Diesen Fund hat Johannes Tuchel eher zufällig gemacht. Der Historiker beschäftigte sich mit einer Mordaktion an Widerstandskämpfern 1945 in einem Berliner Gefängnis, die von Gestapo-Chef Heinrich Müller geleitet wurde. Dabei stieß Tuchel auf das noch immer ungeklärte Schicksal des Nazi-Verbrechers. Es gibt bislang kein offizielles Todesdatum für Müller, der Gestapo-Chef galt seit dem 29. April 1945 als verschollen. Das interessierte Tuchel, er recherchierte und ist sich nach Archivfunden nun sicher: Müller starb am Ende des Krieges und seine Überreste sind ausgerechnet auf einem jüdischen Friedhof in Berlin begraben.

Diese Erkenntnis wäre eine kleine historische Sensation. Jahrzehntelang suchten Ermittler, Geheimdienste und Mitarbeiter des Simon Wiesenthal Center nach dem Mann, der als Chef der Geheimen Staatspolizei (Gestapo) alle Einweisungen in die Konzentrationslager der Nationalsozialisten zu verantworten hatte. Wegen der Gerüchte um sein Untertauchen hatten die Behörden 1963 Müllers offizielles Grab öffnen lassen und darin die Skelette von drei Menschen entdeckt. Da keiner der Schädel "Gestapo-Müller" zugeordnet werden konnte, wurde die Fahndung intensiviert. 1949 vermutete man ihn im tschechischen Karlsbad, dann in Albanien, in Moskau, in Südamerika. 1967 nahmen Polizisten in Panama gar einen Mann fest, der ihm zum Verwechseln ähnlich sah. Noch bis Anfang der neunziger Jahre hoffte das Wiesenthal-Zentrum, ihn zu finden.

Dass nun Tuchel das Schicksal des Gestapo-Chefs aufgeklärt haben könnte, hat eine kleine Pointe: Tuchel ist Leiter der Gedenkstätte Deutscher Widerstand in Berlin, Müllers Aufgabe als Gestapo-Chef war die Bekämpfung jedes Widerstands im Deutschen Reich. "Es gibt kein NS-Verbrechen, an dem Müller nicht in irgendeiner Form beteiligt war", sagte der Historiker.

Eichmann organisierte unter Müller den Holocaust

Müller war einer der Hauptverantwortlichen für die Verbrechen des Nazi-Regimes unter Adolf Hitler. Als Gestapo-Chef war er für Beobachtung, Verfolgung und Vernichtung wirklicher und potenzieller Gegner zuständig; die Gestapo marschierte mit der Wehrmacht in die eroberten Gebiete ein, war als Teil der Einsatzgruppen an zahlreichen Massakern und Hinrichtungen beteiligt. Unter Müllers Leitung organisierte Adolf Eichmann die Vernichtung der Juden, jede Einweisung in ein Konzentrationslager ging durch sein Amt. Müller nahm auch an der Wannsee-Konferenz teil, die den Massenmord an den Juden koordinierte. Und er war maßgeblich an der Aufdeckung der Widerstandsbewegung des 20. Juli 1944 beteiligt. Tuchel schätzt, dass Müller die Schuld am Tod einer siebenstelligen Zahl von Menschen trägt.

Dass die Gebeine des mordenden Antisemiten ausgerechnet auf dem jüdischen Friedhof in der Großen Hamburger Straße in Berlin liegen könnten, ist Tuchels Recherchen zufolge Zufall. Demnach wurde Müllers Leiche im August 1945 in einem provisorischen Grab in der Nähe des ehemaligen Reichsluftfahrtministeriums von einem Beerdigungskommando gefunden. Historischen Dokumenten zufolge wurde der NS-Verbrecher damals eindeutig identifiziert. Müllers Leiche habe eine Generalsuniform getragen. In der inneren, linken Brusttasche steckte unter anderem sein Dienstausweis mit einem Foto.