Vor der japanischen Botschaft in Seoul steht diese Statue zum Gedenken an die "Trostfrauen", die im Zweiten Weltkrieg Opfer organisierter sexueller Gewalt wurden. © Ok-Hee Jeong

Wunderschöne Perle – das bedeutet der Vorname Ok-Ju, den 1924 ein Vater aus Korea seiner neugeborenen Tochter gab. Während einer Zugfahrt von Shanghai nach Korea hatte er zuvor geträumt, wie er in einem Park ein glänzendes Juwel findet. Kurz darauf war seine Frau schwanger geworden. Den Traum hielt der Mann für eine Vorahnung und nannte seine Tochter danach.

Sechzehn Jahre später wurde Ok-Ju Mun zum ersten Mal von einem japanischen Soldaten vergewaltigt. Sie war eines der schätzungsweise 200.000 Opfer organisierter sexueller Gewalt durch Japans Militär während des Zweiten Weltkriegs und dessen Vorläuferkriegen in Asien.

"Ianfu" – zu Deutsch: Trostfrauen – wurden die Mädchen und jungen Frauen beschönigend genannt, die seit Ende der 1930er Jahre systematisch im Auftrag des japanischen Militärs gefoltert und zur Prostitution gezwungen wurden.

Verschleppt und vergewaltigt

Die Opfer stammten unter anderem aus China, Taiwan, Malaysia, Vietnam und Indonesien, aber zum größten Teil aus Korea, dem damaligen Kolonialgebiet Japans. Sie wurden entführt oder mit falschen Versprechungen auf Ausbildung und Beruf aus ihrer Heimat gelockt und in die sogenannten Troststationen verschleppt, um den Soldaten der kaiserlichen Armee "Trost und Wohl zu spenden".

"Wir bekamen alle einen japanischen Namen. Die Namen waren alles Blumennamen. … Er schleppte mich ins Schlafzimmer und ich schlug um mich und wehrte mich. … Er warf mich auf das Bett und zerriss mein Kleid und fuhr mit seinem Schwert über meinen Körper. Vom Hals bis zu den Beinen, so als ob eine Katze mit einer Maus spielt. Und dann vergewaltigte er mich brutal." (Jan Ruff O’Herne)*

Im gesamten Asien-Pazifik-Raum hatte das japanische Militär solche Bordelle eingerichtet, "um die Moral der kaiserlichen japanischen Soldaten zu heben", und um Massenvergewaltigungen in den von Japan besetzten Gebieten zu verhindern. Das jüngste bekannte Opfer war elf Jahre alt. "Trost und Wohl" holten sich die japanischen Soldaten, indem sie die Mädchen und Frauen vergewaltigten und misshandelten. Täglich waren die Opfer der Gewalt ausgeliefert. Jahrelang.

Der Betrieb in den Armeebordellen war streng durchorganisiert. Tagsüber wurden die Zwangsprostituierten den einfachen Soldaten überlassen, abends den Offizieren. Die Militärärzte waren zuständig für die Kontrolle von Geschlechtskrankheiten und Zwangsabtreibungen.

Der Asien-Pazifik-Krieg endete 1945 mit der japanischen Kapitulation, aber das unermessliche Martyrium der Frauen nahm damit kein Ende. Beim Militärabzug wurden viele von ihren Peinigern umgebracht oder fern der Heimat sich selbst überlassen. Einige versuchten gar nicht erst, nach Hause zurückzukehren. Als Prostituierte gebrandmarkt, trauten sie sich nicht zurück. Andere kamen um bei dem Versuch, sich zu ihren Familien durchzuschlagen.

50 Jahre Schweigen

Erzogen in der konfuzianisch-patriarchalischen Gesellschaft, in der Keuschheit und Jungfräulichkeit als Idealbild galten, schämten sich die Opfer, fühlten sich "beschmutzt" und fürchteten, stigmatisiert und ausgegrenzt zu werden. Über das Erlebte sprechen konnten die meisten nie. Nicht wenige begingen Suizid. Erst nach fast 50 Jahren des Schweigens meldeten sich die ersten Zeuginnen im Jahr 1991 in Südkorea zu Wort.

Nachfolgend gelangten Dokumente, die die Beteiligung des japanischen Militärs offenlegten, an die Öffentlichkeit. Die damalige Regierung gab unter der Beweislast zu, dass Japan an der "Errichtung, Verwaltung und Aufsicht der Troststationen" beteiligt gewesen war.

"Ich war damals zwölf Jahre alt. Ich wusste nicht, was geschah. Ich hatte Todesangst und er hielt mich auf dem Boden fest und verwundete meinen Körper mit seinem Messer und ich blutete. Er zog seine Hose aus und vergewaltigte mich. Dann kam als Nächster ein anderer Soldat herein." (Young-Suk Kim)

Statt eines offiziellen vollständigen Schuldeingeständnisses wurde jedoch 1995 nur ein Volksfond mit staatlichen Geldern und Spendengeldern der Bevölkerung eingerichtet, ausdrücklich nicht als Entschädigung, sondern als ein Zeichen des Bedauerns, das von den koreanischen "Trostfrauen" abgelehnt wurde. Vehement forderten sie weiterhin ein offizielles Eingeständnis des Kriegsverbrechens.

Im Februar 2012 stellten in Deutschland derweil die Sozialdemokraten einen Antrag im Ausschuss für Menschenrechte und humanitären Hilfe, der die Bundesregierung unter anderem aufforderte, "bei den Vereinten Nationen und in den bilateralen Beziehungen auf Japan einzuwirken, die vom japanischen Militär an den Frauen verübten Kriegsverbrechen zuzugeben, sich offiziell bei den Überlebenden zu entschuldigen, Opfer zu entschädigen und Verantwortliche zu bestrafen".

Dieser Antrag wurde mit den Stimmen von CDU/CSU und der FDP abgelehnt gegen das Votum der SPD-, Linken- und Grünen-Fraktionen mit der Begründung, "die aktuelle Situation in Japan nach den Katastrophen (Hier sind das Erdbeben von 2011 und die Atomkraftwerkshavarie in Fukushima gemeint, Anmerkung der Redaktion) sei absolut problematisch. Sich zu diesem Zeitpunkt so auf Japan zu fokussieren, sei absolut grenzwertig. Schon aus diesem Grund könne man den Antrag nicht unterstützen. Die Japaner seien im Übrigen dabei, das Problem zu regeln. Man habe genug Vertrauen in die japanische Demokratie, dass diese eine Regelung finden werde."

Japans Verweigerung von Verantwortung

Doch davon ist Japan auch im Jahr 2013 weit entfernt. Immer noch ist eine offizielle Entschuldigung nicht erfolgt, die organisierte Massenvergewaltigung an Minderjährigen und jungen Frauen als Kriegsverbrechen nicht formell anerkannt worden. Nach wie vor wird das Thema nicht geschichtlich aufgearbeitet, wird es in den Schulbüchern nicht erwähnt und werden die Verantwortlichen nicht strafrechtlich verfolgt.

"Was sollte ich machen, wenn an einem Tag dreißig, vierzig Soldaten kamen? Was machten die Soldaten, weil ich unten so eng war? Weil sie nicht machen konnten, was sie wollten, schnitten sie mich da unten auf." (Bong-I Kim)

Es gibt in jüngster Zeit viel mehr die Bestrebung japanischer Politiker um den Premierminister Shinzo Abe, das Teilgeständnis aus den 1990er Jahren zurückzunehmen.

Zudem schockieren Äußerungen wie die des Bürgermeisters von Osaka, Toru Hashimoto, die Öffentlichkeit, der im Mai dieses Jahres sagte, "das Trostfrauen-System sei notwendig gewesen". Premierminister Shinzo Abe hatte zuvor behauptet, die Frauen hätten sich freiwillig für die Dienste gemeldet. 

Die "Wunderschöne Perle", Ok-Ju Mun, ist 1996 im Alter von 72 Jahren verstorben; so wie vor ihr unzählige namenlose Opfer, die ihr Leben lang an den seelischen und körperlichen Folgen der jahrelangen sexuellen Gewalt und Misshandlung gelitten hatten. Die meisten nahmen ihr Geheimnis mit ins Grab.

Bis heute gibt es nur Teilgeständnisse

Nur wenige trauten sich, ihr Schicksal öffentlich zu machen. So wie Yong-Yeo Yi und Seon-Su Choi, die beide jetzt im August mit 87 Jahren gestorben sind. Auch sie erhielten zu Lebzeiten nie eine Entschuldigung vom Staat Japan oder irgendeine Art der Entschädigung.

Ok-Seon Yi, auch eine der Überlebenden, hat einen Platz im Haus des Teilens gefunden, in Gwang-Ju, eine Autofahrtstunde von Seoul entfernt. In das teils staatlich, teils durch Spenden finanzierte Heim werden Opfer der Zwangsprostitution im Krieg aufgenommen.

Ihr Zimmer hat Ok-Seon Yi mit Erinnerungsfotos geschmückt. Als junges, sehr hübsches Mädchen mit ernsten Augen ist sie auf einem vergilbten Schwarz-Weiß-Foto zu sehen. Die 86-Jährige sitzt auf ihrem Bett, den Rücken gekrümmt vom Alter. Mit blitzenden Augen in dem mit Falten übersäten Gesicht sagt sie voller Wut: "Wie können die sagen, dass das nicht passiert ist? Ich bin doch der lebende Beweis! Ich habe das doch erlebt!"

Bok-Dong Kim, eine der Überlebenden der Zwangsprostitution, demonstriert im Juli 2013 vor der japanischen Botschaft für die Rechte der "Trostfrauen". Jeden Mittwoch finden dort Kundgebungen statt. © Ok-Hee Jeong

Als eine der letzten "Trostfrauen" kämpft sie unermüdlich mit anderen Überlebenden und Unterstützern um Gerechtigkeit. So demonstrieren die Zeitzeuginnen seit 21 Jahren regelmäßig vor der japanischen Botschaft in Seoul. Jeden Mittwoch. Bei jedem Wetter. Ohne dass sich jemals etwas hinter den Fenstern der japanischen Botschaft geregt hätte.

Die hochbetagten Opfer der sexuellen Gewalt im Zweiten Weltkrieg kämpfen nicht nur allein für ihre Ziele, sondern verstehen sich auch als Frauenrechtsaktivistinnen, die anhand ihres Beispiels auf die sexuelle Gewalt an Mädchen und Frauen in Krisenregionen aufmerksam machen wollen, die bis heute stattfindet.

Missbrauch in Krisengebieten heute

Nachts jedoch werden sie selbst bis heute von den Dämonen ihrer Vergangenheit heimgesucht. Jeong-Suk Kim, Leiterin des Hauses des Teilens erzählt, dass man einige der Bewohnerinnen immer wieder nachts schreien hört. Wenn die Betreuer zu ihnen eilten, fänden sie sie in der Dunkelheit in einer Ecke ihres Zimmers kauernd und wimmernd, panisch vor Angst.

"Wir waren insgesamt 14. Zwei wurden erschlagen. Wenn Hunde sterben, vergräbt man sie. Aber sie haben uns nicht einmal wie Hunde behandelt … Von 9 Uhr morgens bis 21 Uhr abends kamen die einfachen Soldaten. Nach 21, 22 Uhr kamen dann die Offiziere. Die Offiziere haben uns nicht einmal wie Hunde behandelt. Sie kamen betrunken an und schnitten uns Wunden mit ihren langen Schwertern, wenn wir nicht das machten, was sie wollten." (Seo-Un Chung)

Würden durch die langersehnte offizielle Entschuldigung der japanischen Regierung solche tief vernarbten Wunden heilen? Kann das die verlorene Kindheit, die verlorene Jugend oder das verlorene Leben zurückgeben? Nun sind nur noch 56 registrierte Opfer dieses Verbrechens verblieben. Sie alle sind über 80 Jahre alt, viele schwerkrank. Japan hat ihnen alles genommen. Das Einzige, was die Regierung ihnen noch zurückgeben könnte, wäre ihre Würde. In diesem Leben. Ohne Wenn und Aber.

Der unermüdliche Kampf der Überlebenden erinnert auch heute, mehr als 70 Jahre nach den Verbrechen, daran, dass diese rund 200.000 Frauen keine namenlose Zahl in einer Statistik sind. Jede von ihnen hat einen Namen. Sie alle hatten Träume, Sehnsüchte und eine Zukunft. Und sie hatten Eltern, die sie liebten. So wie der Vater, der seine Tochter "Wunderschöne Perle" nannte.

*Die Zitate der Zeitzeuginnen stammen aus dem Buch "Jeden Mittwoch, seit 20 Jahren" von Mi-Hyang Yun, erschienen 2010 auf Koreanisch im Woongjin-Verlag, Seoul. Die Informationen über Ok-Ju Mun wurden der Biografie "Ok-Ju Mun, eine Trostfrau an der burmesischen Front" von Matsiko Morikawa entnommen, erschienen 2005 im Arumdaun-Saramdul-Verlag (nur auf Koreanisch und Japanisch).