Als die 12-jährige Helga Weissová im Dezember 1941 mit Gepäck und Bettrolle aus dem Zug stieg, war Theresienstadt eben erst zum Sammellager erklärt worden. Seit zwei Wochen erst rollten die Transporte zur ehemaligen Festungsstadt in Nordböhmen und doch lebten in den ehemaligen Kasernen schon mehr als 5.000 Männer, Frauen und Kinder dort. Sie kamen aus ganz Tschechien. Die meisten blieben nur kurz. Schon im Januar 1942 fuhren die ersten Züge von Theresienstadt ab in Richtung Vernichtungszentren im Osten.

Helga Weissová kam mit ihren Eltern aus Prag. Sie lebte mit ihrer Mutter in der Magdeburger Kaserne auf gerade einmal anderthalb Quadratmetern. Das Gebäude durfte sie anfangs nicht verlassen. Außerhalb der Kasernen, in den Stadthäusern, wohnte noch Zivilbevölkerung. Diese ganz normalen Familien, die schon immer hier gelebt hatten, mussten die Stadt im Sommer 1942 verlassen. Erst danach durften sich die Gefangenen auf den Straße aufhalten.

Der öffentliche Blick auf Theresienstadt ist bis heute geprägt von der Nazi-Propaganda. Altersgetto, Kultur-Getto, jüdisches Siedlungsgebiet – diese Begriffe relativieren die Leiden der Opfer und verschleiern was Theresienstadt wirklich war: Ein Umsteigebahnhof nach Auschwitz-Birkenau.

Grenzenloser Zynismus

Der Zynismus der Nazis kannte keine Grenzen. Um die Öffentlichkeit zu täuschen, verbreiteten sie in Deutschland und Österreich das Märchen, Theresienstadt sei eine Art Kurort für privilegierte deutsche Juden. Gegen eine erhebliche Geldsumme (150 Reichsmark im Monat bei einer zu erwartenden Lebenserwartung von 85 Jahren) verkaufte man Heimplätze, garantierte Unterkunft, Verpflegung und ärztliche Betreuung auf Lebenszeit. Wer es sich leisten konnte, unterschrieb und hoffte seinen Lebensabend in Ruhe verbringen zu können.

Das Entsetzen bei der Ankunft war für die Ankömmlinge kaum vorstellbar. Die Betrogenen waren völlig unvorbereitet. Mit Erinnerungsstücken und feiner Garderobe im Gepäck trafen sie im Lager ein, in dem es am Nötigsten fehlte, vom Bettzeug bis hin zu Lebensmitteln. Zur allgemeinen Not, zu Hunger, schlechter Unterbringung und katastrophalen hygienischen Bedingungen, kam das Bewusstsein aufs Schlimmste getäuscht worden zu sein.

Trost und Ablenkung

Wer sich den Lebensmut nicht nehmen lassen wollte, kam am Abend zusammen, um zu musizieren, Theater zu spielten oder Vorträge zu hören. Unter der Führung bekannter Musiker und Komponisten spielte man Bekanntes und Beliebtes. Von Smetanas Oper Die verkaufte Braut bis Verdis Requiem war alles dabei. Die Vorstellungen waren stets voll. Im Café-Haus spielte man Jazz. Im Hof der Magdeburger Kaserne hielt der bekannte Philologe Maximilian Adler einen Vortrag über "Socrates und die Sophisten". Der Tscheche leitete das Bildungsreferat und unterrichtete Kinder in Theresienstadt.

Das einzigartige kulturelle Leben verklärt allerdings bis heute das Bild vom Alltag im Getto. Kann es so schlimm gewesen sein, wenn die Menschen Theater spielten? Wer das fragt, vergisst, dass Aufführungen und Werke trotz Hunger, Angst, Tod und Deportation entstanden. Was den Häftlingen Trost und Ablenkung war, nutzte die SS zu Propagandazwecken. Der Kommission vom Internationalen Roten Kreuz, die das Getto im Juni 1944 inspizierte, sollten Konzerte, Vorträge und Aufführungen vorgaukeln, dass es sich unter deutscher Herrschaft gar nicht so schlecht leben ließ. Mit Erfolg. Der Schweizer Delegierte Maurice Rossel glaubte was er sah und schrieb einen euphorischen Bericht über die hervorragende Ausstattung und die gute Ernährungslage in dieser "ganz normalen Provinzstadt".

Deportationen in den Osten

Theresienstadt war kein "jüdisches Siedlungsgebiet", wie es im 1944 gedrehten und nie fertiggestellten Propagandafilm heißt. Für die meisten Menschen war es nur eine Durchgangsstation. So auch für Helga Weissová. Sie lebte drei Jahre hier, wurde in Auschwitz zur Arbeit ausgesucht und ins KZ Flossenbürg deportiert. Von dort lief sie in einem Todesmarsch zum KZ Mauthausen, wo die Amerikaner die fast verhungerte 16-jährige am 6. Mai 1945 befreiten.

Ihre Zeichnungen aus den Getto-Jahren hatte sie in Theresienstadt zurückgelassen. Ihr Onkel bewahrte sie auf. Sie erzählen von Theresienstadt, wie sie es erlebte. Eine Geschichte von Täuschung und Vernichtung, wie es der Historiker Benz beschreibt.