Erfindung der MusikkassetteBandsalat, der die Welt veränderte

Der niederländische Philips-Ingenieur Lou Ottens entwickelte genau vor 50 Jahren die Audiokassette. 20 Jahre später erfand er die Compact Disc. von 

Audikassette Magnetband Kassette Bandsalat

Bandsalat. 1963 kamen die ersten kompakten Audiokassetten auf den Markt und lösten sperrige Tonbänder ab.  |  © suze/photocase.com

1979, Schneegestöber auf der A7 vor Göttingen, mit dem Citroën 2CV im Stau, die Kassette läuft – auch bei minus zwölf Grad Außentemperatur, also vier Grad im Innern der Ente: Nach If you can't give me love von Suzi Quatro kommt ein Fiepsen, dann Lady in Black von Uriah Heep. Dann plötzlich würgt ein helles Knacksen die Stimme eines Radiomoderators ab, der in das ausklingende Lied quatscht und dann – ein Beat: Die Roboter von Kraftwerk. So geht es weiter – eine halbe Stunde pro Kassettenseite. Zwischen den Tracks rauscht und fiept es; das ist der Charme des Mixtapes, selbst aufgenommen aus dem Radio oder von Kassetten der Freunde überspielt.

Sicher ist: Das Leben in den Siebzigern und Achtzigern wäre irgendwie ein anderes gewesen, hätte der Holländer Lou Ottens nicht das tragbare Tonband – die Audiokassette – erfunden. Bis heute ist die Kassette in Afrika und Südasien der Standardtonträger, robust und haltbar, resistent gegen Staub und Extremtemperaturen und auch in alten Rekordern abspielbar. Zugegeben – in Europa und den USA herrscht heute neben der Musik im MP3-Format die CD – aber die hat Lou Ottens, damals Ingenieur bei Philips, ja auch mitentwickelt.

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Ein "großer Erfinder", so wie Edison zum Beispiel, möchte er nicht genannt werden. "Ich habe bei der Entwicklung neuer Produkte immer mit anderen Leuten zusammen gearbeitet," sagt Lou Ottens bescheiden. Dabei ist der heute 87-Jährige Ingenieur aus den Niederlanden entscheidend mit dafür verantwortlich, wie die Menschheit seit einem halben Jahrhundert Musik hört.  

Ende August 1963, vor 50 Jahren, wurde auf der Internationalen Funkausstellung (IFA) in Westberlin die Philips Compact Cassette vorgestellt – zusammen mit dem ersten Kassettenrekorder. Ob des am 28. oder 30. August war, darüber streiten Nostalgiker heute. 20 Jahre später, im März 1983, fand die Markteinführung der Philips Compact Disc statt.

Lou Ottens Audiokassette Compact Disc

Lou Ottens in seinem Wohnzimmer in Eindhoven  |  © Wierd Duk

"Es hat lange gedauert, bevor ich verstanden habe, dass wir damals bei Philips eine Revolution in Gang gesetzt haben," sagt der lange, schlanke Holländer in seinem geräumigen Bungalow, mitten im Wald, bei Eindhoven. "Eigentlich realisiere ich das erst seit Kurzem."

Lou Ottens war schon als Kind ein knutselaar, ein Tüftler. "Während des Krieges baute ich ein illegales Radio, womit wir Radio Oranje, die freien Sendungen aus London, hören konnten," erzählt er bei Kaffee und Sandkuchen. "Das Ding hatte einen sogenannten Germanen-Filter gegen die Senderstörungen der Deutschen."

Nach Kriegsende, nach einem Studium an der angesagten Technischen Universität (TU) in Delft, wurde Ottens angestellt beim Elektronikkonzern Philips. Ab 1960 arbeitete er in der Abteilung Produktentwicklung im neuen Werk im Belgischen Hasselt.

Die Grundidee: ein tragbares Tonband

Leitmotiv in Ottens' Arbeit wurde die "Miniaturisierung", die Suche nach dem Kleinen. "Klein bedeutet sicherer und billiger, weil weniger Materialien benutzt werden, und es bedeutet weniger Energieverbrauch. Und natürlich: Tragbarkeit, das ist wichtig für die Konsumenten."

Philips suchte in diesen Jahren – wie auch andere große Elektronikfirmen – eine Alternative für die damals populären, aber unpraktischen Tonbandgeräte. Ottens: "Das waren Undinge, total umständlich, mit diesen Spulen, die man am Ende der Aufnahmen wieder wechseln musste."

Gleichzeitig mit den Kollegen in Hasselt entwickelte Philips in Wien, zusammen mit Grundig, einen Luxus-Kassettenrekorder. Ottens: "In Hasselt bastelten wir an einer billigen, tragbaren Variante. Bei Grundig wusste man das aber nicht. Als unser Kassettenrekorder fertig war und die Funkausstellung in Westberlin näher rückte, haben wir gefragt: Sollte Max Grundig nicht informiert werden?"

Das hielten die Philips-Bosse nicht für nötig. Erst wenige Wochen vor der Funkausstellung wurde Grundig informiert. Lou Ottens: "Er war wütend! Grundig hat sofort die Zusammenarbeit mit Philips gekündigt und seine Entwickler beauftragt, so schnell wie möglich das eigene Kassettensystem, die Doppel-Cassette (DC), fertig zu stellen." Es dauerte allerdings bis 1965, bevor die Grundig-DC – eine größere Kopie der Philips-Kassette – vorgestellt wurde.

Leserkommentare
    • Bazini
    • 28. August 2013 15:16 Uhr

    Das klingt ausserdem nach einem erfüllten berufsleben.

    Eine Leserempfehlung
    • Al.Te.
    • 28. August 2013 18:15 Uhr
    2. Genial

    Die Zeit der CDs sind bei mir längst abgelaufen. Ich habe nicht einmal mehr ein CD Laufwerk im Computer. Kassetten alledings laufen bei uns im Auto immer noch und bei unseren Kindern als Hörspiel, welche die schon früh selbst bedienen können ohne etwas kapputt zu machen...Geniale Erfindung.

    Eine Leserempfehlung

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Sony | Erfindung | Philips | Tonträger | Afrika | Berlin
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