert, seine Knochen untersucht und immer wieder machten sich Experten daran, sein Erbgut zu entschlüsseln. Dadurch weiß man heute in etwa, wie Ötzi in der Jungsteinzeit lebte, wie er aussah, wie er bekleidet war, welche Werkzeuge er nutzte und welche Krankheiten er hatte. Nur wie er genau zu Tode kam, ist nach wie vor nicht sicher.

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Leserkommentare
    • tds
    • 10. Juni 2013 18:57 Uhr

    Seit 22 Jahren wird 'Ötzi' von Wissenschaftlern untersucht. Jetzt soll die Frage geklärt werden, ob er durch einen Sturz oder einen Schlag ums Leben kam.

    Mal ehrlich: Wen interessieren diese extrem teuren Untersuchungen überhaupt?

    Wäre es nicht sinnvoller, das Geld, das für die angeblichen Wissenschaftler ausgegeben wurde und wird, in Projekte zu investieren, die unsere Zukunft sichern? So in der Richtung Bio-Technologie um Öl ohne Fracking herzustellen, oder Ernte-Erträge zu erhöhen, um Trinkwasser zu reinigen, etc., etc.

    2 Leserempfehlungen
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    • Uxmal
    • 10. Juni 2013 21:28 Uhr

    Erstens verbessern solche Untersuchungsmethoden allgemein unseren Wissenstand wie der Mensch funktioniert, wo er herkam und wieso wir gewisse Krankheiten haben, unter denen andere Lebewesen nicht leiden.

    Zudem hat die Bankenkrise wohl mehr Geld verbrannt, als das "rumgedoktere" am Özi. Von sinnlosen Militärausgaben etc will ich gar nicht erst anfangen...

    • Uxmal
    • 10. Juni 2013 21:28 Uhr

    Erstens verbessern solche Untersuchungsmethoden allgemein unseren Wissenstand wie der Mensch funktioniert, wo er herkam und wieso wir gewisse Krankheiten haben, unter denen andere Lebewesen nicht leiden.

    Zudem hat die Bankenkrise wohl mehr Geld verbrannt, als das "rumgedoktere" am Özi. Von sinnlosen Militärausgaben etc will ich gar nicht erst anfangen...

    6 Leserempfehlungen
  1. Alle zwei Jahre kommt wieder eine neue, völlig überraschende Entdeckung. Was ist das Motiv? Geht es darum, neue Forschungsgelder zu bekommen, geht es um Arbeitsplätze? Worum geht es? Doch wohl nicht ernsthaft um eine 5000 Jahre alte Leiche. Vor 5.000 Jahren waren die Menschen schon genauso wie heute. Was soll denn da erforscht werden? 1,5 Mio Jahre alt, das wär mal was.

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    • rws
    • 10. Juni 2013 23:36 Uhr

    "Alle zwei Jahre ..." "... neue Forschungsgelder". Wenn die Forschungsgelder so reichlich sprudeln würden, wie hier manche anscheinend glauben, dann hätte es wohl keine 22 Jahre für diese Erkenntnisse gebraucht. Der langsame Fortschritt ist ein sicheres Zeichen für das glatte Gegenteil.

    Natürlich macht es einen Unterschied, ob es ein Überfall mit Totschlag, ein Menschenopfer, eine normale Bestattung oder ein (Jagd)Unfall war. Der Fund und sein Kontext muss jeweils ganz anders interpretiert werden. Der Pfeil im Rücken war tödlich. Ob es ein Mordanschlag oder ein Gnadenschuss war, steht nicht auf der Pfeilspitze.

    Ansonsten: Allein Deutschland trägt jeden Tag etwa 350 wissenschaftliche Arbeiten bei (2011: 125 000 Arbeiten). Da ist sicher auch etwas für den genervten Leser dabei ...

    Naja, NRW ist gerade dabei, die Ausgaben für Archäologie und Denkmalschutz auf 0 zu kürzen (in Worten: Null).

    Ich bin etwas entsetzt darüber, dass eine rot-grüne Regierung auf solche Ideen kommt.

    Auseinandersetzung mit und Bewahrung der Vergangenheit ist m.E. wichtig, und durch das Herumdoktern am armen "Ötzi" hat man schon viele Erkenntnisse gewonnen über die Lebensumstände der Menschen in Ötzis Heimat. Es gibt nicht zu viele, sondern zu wenige Mittel für archäologische Forschung.

    Ohne diese würden wir immer noch denken, die Menschen in der Steinzeit hätten noch auf Bäumen gelebt.

    • rws
    • 10. Juni 2013 23:36 Uhr

    "Alle zwei Jahre ..." "... neue Forschungsgelder". Wenn die Forschungsgelder so reichlich sprudeln würden, wie hier manche anscheinend glauben, dann hätte es wohl keine 22 Jahre für diese Erkenntnisse gebraucht. Der langsame Fortschritt ist ein sicheres Zeichen für das glatte Gegenteil.

    Natürlich macht es einen Unterschied, ob es ein Überfall mit Totschlag, ein Menschenopfer, eine normale Bestattung oder ein (Jagd)Unfall war. Der Fund und sein Kontext muss jeweils ganz anders interpretiert werden. Der Pfeil im Rücken war tödlich. Ob es ein Mordanschlag oder ein Gnadenschuss war, steht nicht auf der Pfeilspitze.

    Ansonsten: Allein Deutschland trägt jeden Tag etwa 350 wissenschaftliche Arbeiten bei (2011: 125 000 Arbeiten). Da ist sicher auch etwas für den genervten Leser dabei ...

    4 Leserempfehlungen
  2. Naja, NRW ist gerade dabei, die Ausgaben für Archäologie und Denkmalschutz auf 0 zu kürzen (in Worten: Null).

    Ich bin etwas entsetzt darüber, dass eine rot-grüne Regierung auf solche Ideen kommt.

    Auseinandersetzung mit und Bewahrung der Vergangenheit ist m.E. wichtig, und durch das Herumdoktern am armen "Ötzi" hat man schon viele Erkenntnisse gewonnen über die Lebensumstände der Menschen in Ötzis Heimat. Es gibt nicht zu viele, sondern zu wenige Mittel für archäologische Forschung.

    Ohne diese würden wir immer noch denken, die Menschen in der Steinzeit hätten noch auf Bäumen gelebt.

    5 Leserempfehlungen
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    Ja, ich habe auch die Online-Petition gegen die Mittelkürzungen bei Archäologie und Denkmalschutz in NRW mit unterschrieben (Obwohl ich sonst nie so etwas unterschreibe).

    Ich finde das wirklich sehr traurig; vor allem, wenn ich daran denke, daß für bestimmte andere Dinge sehr wohl das Geld da ist (etwa bestimmte Bauprojekte von zweifelhaftem Nutzen, deren Kosten dann explodieren).

    Sic transit gloria mundi...

  3. Ich dachte bisher, dass "Frühmenschen" sowas wie homo habilis sei - und nicht sowas wie mein Urgroßonkel Ötzi.

  4. gibt es in diesem Forum auch Beiträge, die nicht vom Boulevard kommen, mithin ein Grund, Hoffnung zu bewahren...

    "Wissenschaft" ist nicht umsonst ein Abstraktum innerhalb unserer sprachlichen Welt, sondern ist auch dafür da, um im Konkreten Ergebnisse für unser (menschliches) Fortbestehen zu liefern; es mag Leute geben, die bisher noch nie etwas von Quantenphysik oder -mechanik oder Relativitätstheorie gehört haben, gleichwohl von deren (wirtschaftlichen) "Ergüssen" in der Technologie, damit auch im alltäglichen Leben, seien es Mobiltelephone, Navigationsgeräte, (viel wichtiger) Herzschrittmacher usw. sein.

    Jegliche Art von Forschung, auch die so offensichtlich retrograde hat ihre Berechtigung, auch wenn sie nichts zum momentanen Fortschritt beiträgt bzw. beitragen kann, so verhindert sie doch zumindest einen Rückschritt (Stichwort Kreationismus, Stichwort Erde ist gleich Scheibe, Stichwort Allahs Wort ist allgemein gültig),
    denn sie fordert gleichsam den schöpferischen - und damit auch ketzerischen - Geist heraus und lebt auch in und durch ihn!

    Wehret den Anfängen, Bildung, Forschung und deren Resultate gering zu schätzen!

    mfG

    Wannenmacher Buchinger

    Bausand, dreckader!

    Eine Leserempfehlung
  5. Ja, ich habe auch die Online-Petition gegen die Mittelkürzungen bei Archäologie und Denkmalschutz in NRW mit unterschrieben (Obwohl ich sonst nie so etwas unterschreibe).

    Ich finde das wirklich sehr traurig; vor allem, wenn ich daran denke, daß für bestimmte andere Dinge sehr wohl das Geld da ist (etwa bestimmte Bauprojekte von zweifelhaftem Nutzen, deren Kosten dann explodieren).

    Sic transit gloria mundi...

    Antwort auf "Forschungsgelder"

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  • Quelle dpa
  • Schlagworte DNA | Erbgut | Jungsteinzeit | Tod | Alpen
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