Diese Zeichnung zeigt die Situation, wie die Polizei in London eine Frauenleiche findet – ermordet von Jack the Ripper. © Hulton Archive/Getty Images

Am frühen Morgen des 31. August 1888, kurz vor vier Uhr, entdeckt der Kutscher Charles Cross in Buck's Row eine leblose Frau. Ist sie tot oder nur betrunken? Es ist ein übles Viertel. Cross zieht den hochgerutschten Rock herab, ruft einen Polizisten. Der entdeckt: Zwei tiefe Schnitte haben die Kehle der Frau durchtrennt, in ihrem Unterleib klafft eine tiefe Wunde.

Mary Ann Nichols, genannt Polly, war das wohl erste Opfer jenes Serienmörders, den die Sensationspresse bald Jack the Ripper nannte, den "Aufschlitzer". Zwei von insgesamt elf Frauenmorden, die die Polizei im Londoner Armenviertel Whitechapel untersuchte, geschahen früher, sind aber vermutlich anderen Tätern zuzurechnen. Auch bei später getöteten Mordopfern ist unklar, ob es derselbe war.

Der Tod von fünf Gelegenheitsprostituierten geht mit großer Sicherheit auf das Konto des Killers. Die Handschrift des Rippers wurde von Tat zu Tat grausamer: Er durchschnitt Kehle oder Halsschlagader der Frauen, entnahm ihnen innere Organe, wie Herz, Niere, Gebärmutter. Seinem vermutlich letzten Opfer zog er sogar Teile der Haut ab.

Die Gruselbranche liebt den Ripper

Der grausame Serienkiller von 1888 faszinierte viele Menschen derart, dass bis heute neue – meist hochspekulative Werke – über Jack the Ripper und seine Taten entstehen. Die Engländer sprechen von "Ripperature"-Grusel-Literatur, die zum Teil wissenschaftlich anmutet, aber vor allem mit größtmöglicher Schauerlichkeit nacherzählt, was vor 125 Jahren in London geschah.

Viele der Magazine wurden erst mehr als hundert Jahre nach der Mordserie aufgelegt: Die 1992 gegründete Zeitschrift Ripperana zum Beispiel oder der 1994 erstmals erschienene Ripperologist, den heute die Whitechapel Society herausgibt, ein Londoner Verein aus Gruselfreunden, die in ihrer Freizeit in Archiven und historischen Kriminalakten stöbern.

Sogar in Australien frönt man dem Ripperkult. Dort brachte im Jahr 2000 der Australian Cloak & Dagger Club das Magazin Ripperoo heraus. Und natürlich gibt es weltweit unzählige Filme, TV-Sendungen und Websites zu Jack the Ripper.

Wer die Huren im East End im Sommer 1888 ermordete, wissen aber auch die selbsternannten Ripperologen bis heute nicht. Und noch weniger, warum er damit im November wieder aufhörte. Die Kriminalistik war im 19. Jahrhundert kaum entwickelt, die Bedeutung von Fingerabdrücken unbekannt. Die Psychologie, die Profilern heutzutage hilft, aus dem Vorgehen eines Verbrechers Rückschlüsse auf seine Identität zu ziehen, entstand gerade erst.