Die Satirezeitschrift Kladderadatsch begab sich im September 1933 auf gefährliches Terrain. Sie zeigte eine Karikatur Hermann Görings. Die NS-Größe nimmt darin die Huldigung zahlreicher Labortiere entgegen – Hunde, Katzen, Vögel und allerlei andere Vertreter der Tierwelt. Alle strecken freudestrahlend die rechte Pfote – oder auch den Flügel – zum Hitlergruß empor. Begeistert rufen die Tiere: "Heil Göring!" Rechts oben findet sich der erklärende Satz: "Vivisection verboten" – gemeint sind Versuche an lebenden Tieren.

Dabei meinte es Göring, der "zweite Mann" in Hitlers Diktatur, mit seiner Liebe zum Tier todernst. Als preußischer Ministerpräsident zeichnete er am 16. August 1933 für einen Erlass verantwortlich, wonach "Personen, die trotz des Verbotes die Vivisektion veranlassen, durchführen oder sich daran beteiligen, ins Konzentrationslager abgeführt" werden sollten. Göring hatte zuvor Bilder von Tierversuchen gesehen und einen Wutanfall bekommen: "Diese Schweinerei hört mir sofort auf!" Eine erstaunliche Aussage für den Mann, der zahlreiche Regimegegner foltern und ermorden ließ.

Schon früh nach der Machtübernahme 1933 ließen Göring, Reichsführer-SS Heinrich Himmler und Hitler die Liebe zum Tier schützen. Kurz nach der Vereidigung des Kabinetts Hitler erhielt Reichsinnenminister Wilhelm Frick den Auftrag zur Ausarbeitung eines reichsweiten Tierschutzgesetzes. Ein Vorhaben, das viel Sympathie unter den Deutschen hatte. Bald schon erreichten zahlreiche Eingaben und Vorschläge von Tierschutzvereinen Fricks Ministerium. Vier Fassungen brauchte es, bis das Kabinett das Reichstierschutzgesetz am 24. November 1933 verabschiedete. Das erste deutsche Tierschutzgesetz trat in Kraft.

Gleich der erste Paragraph machte die Absicht des Gesetzes deutlich: "Verboten ist, ein Tier unnötig zu quälen oder roh zu mißhandeln". Das Gesetz spezifizierte daher unter anderem die Haltung, Unterbringung und den Transport der Tiere, bestimmte Grausamkeiten wie Kupieren wurden untersagt. "Es wurde zum Beispiel geregelt, wie Tiere in Laubenkolonien zu halten waren. Da gab es schlimme Zustände, wenn Kaninchen, Tauben und andere Tiere auf engstem Raum zusammengepfercht wurden", sagt der Historiker Stefan Dirscherl. Vor allem aber regelte das Gesetz die Tierversuche. Um hier eine staatliche Kontrolle zu gewährleisten, wurde ein Register für Experimente eingerichtet. Auch war fortan eine Betäubung der Tiere vorgesehen. Gesetzesbrechern drohten Strafen von bis zu zwei Jahren Gefängnis.

Aus dem Geist des Antisemitismus

Nur auf den ersten Blick erscheint das Gesetz dem reinen Ziel des Tierschutzes verbunden. Es hat allerdings seine Ursprünge in der völkischen Ideologie. Nach der amtlichen Begründung sei das Tierschutzgesetz "seit Jahrzehnten Wunsch des deutschen Volkes, das besonders tierliebend ist und sich den hohen ethischen Verpflichtungen dem Tiere gegenüber bewußt ist." Tierliebe als nationales Merkmal der Deutschen – ideologisch schöpft das Tierschutzgesetz tief aus dem nordisch-germanischen Herrenmenschentum. Der Umwelthistoriker Frank Uekötter ist sogar überzeugt: "Die Entwicklung, die zum Tierschutzgesetz vom November 1933 führte, entstammt tatsächlich dem antisemitischen Geist."