Kanto-Erdbeben 1923Japans Jahrhundertbeben geschah lange vor Fukushima

Vor 90 Jahren erschütterte das verheerendste Erdbeben der japanischen Geschichte Tokio. Heute ist die Stadt besser gewappnet. Möglich wäre ein ähnliches Beben jederzeit. von 

In Flammen stehendes Polizeipräsidium in Tokio nach dem Großen Kanto-Erdbeben 1923

In Flammen stehendes Polizeipräsidium in Tokio nach dem Großen Kanto-Erdbeben 1923  |  Public Domain

"Es war ungefähr 11.55 Uhr vormittags, als wir ein schreckliches Beben spürten", schreibt ein Gast des stolzen Imperial Palace Hotels in sein Tagebuch. "Das ganze Gebäude schaukelte und zitterte, die Stühle und Betten rutschten durch den Raum, wir alle hatten Angst. Als das erste Beben vorüber war, liefen wir auf die Straße." Dort konnte der US-amerikanische Besucher seinen Augen nicht trauen. "Die Straßen füllten sich schnell mit ängstlichen Menschen, die Gebäude waren kollabiert oder hatten tiefe Risse. (…) Die Feuer brannten noch den ganzen Tag und die ganze Nacht."

Stück für Stück wurde das Ausmaß der Katastrophe offenbar. Das Beben der Magnitude 7,9 hatte 60 Prozent der Gebäude in Tokio zerstört, insgesamt starben rund 140.000 Menschen. Umliegende Städte, inklusive der geschäftigen Hafenstadt Yokohama, waren ähnlich betroffen. Der ökonomische Schaden belief sich auf ein Drittel der damals jährlichen Wirtschaftsleistung Japans. Das große Kanto-Erdbeben vom 1. September 1923, das Japan heute vor genau 90 Jahren erschütterte, markierte das katastrophalste Beben in der Geschichte des Landes.

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Das Erdbeben von Tohoku vor zweieinhalb Jahren, das den Super-GAU am AKW in Fukushima auslöste, hatte zwar mit 9,0 eine größere Magnitude. Aber die Zahl der Todesfälle, gemeinsam mit den Folgen des dadurch ausgelösten Tsunamis, war mit rund 20.000 deutlich niedriger. Auch die Gebäudeschäden fielen vergleichsweise gering aus. Anteilig an Japans Wirtschaftsleistung belief sich der Schaden des Tohoku-Bebens laut dem Ökonomen Tetsuji Okazaki von der Universität Tokio sogar nur auf ein Zehntel des Kanto-Bebens.

Auf den 1. September 1923 folgte auch eine politische, ökonomische und technologische Zäsur. Das zuvor optimistische und lange Zeit boomende Japan, das sich seit tiefgreifenden Reformen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts rasch modernisiert hatte, war auf einen so herben Rückschlag nicht vorbereitet. Die Wiederaufbauarbeiten waren mühselig. Im Volk verbreitete sich ein wachsendes Gefühl des Nationalismus, das sich vor allem gegen die als "rassisch minderwertig" angesehene koreanische Minderheit richtete.

Die Not nährte den Nationalismus

Politisch folgten willkürliche Festnahmen von Koreanern, deren Nation damals bereits durch Japan kolonisiert war. Zivilisten und das Militär mordeten, nachdem sich Gerüchte gehäuft hatten, dass Koreaner Brunnen vergifteten und sich im Chaos bereicherten. Die Schätzungen, wie viele Koreaner diese Tage durch Übergriffe starben, schwanken zwischen Hunderten und Tausenden. Den folgenden Ausruf des Ausnahmezustands sehen viele Beobachter heute als wichtiges Element für die Aggression des Landes im Zweiten Weltkrieg.

Aber zumindest technologisch lernte Japan schnell dazu. Die Erdbebenforschung wurde vorangetrieben, Gebäudestandards verschärft, in der Schule lernten Kinder das Ducken und Evakuieren für den Ernstfall. Überall in Tokio wurden Parks errichtet – auch deshalb, weil sie als gutes Fluchtziel dienen würden. Im Stadtzentrum wurde später ein Erdbebenmuseum eingeweiht.

Heute verfügen praktisch alle Gasleitungen in japanischen Haushalten über Sensoren, die das System bei verdächtigen Bewegungen unter der Erde sofort abschalten. Denn 90 Prozent der Todesfälle waren am 1. September 1923 durch Brände zu erklären – Tokios Holzhäuser, verbunden mit der Uhrzeit des Bebens zu Mittag, als überall gekocht wurde, wären heute ein kleineres Problem.

Leserkommentare
    • lad33da
    • 01. September 2013 10:29 Uhr

    Diese Überschrift macht einfach keinen Sinn.

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    In den Medien konnte der Eindruck entstehen, als ob ein Beben / der Tsunami in der Stärke, wie es in Fukushima passierte völlig unvorhersehbar war.
    Außerdem liest bei "Fukushima" einfach ein größeres Publikum mit ;)

  1. In den Medien konnte der Eindruck entstehen, als ob ein Beben / der Tsunami in der Stärke, wie es in Fukushima passierte völlig unvorhersehbar war.
    Außerdem liest bei "Fukushima" einfach ein größeres Publikum mit ;)

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    ... weil das eine jahrhundertbeben im 20 jh stattfand und das andere im 21 jh. manchmal hat man hier schon den eindruck, die leutz denken nicht nach über das wasse schreiben.
    und den text kann man zusammenfassen mit "nix genaues weiss man nich" und das ist bezogen auf erdbeben nichts neues und das wird sich auch sehr lange nicht ändern, da uns die einblicke in die regionen fehlen, in denen das eigentliche beben stattfindet und eine statistik voraussagen nur hinsichtlich einer wahrscheinlichkeit treffen kann.

  2. ... weil das eine jahrhundertbeben im 20 jh stattfand und das andere im 21 jh. manchmal hat man hier schon den eindruck, die leutz denken nicht nach über das wasse schreiben.
    und den text kann man zusammenfassen mit "nix genaues weiss man nich" und das ist bezogen auf erdbeben nichts neues und das wird sich auch sehr lange nicht ändern, da uns die einblicke in die regionen fehlen, in denen das eigentliche beben stattfindet und eine statistik voraussagen nur hinsichtlich einer wahrscheinlichkeit treffen kann.

    Eine Leserempfehlung
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    • pddzaic
    • 01. September 2013 14:02 Uhr

    Eine Steigerungsform von GAU gibt es nicht. Aber Super-GAU verkauft sich anscheinend besser.

    Froh bin ich, dass die 20000 Todesopfer richtigerweise dem Tsunami zugeordnet wurden und nicht dem GAU.

    Ansonsten vermag ich den Informationsgehalt des Artikels nicht zu erkennen. Es gab in der Vergangenheit stärkere Erdbeben in Japan und die wird es auch in Zukunft geben. So ist der Lauf der Dinge, so ist unsere Natur.

    • Alleggs
    • 01. September 2013 15:29 Uhr

    Ein Jahrhundertbeben hat zunächst einmal nichts damit zu tun, in welchem Jahrhundert es denn nun auftritt, oder ob es im gleichen Jahrhundert sogar ein stärkeres Erdbeben gab. Dieses Wort sagt ledigdlich aus, dass ein Erdbeben dieser Stärke alle 100 Jahr zu erwarten ist. Es kann aber auch innerhalb von 10 Jahren 3 mal auftreten, nur ist das eben recht unwahrscheinlich. Allerdings hat sich die Zeit-Redaktion auch nicht an diese Definition gehalten. Das Beben vor Fukushima mit einer Stärke von 9,0 war ja sogar ein weitaus stärkeres als das von 1923.. so ist es sogar ein Beben von noch größerer Seltenheit.
    Etwas anderes: Ohne die Berechnungen des Ökonomen zu kennen, so halte ich es für verfrüht, einen Wirtschaftsschaden aus den Folgen von Fukushima zu errechen. Immernoch treten radioaktive Wässer aus, die die Umwelt nachhaltig kontaminieren und zudem Menschen gefährden. Es wird noch Jahrzehnte nachhallen.

    • pddzaic
    • 01. September 2013 14:02 Uhr

    Eine Steigerungsform von GAU gibt es nicht. Aber Super-GAU verkauft sich anscheinend besser.

    Froh bin ich, dass die 20000 Todesopfer richtigerweise dem Tsunami zugeordnet wurden und nicht dem GAU.

    Ansonsten vermag ich den Informationsgehalt des Artikels nicht zu erkennen. Es gab in der Vergangenheit stärkere Erdbeben in Japan und die wird es auch in Zukunft geben. So ist der Lauf der Dinge, so ist unsere Natur.

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    Doch doch. GAU (größter anzunehmender Unfall), technisch auch Auslegungsstörfall genannt, ist ein Szenario, was alles schief gehen könnte (und für was die Sicherheitstechnik ausgelegt werden muss). Wenn noch mehr als dieses Erwartete schief geht, liegt ein Super-GAU vor.

    Oder mit Wikipedia zu sprechen: "Umgangssprachlich wird insbesondere in Bezug auf die Folgen von Auslegungsstörfällen bzw. auslegungsüberschreitenden Störfällen häufig von einem GAU bzw. Super-GAU gesprochen. Die Bezeichnung GAU, Abkürzung für größter anzunehmender Unfall, geht zurück auf das in der Frühzeit der Nutzung der Kernenergie in den USA entwickelte Konzept des maximum credible accident, das die Auslegung von Anlagen auf einen bestimmten großen Unfall - den vollständigen Abriss einer Hauptkühlmittel-Leitung, wobei die Notkühlung teilweise funktionsfähig bleibt - beschränkte und das bei heutigen Neubauten wie dem EPR nicht mehr zur Anwendung kommt.[3] Mit „Super-“ wird angedeutet, dass die Folgen des GAUs übertroffen werden. Dabei wird die Vorsilbe super in der ursprünglichen lateinischen Bedeutung ‚über‘, ‚darüber hinaus‘ verwendet."

  3. Von diesem Ereignis hatte ich noch gar nichts gehört.

    Sehr interessant finde ich, den Zusammenhang zwischen Beben und der Aggression Japans im zweiten Weltkrieg.

    Bitte mehr von solchen Beiträgen über geschichtliche Ereignisse.

    Vielen Dank an die beste online-Zeitung Deutschlands.

    Eine Leserempfehlung
    • Alleggs
    • 01. September 2013 15:29 Uhr

    Ein Jahrhundertbeben hat zunächst einmal nichts damit zu tun, in welchem Jahrhundert es denn nun auftritt, oder ob es im gleichen Jahrhundert sogar ein stärkeres Erdbeben gab. Dieses Wort sagt ledigdlich aus, dass ein Erdbeben dieser Stärke alle 100 Jahr zu erwarten ist. Es kann aber auch innerhalb von 10 Jahren 3 mal auftreten, nur ist das eben recht unwahrscheinlich. Allerdings hat sich die Zeit-Redaktion auch nicht an diese Definition gehalten. Das Beben vor Fukushima mit einer Stärke von 9,0 war ja sogar ein weitaus stärkeres als das von 1923.. so ist es sogar ein Beben von noch größerer Seltenheit.
    Etwas anderes: Ohne die Berechnungen des Ökonomen zu kennen, so halte ich es für verfrüht, einen Wirtschaftsschaden aus den Folgen von Fukushima zu errechen. Immernoch treten radioaktive Wässer aus, die die Umwelt nachhaltig kontaminieren und zudem Menschen gefährden. Es wird noch Jahrzehnte nachhallen.

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  4. Doch doch. GAU (größter anzunehmender Unfall), technisch auch Auslegungsstörfall genannt, ist ein Szenario, was alles schief gehen könnte (und für was die Sicherheitstechnik ausgelegt werden muss). Wenn noch mehr als dieses Erwartete schief geht, liegt ein Super-GAU vor.

    Oder mit Wikipedia zu sprechen: "Umgangssprachlich wird insbesondere in Bezug auf die Folgen von Auslegungsstörfällen bzw. auslegungsüberschreitenden Störfällen häufig von einem GAU bzw. Super-GAU gesprochen. Die Bezeichnung GAU, Abkürzung für größter anzunehmender Unfall, geht zurück auf das in der Frühzeit der Nutzung der Kernenergie in den USA entwickelte Konzept des maximum credible accident, das die Auslegung von Anlagen auf einen bestimmten großen Unfall - den vollständigen Abriss einer Hauptkühlmittel-Leitung, wobei die Notkühlung teilweise funktionsfähig bleibt - beschränkte und das bei heutigen Neubauten wie dem EPR nicht mehr zur Anwendung kommt.[3] Mit „Super-“ wird angedeutet, dass die Folgen des GAUs übertroffen werden. Dabei wird die Vorsilbe super in der ursprünglichen lateinischen Bedeutung ‚über‘, ‚darüber hinaus‘ verwendet."

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  • Schlagworte Japan | AKW | Nationalismus | Reaktor | Tsunami | Fukushima
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