Gladbeck 1988Tatenlos sah ganz Deutschland dem Geiseldrama zu

1988 gerät ein Banküberfall zur Irrfahrt durch die Bundesrepublik. Reporter mutieren zu Marionetten der Geiselnehmer. Drei Menschen sterben. Eine Chronik des Versagens von Yvonne Schymura und

Dieter Degowski bedroht am 18. August in Köln die Silke Bischoff mit einer Waffe.

Dieter Degowski bedroht Silke Bischoff am 18. August in Köln mit einer Waffe.  |  © Hartmut Reeh/dpa

Dienstag, 16. August 1988 – Überfall auf eine Filiale der Deutschen Bank in Gladbeck

7 Uhr. Zwei Männer, Anfang 30, besteigen in Gladbeck ein gestohlenes Motorrad. Es handelt sich um Hans-Jürgen Rösner und Dieter Degowski. Sie kennen sich schon aus der Schule. Beide sind vorbestraft. Rösner befindet sich auf der Flucht vor der Polizei. Vor zwei Jahren war er während eines Hafturlaubs untergetaucht. Die Nacht hatten sie durchgemacht und einen folgenschweren Entschluss gefasst: Sie wollen eine Bank überfallen, die Deutsche Bank im Einkaufszentrum Rentfort-Nord.

Um 7.45 Uhr dringen Rösner und Degowski in den Schalterraum der Filiale ein. Sie haben geladene Schusswaffen dabei und bringen den Kassierer Reinhold Alles und die Kundenberaterin Andrea Blecker in ihre Gewalt. 120.000 Mark raffen Rösner und Degowski in der Bank zusammen. Durch Zufall blickt der Arzt Ali Kemmuna, der eine Etage über der Bankfiliale seine Praxis hat, auf dem Weg zur Arbeit durch die mit Sonnenlamellen verhangenen Fenster in die Schalterhalle. Er beobachtet, wie einer der Täter den Kassierer mit einer Pistole bedroht. Kemmuna rennt hinauf in seine Praxis, wählt die 110. Um 8.04 Uhr geht der Notruf bei der Gladbecker Polizei ein. Zwei Streifenwagen fahren los.

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Minuten später erreicht das erste Polizeiauto die Bank. Die Beamten machen einen kleinen, aber folgenschweren Fehler: Sie parken direkt vor der Filiale – sichtbar für die Täter. Rösner und Degowski bemerken die Polizisten, als sie gerade flüchten wollen – spätestens jetzt ist ihnen klar: Sie sitzen in der Falle. Innerhalb weniger Minuten entscheiden die Schwerverbrecher Andrea Blecker und Reinhold Alles als Geiseln zu nehmen. Sie wollen sich ihre Flucht erpressen.

Erste Forderungen per Telefon-Interview

Es ist nicht die Polizei, sondern die Presse, die Rösner – der sich zum Sprecher des Täter-Duos macht – über seine Forderungen informiert. Drei Stunden nach dem Eindringen in die Bank fordert er in einem Telefongespräch mit Reporten "300.000 Mark in kleinen Scheinen von zehn bis hundert, einen BMW 7/35e, einen dunklen, zwei Paar Handschellen und freien Abzug. Wir nehmen die Geiseln nämlich mit." 

Fotostrecke
Um eine Fotostrecke zum Gladbecker Geiseldrama zu sehen, klicken Sie bitte auf das Bild.

Um eine Fotostrecke zum Gladbecker Geiseldrama zu sehen, klicken Sie bitte auf das Bild.  |  © Thomas Wattenberg/dpa

Die Geiselnehmer geben aus den Fenstern der Bank Warnschüsse ab. Die Polizei lässt die umliegenden Gebäude vorsorglich räumen. Tatsächlich besorgen die Beamten das Lösegeld und ein Fluchtauto  – ein weißer Audi allerdings, kein dunkler BMW, wie von Rösner gefordert. Wer der zweite Täter ist, wissen die Ermittler zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Ein Polizist, nur in Unterhose – die Bankräuber wollen sehen, dass er unbewaffnet ist – legt die Geldpäckchen gegen 17 Uhr vor der Tür der Bank ab. Der Kassierer muss das Geld reinholen – die Täter haben ihm eine Schlinge um den Hals gelegt, sodass er nicht fliehen kann. Der Fluchtwagen, mit Peilsendern und Wanzen präpariert, wird am Abend bereitgestellt, zwölf Stunden nach Beginn der Geiselnahme.

Gegen 21.3o Uhr verlassen Rösner und Degowski mit den zwei Geiseln die Bank. Vor der Tür warten Fernsehkameras, Fotografen, Journalisten, die die Flucht dokumentierten. An den Fernsehgeräten schaut ein Millionenpublikum dem weißen Audi hinterher. Die Irrfahrt beginnt. Einen Fluchtplan haben die Männer nicht. Sie fahren kreuz und quer durch Gladbeck, besorgen Alkohol, Zigaretten, machen einen Zwischenstopp an einer Imbissbude und beschaffen sich Medikamente aus einer Apotheke.  

Schon jetzt zeigt sich, dass die Polizei auf so ein Szenario nicht vorbereitet ist. Fahnder verfolgen den Wagen unauffällig, ohne richtigen Einsatzplan. Sie hoffen darauf, dass die Geiselnehmer die Bankangestellten irgendwann freilassen werden. Erst dann wollen sie zugreifen.

Leserkommentare
  1. ist der falsche Vorwurf. Was hätte "ganz Deutschland" denn tun sollen?

    Senationsgeil sah man zu und die anwesende Journaille lieferte die Bilder (und ging gar bis zur Bestellung derselben) und leistete so dem Ganzen regelrecht Vorschub. An diese Komplizenschaft ist der Vorwurf doch zuerst einmal zu adressieren. "Das Nachdenken beginnt", das ist etwas arg dünn

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    Bei der Geiselnahme war es die Polizei, die wenig professionell gegen die beiden Taeter vorging. Den groessten Fehler aber haette jetzt die Justiz samt ihren Sachverstaendigen zu verantworten, sollten diese Schwerverbrecher je aus der Haft entlassen werden. Fuer ein derartig verruchtes Morden gibt es keinen Freiheits-Bonus. Im Klartext: Knast bis zum letzten Atemzug und dann noch in Handschellen in Krematorium. Die Gesellschaft hat ein Anrecht auf Schutz vor weiteren moeglichen Untaten solcher Unmenschen. Amen!

  2. ...verschlugen mir beim Lesen den Atem:
    1.) die Unfähigkeit der Polizei
    2.) die Skrupellosigkeit der Medien...

    13 Leserempfehlungen
    • Lu-S
    • 16. August 2013 14:08 Uhr

    Nein, nicht ganz Deutschland. Skrupellos bei diesem Drama waren die Medien, doch nehmen diese gerne das ganze Land in Mithaftung für ihr Verhalten.

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    Man könnte auch die drei bis heute erfolgreichen skupellosen Journalisten mit Namen nennen statt die Schuld auf "ganz Deutschland" zu projezieren.

  3. der Bremer Polizei den Zugriff untersagt?

    Nach dem Bekunden Beteiligter gab es zahlreiche Gelegenheiten zu Zugriff, mit einem gewissen Restrisiko für die nächststehenden Pressevertreter allerdings?

    Peter

    3 Leserempfehlungen
  4. Schon damals war die Presse ein Problem - und auch heute ist sie es noch. Was macht die Zeit heute? Kein negatives Wort zu den Tätern. In der Kritik steht nur die Polizei. Ja, die Polizei war total unfähig. Aber lieber unfähig als ein Mörder.

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    ...und ja, das ist falsch (von mir aus auch sehr böse).
    Soweit es mich betrifft, muss man mir das allerdings nicht jedes mal erklären.
    Ich muss allerdings zugeben, dass meine Erwartungen an die Polizei schon etwas anspruchsvoller sind: "Sie haben zwar ihren Job nicht auf die Kette gekriegt, aber wenigstens niemanden umgebracht" kann es für mich nicht sein.
    Von daher finde ich die Perspektive des Artikels völlig in Ordnung.

  5. Das Geiseldrama von Gladbeck ist für mich persönlich eines der nachhaltigsten Ereignisse in meinem noch jungen Leben. Es hat sich tief in mein Gedächtnis eingebrannt. Als ich vor ein paar Jahren eine Dokumentation auf Youtube über dieses Geiseldrama gesehen habe, saß ich nach dem Ende minutenlang geschockt vor meinem Computer. Nicht allein wegen der grotesken Entführung und Flucht quer durch die Bundesrepublik, den Morden und dem katastrophalen Fehleinsatz der Polizei. Nein, gerade das perverse Verhalten der Medien und deren journalistische Grenzüberschreitung haben mich zu tiefst erschüttert.

    Mir ist bewusst, dass ZEIT ONLINE nicht auf jedes grausame Detail eingehen muss. Warum aber verschweigt der Autor in seinem Artikel ausgerechnet eine absolut verstörende Szene des Geiseldramas, die im direkten Zusammenhang mit dem widerwärtigen Verhalten der Presse steht. Nachdem nämlich die Geiselnehmer Emanuele De Giorgi in den Kopf geschossen hatten, hielt ein Reporter den herabhängenden Kopf des schwerverletzten Jungen noch einmal fotogerecht in die Kamera, bevor er den Notärzten übergeben wurde. Diese Szene ist für mich persönlich einer der Tiefpunkte des deutschen Journalismus.

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    " ...gerade das perverse Verhalten der Medien und deren journalistische Grenzüberschreitung haben mich zu tiefst erschüttert. "

    Es stimmt aber auch das Schlußwort im Artikel - das Nachdenken- setzte gleich danach ein.
    Man muß als eher fassungsloser Zuseher aber leider konstatieren, daß erst, wie in der Überschrift beginnend Tatenlosigkeit, dann von Ratlosigkeit abgelöst wurde.
    Und ganz dummer Weise könnte man meinen, daß das Schicksal, der angesprochenen Journalie, alle waren's ja sicher so wenig wie Zuseher das alles nur aus Sensationsgier verfolgten, da hat dieses von mir mal unterstellte "Schicksal" 10 Tage später Ramstein veranstalltete.
    -Tatenlosigkeit, Ratlosigkeit,...........Entsetzen-

    Ich dachte bis vor ein paar Tagen noch das Ramstein vorher war, weil das in meiner Erinnerung das Jahr wirklich überschattet, aber auch wenn's danach war "Gladbeck" ist da einfach drin verschwunden. Mal sehen ob sich das in den Rückschauen wieder so verhält.

  6. Ich weiß, dass damals der Deutsche Presserat, als Reaktion auf den Umgang der Medienvertreter mit den Geiselnehmern, den Pressekodex dahingehend entsprechend erweitert haben, „dass Geiselnehmer während einer Geiselnahme nicht interviewt werden sollten und eigenmächtige Vermittlungsversuche nicht zu den Aufgaben von Journalisten gehörten.“

    Heute, 25 Jahre nach dem Ereignis, schaue ich erneut besorgt auf die deutsche Presselandschaft. Liveticker zu jeder Katastrophe, aufwiegelnder und reißerischer Journalismus bis hoch in die Qualitätsmedien. Immer auf der Suche nach der perfekten Schlagzeile. Manchmal bekomme ich das Gefühl, die Presse wünscht sich zunehmend, dass jemand den Abzug (im übertragenen Sinne) drückt, damit man erneut mit der Kamera auf das Ergebnis einfach draufhalten kann. Dann ist es nämlich wieder möglich aus Schwerverbrechern Medienstars zu machen und dergleichen Ereignisse als öffentliches Spektakel zu inszenieren. Ich glaube, in Bezug auf den Journalismus von heute, dass wir aus Gladbeck nur kurz etwas gelernt haben und nun bereits wieder beim Prozess des Vergessens angekommen sind.

    4 Leserempfehlungen
  7. Wieder der gleiche Fehlerteufel: Nicht Rösner erschoß Emanuele sondern Degowski

    Vielen Dank für Ihren Hinweis. Wie leiten diesen weiter. Die Redaktion/kvk

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    Redaktion

    Liebe(r) www_revolution,

    wir bedauern es sehr. Danke erneut für den Hinweis. Der Fehler ist korrigiert.

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  • Schlagworte Dieter Degowski | BMW | Audi | Bus | Polizei | Niederlande
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