Geschichte, witzelte das "endgültige Satiremagazin" Titanic einmal, sei in Deutschland aus historischen Gründen ein vorbelastetes Thema. Der Journalist und Schriftsteller Dirk Kurbjuweit schreibt dasselbe nun allen Ernstes – in seinem aktuellen Spiegel-Beitrag unter dem Titel Der Wandel der Vergangenheit: "Geschichte ist nicht nur Geschichte, sondern Teil der Gegenwart, und das gilt insbesondere für die Bundesrepublik."

Man könnte über Plattitüden wie diese lachen, wäre sein Artikel nicht eine so ungeheurliche Peinlichkeit. Kurbjuweits Stück schließt die Spiegel-Serie zum Ersten Weltkrieg ab. Letzterer interessiert den Autor allerdings nur am Rande: Ihm geht es um die historischen Debatten der Bundesrepublik, und da macht er sich frisch ans Werk, ohne durch allzu viel Wissen vorbelastet sein.

Kurz gefasst lautet sein Gedankengang so: Es gab zwei wichtige Historikerdebatten in der Bundesrepublik, die Fischer-Kontroverse der frühen 1960er Jahre über die deutsche Schuld am Beginn des Ersten Weltkriegs und den Historikerstreit 1986 über die deutsche Schuld am Holocaust. Fritz Fischers Thesen von der deutschen Hauptschuld hätten sich nun durch die Forschungen von Christopher Clark und Herfried Münkler erledigt.

Und so sei es an der Zeit, auch den Historikerstreit neu aufzurollen. Denn wenn schon in den Sechzigern die Lust an der Selbstanklage über die historische Vernunft triumphiert habe, dann doch wohl erst recht 1986! Es gelte nun also auch die unterdrückte Meinung von damals zu rehabilitieren: die Meinung Ernst Noltes.

Der Historiker Ernst Nolte behauptete 1986 – und tut es noch –, der Holocaust sei eine Reaktion auf den Stalinismus gewesen: Massenmord und Terror der Sowjets hätten den Nazis sowohl den Anlass gegeben als auch als Vorbild gedient. Ohne Lenin kein Hitler, ohne Gulag kein Massenmord an den Juden. Der Sozialphilosoph Jürgen Habermas intervenierte damals mit einem Beitrag in der ZEIT. Auch der Historiker Hans-Ulrich Wehler widersprach – mit Erfolg und in der Sache korrekt, bis heute. 

Niemand redet Stalins Mordlust und die Schrecken in den sowjetischen Straflagern klein. Aber es unterschlägt auch kein seriöser Historiker, dass es Hitlers tief im 19. Jahrhundert wurzelnder antisemitischer Wahn, seine irrwitzige Vorstellung von einer jüdisch-bolschewistischen Weltverschwörung war, die in den Holocaust führte.

Dirk Kurbjuweit geht in seinem Betrag auf solche Details nicht ein. Er setzt seinen geschickt manipulativen Reportagestil ganz dafür ein, Fritz Fischer als verkappten Nazi mit Schuldkomplex erscheinen zu lassen und Hans-Ulrich Wehler als einen sündenstolzen Linksliberalen herabzuwürdigen. Für deren Schaffen gebraucht er den effektvollen Begriff der deutschen "Selbstverdunklung". Das ist natürlich wunderbar mehrdeutig, schwingt doch in diesem Wort nicht nur der altbekannte Vorwurf des deutschen "Selbsthasses" mit. Es unterstellt auch, dass es dem "linksliberalen Mainstream" im Zweifel um moralische Anklage gehe und nicht um Aufklärung. 

NSU-Täter sieht er nicht als "rechte" Terroristen

Den erzählerischen Höhepunkt bildet der Auftritt des untoten Ernst Nolte. Und was der fast vollkommen unkommentiert zum Besten geben darf, verschlägt einem schlicht die Sprache. Vor allem dann, wenn er auf Nebengleise gerät.

"Zum NSU" zitiert Kurbjuweit den "freundlichen Mann": "Ich glaube nicht, dass man diese Menschen als 'rechte' Terroristen bezeichnen sollte. Sie waren schlicht eine Mörderbande. Wenn man an die Opfer einen Zettel gehängt hätte mit der Aufschrift 'Geht nach Hause', dann wäre das eine Tat von rechten Terroristen gewesen."

Auch den Kriegsbeginn 1939 will Nolte neu diskutieren: "Ich komme mehr und mehr zu der Überzeugung, dass man den Anteil der Polen und der Engländer stärker gewichten muss." Dieses Zitat hat der Spiegel-Redaktion offenbar so gut gefallen, dass sie es auf derselben Seite gleich noch einmal abgedruckt hat, unter einem Foto von Ernst Nolte. Ohne Kommentar.