Die kürzlich im Bayerischen Nationalmuseum gefundene Guillotine ©  Walter Haberland/dpa

"Es lebe die Freiheit", sagte Hans Scholl Minuten vor seiner Hinrichtung durch die Nazis. 25 Jahre war er alt, Medizinstudent, zum Tode verurteilt vom Volksgerichtshof.

An jenem 22. Februar 1943 wurde der Mitbegründer der Widerstandsgruppe "Weiße Rose" genau wie seine 22-jährige Schwester Sophie mit einer Guillotine geköpft – nur vier Tage nachdem ein Hausmeister die beiden an der Uni beim Verteilen von Anti-NS-Flugblättern erwischt hatte. Auch Mitstreiter Christoph Probst, 24, wurde am selben Tag mit dem Fallbeil hingerichtet.

In einem Depot des Bayerischen Nationalmuseums zu München fand ein Kunsthistoriker nun genau diese Tötungsmaschine, wie im Januar bekannt wurde – mehr als 70 Jahre nach der Ermordung der Geschwister Scholl. Sie stand in der Sammlung für Straf- und Rechtsaltertümer, zwischen Daumenschrauben, Streckbetten und Richtschwertern.  

Scharfrichter Reichhart tötete gerne so

Die Guillotine ist mehr als zwei Meter hoch, mehrere Zentner schwer und weist einige Besonderheiten auf. So fehlt ihr das Klappbrett, auf dem die Delinquenten üblicherweise festgeschnallt wurden, bevor man sie unters Messer legte. Diese Besonderheit deutet daraufhin, dass es sich um die Apparatur handelt, mit der der Münchner Henker Johann Reichhart sein, wie man sagt, blutiges Handwerk verrichtete.

Er wollte die Prozedur verkürzen, zum Wohle der Todgeweihten. Deshalb wurden die Opfer der Hinrichtungen nicht aufs Brett geschnallt, sondern von zwei Männern gepackt und unter die Klinge geschoben. Statt einiger Minuten dauerte das nur Sekunden, wie sich Scharfrichter Reichhart, der selbsternannte Menschenfreund, rühmte.

Sehr wahrscheinlich stand die Guillotine einst im Gefängnis in München-Stadelheim. Und sehr wahrscheinlich wurden auf ihr auch die Geschwister Sophie und Hans Scholl hingerichtet und die übrigen Mitglieder des Widerstandskreises der Weißen Rose, die in einem ebenso heldenhaften wie vergeblichen Akt der Zivilcourage gegen die Gräueltaten der Nazis aufbegehrt hatten.

Das sind die Tatsachen. Direkt nachdem der Fund bekannt wurde, entbrannte eine lebhafte Diskussion darüber, ob man diese Hinrichtungsmaschine irgendwann einmal öffentlich zur Schau stellen sollte.

Aufklärung oder Gruselshow?

Im Kern ging es darum, welchen Effekt oder welchen Nutzen ein solches Unterfangen haben könnte. Ginge es dabei um Aufklärung oder nur um eine Gruselshow wie in den echten oder getürkten Folterkammern mittelalterlicher Ritterburgen?

Politiker, Museumsexperten und Vertreter von Opferverbänden kamen zu Wort. Viel Richtiges und Bedenkenswertes wurde vorgebracht, dafür und dagegen. Schließlich schaltete sich Bayerns Kunstminister Ludwig Spaenle ein und kündigte an, eine Expertenkommission werde sich am "Runden Tisch" zusammensetzen, alles noch einmal in Ruhe überdenken, und dann eine Empfehlung abgeben. "Für mich handelt es sich um ein singuläres Fundstück mit besonderer historischer Aufladung, das einen höchst sensiblen, ja pietätvollen Umgang erfordert", sagte der CSU-Politiker.

Mit seiner Einschätzung liegt Spaenle nicht ganz falsch, aber auch nicht ganz richtig. Eigentlich handelt es sich bei der Münchner Guillotine um kein "singuläres" Objekt, selbst wenn es gelänge, mithilfe eines DNA-Tests noch Spuren des Blutes von Hans und Sophie Scholl an dem Fallbeil zu finden – ein makaberes Unterfangen, von dem man besser die Finger lassen sollte.

Es handelt sich nämlich nicht um die "Geschwister-Scholl-Guillotine". Und zwar deshalb nicht, weil unter ihr zahllose weitere Opfer des NS-Gewaltregimes und der braunen Schreckensherrschaft ihr Leben ließen. "Diese Verengung auf die Geschwister Scholl hat mich in dieser Diskussion etwas geärgert", sagt Jürgen Zarusky, Experte für die NS-Justiz am Institut für Zeitgeschichte in München.

Eine Reduzierung auf die Geschwister Scholl wäre falsch

Unter ihrem Beil starben, neben "gewöhnlichen" Mördern, auch andere Widerstandskämpfer, "Wehrkraftzersetzer" und sogenannte Volksschädlinge. Und sie war nicht die einzige Guillotine, die im NS-Staat ihren Dienst tat. Alles in allem wurden in der Zeit des "Dritten Reiches" etwa 16.500 Todesurteile vollstreckt, die Guillotinierung war die gebräuchlichste Hinrichtungsmethode. Zu einem "sensiblen und pietätvollen Umgang" mit dem Fundstück gehörte zwingend, auf diese Zusammenhänge hinzuweisen.

Ein weiterer Aspekt, der in der bisherigen Diskussion über eine Zurschaustellung der Münchner Guillotine noch gar nicht oder nur am Rande zur Sprache kam: Inmitten von Polizeiwillkür und SS-Terror erzeugte ein von einem "ordentlichen" Gericht gefälltes Todesurteil doch den Anschein eines rechtsstaatlichen Verfahrens, und vielleicht sogar ein wenig mehr als das.

Auch wenn dieses Recht deformiert, pervertiert, erodiert war, auch wenn Blutrichter wie Roland Freisler die Angeklagten auf infame Weise niederbrüllten und die Rechte der Verteidiger aufs Äußerste beschnitten waren, so handelte es sich auch bei dem Verfahren gegen die Geschwister Scholl immerhin noch um ein Verfahren.

Es wurde, verbunden mit dem üblichen Papierkrieg, ermittelt, verhört, Anklage erhoben, plädiert, geurteilt, vollstreckt. "Wenn man die entsprechenden Urteile liest, hat man oft den Eindruck, das hier gut ausgebildete deutsche Juristen am Werk waren", sagt Zarusky.