Dienstag, 16. August 1988 – Überfall auf eine Filiale der Deutschen Bank in Gladbeck

7 Uhr. Zwei Männer, Anfang 30, besteigen in Gladbeck ein gestohlenes Motorrad. Es handelt sich um Hans-Jürgen Rösner und Dieter Degowski. Sie kennen sich schon aus der Schule. Beide sind vorbestraft. Rösner befindet sich auf der Flucht vor der Polizei. Vor zwei Jahren war er während eines Hafturlaubs untergetaucht. Die Nacht hatten sie durchgemacht und einen folgenschweren Entschluss gefasst: Sie wollen eine Bank überfallen, die Deutsche Bank im Einkaufszentrum Rentfort-Nord.

Um 7.45 Uhr dringen Rösner und Degowski in den Schalterraum der Filiale ein. Sie haben geladene Schusswaffen dabei und bringen den Kassierer Reinhold Alles und die Kundenberaterin Andrea Blecker in ihre Gewalt. 120.000 Mark raffen Rösner und Degowski in der Bank zusammen. Durch Zufall blickt der Arzt Ali Kemmuna, der eine Etage über der Bankfiliale seine Praxis hat, auf dem Weg zur Arbeit durch die mit Sonnenlamellen verhangenen Fenster in die Schalterhalle. Er beobachtet, wie einer der Täter den Kassierer mit einer Pistole bedroht. Kemmuna rennt hinauf in seine Praxis, wählt die 110. Um 8.04 Uhr geht der Notruf bei der Gladbecker Polizei ein. Zwei Streifenwagen fahren los.

Minuten später erreicht das erste Polizeiauto die Bank. Die Beamten machen einen kleinen, aber folgenschweren Fehler: Sie parken direkt vor der Filiale – sichtbar für die Täter. Rösner und Degowski bemerken die Polizisten, als sie gerade flüchten wollen – spätestens jetzt ist ihnen klar: Sie sitzen in der Falle. Innerhalb weniger Minuten entscheiden die Schwerverbrecher Andrea Blecker und Reinhold Alles als Geiseln zu nehmen. Sie wollen sich ihre Flucht erpressen.

Erste Forderungen per Telefon-Interview

Es ist nicht die Polizei, sondern die Presse, die Rösner – der sich zum Sprecher des Täter-Duos macht – über seine Forderungen informiert. Drei Stunden nach dem Eindringen in die Bank fordert er in einem Telefongespräch mit Reporten "300.000 Mark in kleinen Scheinen von zehn bis hundert, einen BMW 7/35e, einen dunklen, zwei Paar Handschellen und freien Abzug. Wir nehmen die Geiseln nämlich mit." 

Um eine Fotostrecke zum Gladbecker Geiseldrama zu sehen, klicken Sie bitte auf das Bild. © Thomas Wattenberg/dpa

Die Geiselnehmer geben aus den Fenstern der Bank Warnschüsse ab. Die Polizei lässt die umliegenden Gebäude vorsorglich räumen. Tatsächlich besorgen die Beamten das Lösegeld und ein Fluchtauto  – ein weißer Audi allerdings, kein dunkler BMW, wie von Rösner gefordert. Wer der zweite Täter ist, wissen die Ermittler zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Ein Polizist, nur in Unterhose – die Bankräuber wollen sehen, dass er unbewaffnet ist – legt die Geldpäckchen gegen 17 Uhr vor der Tür der Bank ab. Der Kassierer muss das Geld reinholen – die Täter haben ihm eine Schlinge um den Hals gelegt, sodass er nicht fliehen kann. Der Fluchtwagen, mit Peilsendern und Wanzen präpariert, wird am Abend bereitgestellt, zwölf Stunden nach Beginn der Geiselnahme.

Gegen 21.3o Uhr verlassen Rösner und Degowski mit den zwei Geiseln die Bank. Vor der Tür warten Fernsehkameras, Fotografen, Journalisten, die die Flucht dokumentierten. An den Fernsehgeräten schaut ein Millionenpublikum dem weißen Audi hinterher. Die Irrfahrt beginnt. Einen Fluchtplan haben die Männer nicht. Sie fahren kreuz und quer durch Gladbeck, besorgen Alkohol, Zigaretten, machen einen Zwischenstopp an einer Imbissbude und beschaffen sich Medikamente aus einer Apotheke.  

Schon jetzt zeigt sich, dass die Polizei auf so ein Szenario nicht vorbereitet ist. Fahnder verfolgen den Wagen unauffällig, ohne richtigen Einsatzplan. Sie hoffen darauf, dass die Geiselnehmer die Bankangestellten irgendwann freilassen werden. Erst dann wollen sie zugreifen.