Noch ehe die Schlacht so richtig tobt, überfallen die Franzosen ein Dorf. Die Soldaten fallen über die Bevölkerung her, plündern die Häuser und verwüsten die Siedlung. Im Hintergrund marschieren weitere Truppen auf. Schemenhaft sind am Horizont Reiter zu erkennen. Rechts rotten sich die Verbündeten zusammen. Österreicher, Russen, Preußen. Dann schallt ein Böllerschlag über den Platz. Das ist das Zeichen. Jetzt wird es blutig – an einem Sonntagnachmittag auf einer Wiese bei Leipzig.

Vor 200 Jahren traf Napoleons Armee in der Nähe auf ein Heer. Damals war jedoch nicht vorher klar, wer als Sieger und wer als Verlierer vom blutigen Schlachtfeld gehen würde. Und damals konnte sich sicherlich keiner der Beteiligten vorstellen, dass irgendwann einmal als Soldaten verkleidete Männer aus 26 Staaten Europas und darüber hinaus zusammenkommen würden, um das Gefecht nachzuspielen. Die heutige Szene erinnert an ein Ereignis, irgendwo zwischen Geschichtsunterricht im Freien, riesigem Volksfest und militärischer Gedenkveranstaltung.

Möglich ist dies nur, weil es in Deutschland und vielen anderen Ländern zwei Jahrhunderte nach der Völkerschlacht Vereine und einzelne Interessierte gibt, die gern in der Vergangenheit leben. Im Reenactment geht es um das Nachstellen von historischen Ereignissen. Dabei kommt es auf Details an. Die Teilnehmer versuchen an einigen Wochenenden im Jahr den Alltag von Soldatenfamilien nachzuahmen. Dazu fahren sie etwa nach Frankreich, um sich Fotos von Uniformen zu besorgen und lassen diese in Handarbeit herstellen. Der Stoff ist dicht gewebt und schwer. Die Stickereien nach Originalschablone gefertigt. Selbst die Verzierung auf den kupferfarbenen oder goldenen Knöpfen wird nicht dem Zufall überlassen.

"Eine Zeitreise, eine Illusion"

Einer dieser Vereine ist die Französische Marinegarde aus Markkleeberg bei Leipzig. Etwa 20 Männer, Frauen und Kinder sind bereits vor vier Tagen angereist, um am historischen Biwak rund um die Völkerschlacht teilzunehmen. Sie bauten ihre Zelte aus weißer Plane auf einer kleinen Waldlichtung auf. Darin legten sie Strohsäcke und Schaffelle als Nachtlager aus. Vor den Zelten brennt nun ein Lagerfeuer, der Qualm treibt den Besuchern Tränen in die Augen. Trotzdem drängen sich hier die Schaulustigen. Die 41-jährige Claudia Bielig trägt eine abgewetzte Militärkutte und rührt mit einem Holzlöffel im Kochtopf über dem Feuer. "Wir warten hier, bis unsere Männer hungrig von der Schlacht zurück sind", sagt sie.

Klicken Sie auf das Bild, um zu einer Fotostrecke zur historischen Gefechtsnachstellung zu gelangen. © Hendrik Schmidt/dpa

Währenddessen kämpfen etwa fünf Kilometer Luftlinie entfernt die vermeintlichen Soldaten. Das rund 500.000 Quadratmeter große Areal ist mit Bauzäunen und Sichtschutzfolie umstellt. An einer Seite des Feldes haben die Veranstalter Tribünen aufgebaut. Ein Sitzplatz kostet 40 Euro, es gibt sogar einen VIP-Bereich. Einer der Gäste ist Stephan Thomas Klose. Er ist zusammen mit seinem Sohn Jonathan aus Hannover angereist. Klose ist ein ehemaliger Offizier der Bundeswehr und trägt Lederstiefel, weil die für ein derartiges Feld geeignet seien. "Ich bin fasziniert, es ist eine Zeitreise, eine Illusion", sagt er. Leipzig stehe eben nicht nur für die friedliche Revolution von 1989, sondern auch für die blutige Völkerschlacht. Bewaffnete Reiter galoppieren auf ihren Pferden an den Tribünen vorbei, das Trommeln der herannahenden Truppen wird immer lauter. Im VIP-Zelt wird Hähnchenkeule, Schwarzbier und Streuselkuchen gereicht.