Eine Arbeiterin an einer Anlage zur Scheinwerferproduktion im VEB Fahrzeugelektrik Ruhla (Thüringen), aufgenommen 1986. © Dieter Demme/dpa

Mehr westdeutsche Firmen als bisher bekannt haben von der Zwangsarbeit politischer Häftlinge in der DDR profitiert. Zu diesem Ergebnis kommt eine noch unveröffentlichte Studie der Behörde des Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen (BStU), über die das ARD-Magazin Report Mainz berichtet.

Danach ließen zahlreiche BRD-Firmen aus der Konsumbranche, aus der Möbelindustrie, Versandhäuser, auch Unternehmen aus der Auto- und Stahlindustrie Waren oder Teile vor allem während der Ära Honecker in den siebziger und achtziger Jahren billig in DDR-Betrieben produzieren, die auch Häftlinge zur Arbeit einsetzten. Für das Forschungsprojekt der Stasi-Unterlagenbehörde wertete der BStU-Historiker Tobias Wunschik Akten aus Stasi-Beständen, dem Bundesarchiv und den Landesarchiven aus.

Aus den Akten gehe hervor, dass auch Deutschlands führender Discounter Aldi Waren von einem DDR-Betrieb bezog, der Häftlinge zur Arbeit einsetzte. Es handelte sich um den VEB Esda Thalheim, der Strumpfhosen produzierte. Hier waren auch weibliche Gefangene des berüchtigten DDR-Frauenzuchthauses Hoheneck zur Zwangsarbeit eingesetzt.

"Ikea nur die Spitze des Eisbergs"

Aldi Nord und Aldi Süd bestätigten laut Report Mainz die Geschäftsbeziehungen über DDR-Außenhandelsbetriebe mit dem VEB Strumpfkombinat. Weder damalige noch heutige Mitarbeiter hätten jedoch Kenntnis davon gehabt, dass Häftlingsarbeiterinnen des Gefängnisses Hoheneck an der Produktion beteiligt gewesen seien. "Wir bedauern und verurteilen aufs Schärfste die in der ehemaligen DDR offenbar übliche Praxis, politische Häftlinge und Strafgefangene unter Zwang für die Produktion von Waren einzusetzen", heiße es in der Stellungnahme von Aldi Nord. Ähnlich habe sich auch Aldi Süd geäußert.

Der Bundesbeauftragte für Stasi-Unterlagen, Roland Jahn, sagte dem Bericht zufolge: "Das Forschungsprojekt hat gezeigt: Ikea war nur die Spitze des Eisberges." Die DDR war laut Historiker Wuschnik aus unternehmerischer Sicht ein Billiglohnland, noch dazu geografisch nah gelegen und ohne Sprachhürden zu bespielen. "Mehrere Hundert westliche Firmen waren im Ost-West-Handel aktiv, viele haben dabei Waren aus der DDR bezogen, und in sehr viele dieser Waren war Häftlingsarbeit eingeflossen", sagt Wuschnik den Angaben zufolge. Es lasse sich aus Teilzahlen ungefähr abschätzen, dass jährlich mindestens 200 Millionen DM mit Waren umgesetzt worden seien, die allein auf Häftlingsarbeit beruht hätten.

Rundscheinwerfer für den Golf

Den Wissenschaftlern zufolge gibt es jetzt erste Belege dafür, dass auch der Volkswagen-Konzern Waren von DDR-Betrieben mit Häftlingen gekauft haben soll. VW habe bestätigt, im Zuge von Kompensationsgeschäften verschiedene Produkte vom DDR-Betrieb VEB Kombinat Fahrzeugelektrik Ruhla erhalten zu haben. Der Betrieb sei mit der Herstellung etwa von Rundscheinwerfern für den Golf und den Transporter von einem DDR-Handelsunternehmen beauftragt gewesen.

Im DDR-Betrieb VEB Fahrzeugelektrik Ruhla waren nach DDR-Dokumenten auch Gefangene zur Arbeit eingesetzt. VW habe dazu mitgeteilt: "Volkswagen war und ist weder bekannt, in welchem Betriebsteil des Kombinats welches Produkt gefertigt wurde, noch bestehen und bestanden Kenntnisse darüber, dass möglicherweise Häftlinge in DDR-Betrieben für Lieferungen an Volkswagen mitgearbeitet haben." Volkswagen habe den Einsatz von Häftlingen in DDR-Betrieben weder veranlasst noch wissentlich gebilligt oder gar davon profitiert.

Auch wenn die Geschäftsbeziehungen der westdeutschen Firmen mit der DDR meist über Außenhandelsbetriebe abliefen und die DDR den Einsatz von Häftlingen geheim zu halten versuchte, sieht Historiker Tobias Wunschik durchaus eine Verantwortung bei den Unternehmen: "Man ging eben nicht bis in die Betriebe und ließ sich die ganze Produktionsstrecke zeigen." Das sei aber möglich gewesen. Die DDR sei derart erpicht auf Devisen gewesen, dass gerade große Abnehmer auch eine bestimmte Macht gehabt hätten, wenn man wirklich daran interessiert gewesen wäre.

Der Bundesbeauftragte für Stasi-Unterlagen, Jahn, sagte laut Report Mainz: "Wer sich mit der Diktatur eingelassen hat, Geschäfte gemacht hat, der konnte nie sicher sein, unter welchen Bedingungen die Produkte gefertigt worden sind." Jahn habe die Unternehmen aufgefordert, ihre Archive zu öffnen und die weitere Aufklärung finanziell zu unterstützen.