Ein Hallo der besonderen Art: "Lange, sehr lange sah mich nun das Gänsekind an. Und als ich eine Bewegung machte und ein kurzes Wort sprach, löste sich mit einem Male die gespannte Aufmerksamkeit, und die winzige Gans grüßte." Das Gänsekind Martina, der prägende Aufsatz von Konrad Lorenz über die Prägung, liest sich wie eine Liebesgeschichte. Oder wie Vaterstolz.

Einen autobiografischen Aufsatz überschreibt Lorenz später Eigentlich wollte ich Wildgans werden. Wobei: Zuerst eiferte er der Eule nach, um länger aufbleiben zu können. Erst später wurde es die Gans, weil Eulen nicht schwimmen können. Außerdem liebt der kleine Konrad Lorenz Gänse, seit er Selma Lagerlöfs Die wunderbare Reise des kleinen Nils Holgersson gelesen hat.

Konrad ist ein Nesthäkchen. Als er 1903 geboren wird, ist sein Vater, ein erfolgreicher Orthopäde, schon fast 50 Jahre alt. Auf dem Landsitz der Eltern in Altenberg bei Wien zieht Knabe Konrad Entenküken groß und lernt ihre "Sprache". Gärtnerstochter Gretl hilft ihm dabei.

Der Vater lässt Konrad Medizin studieren, doch nach der Promotion kehrt der zu seiner wahren Liebe zurück, den Tieren. Er erwirbt einen zweiten Doktortitel, diesmal in Zoologie, und habilitiert sich in diesem Fach.

1927 heiratet Lorenz seine Kindheitsfreundin Gretl, die ebenfalls Medizin studiert hat. Als Assistenzärztin sichert sie den Lebensunterhalt, während Lorenz sich der Ethologie widmet, der noch brotlosen vergleichenden Verhaltensforschung.

Das Anwesen in Altenberg wird zu einer Art Privatzoo. In Lederhosen und Wollweste kümmert sich Lorenz um Hunde und Katzen, Eichhörnchen und Barsche und vor allem Federvieh: Enten, Kormorane, Adler, Papageien, Raben, Krähen. Und eben Gänse.

Lorenz schließt von der Gans auf den Menschen

Als Lorenz Martina, ihre Schwestern und Cousinen beobachtet, fällt ihm eine Besonderheit auf. Küken halten das erste bewegliche Objekt, das sie nach dem Schlüpfen erblicken, für ihre Mutter  – die "Prägung" ist entdeckt. Lorenz findet weitere angeborene Verhaltensprogramme, die durch "Schlüsselreize" ausgelöst werden. Brütende Graugänse zum Beispiel holen reflexartig ein aus dem Nest gerolltes Ei zurück. Und der große Kopf, die großen Augen und bestimmte Gesichtsproportionen eines kleinen Kindes lösen bei erwachsenen Tieren und Menschen den Beschützerinstinkt aus. Es ist das "Kindchenschema", das heute selbst Biologie-Laien bekannt ist und das Lorenz erstmals beschreibt.

Anders als die Behavioristen, die das Erlernen von Verhaltensweisen erforschen, legt Lorenz die Betonung auf das Ererbte. Der Forscher ist Darwinist durch und durch. Damit hat er es im katholischen Österreich schwer – den neuen Machthabern nach dem "Anschluss" an das nationalsozialistische Deutsche Reich 1938 gefallen dafür seine Ansichten umso besser.

Denn Lorenz schließt von Martina auf den Menschen, "von der Gans aufs Ganze" wie der Spiegel einmal titelt. Wenn das Erbgut so wichtig ist, muss "sozial minderwertiges Menschenmaterial", wie er in einem Aufsatz 1940 schreibt, "ausgemerzt" werden. Andernfalls drohe "die Verhausschweinung des Menschen", wie der wortgewandte Gelehrte an anderer Stelle erklärt.

Das NS-Regime, "die nordische Bewegung", sei auf dem richtigen Weg, wähnt das NSDAP-Mitglied: Im "Rennen um Sein oder Nichtsein sind wir Deutschen allen anderen Kulturvölkern um tausend Schritte voraus". 1940 setzt ihn der Wissenschaftsminister auf den Lehrstuhl für Psychologie der Philosophischen Fakultät der Uni Königsberg, dann übernimmt er sogar den renommierten Kant-Lehrstuhl.

Entenflüsterer und Nobelpreisträger

Kurze Zeit später wird Lorenz jedoch eingezogen und landet als Heerespsychiater und Neurologe im besetzten Polen. Dort wirkt er an einer rassekundlichen "Studie" an "Mischlingen" zwischen ethnischen Polen und Deutschen mit. Als Mord habe er den Begriff "Ausmerzen" nie gemeint, wird Lorenz sich später rechtfertigen.

1944 gerät er in sowjetische Kriegsgefangenschaft, aus der er 1948 nach Österreich zurückkehrt. Mit populärwissenschaftlichen Büchern wird er zu einem der bekanntesten Forscher seiner Zeit. Als er in den 1950er Jahren im US-Fernsehen auftritt, titelt die Herald Tribune: "He Talks Baby Ducks Into Thinking He's Mother" – er überredet Entenbabys, ihn für ihre Mutter zu halten.

Die Max-Planck-Gesellschaft richtet Lorenz ein Institut ein, er hat Honorarprofessuren in Münster und München. 1973 erscheint Die Rückseite des Spiegels, eine philosophische Schrift. Im selben Jahr bekommt er den Nobelpreis in der Kategorie Medizin oder Physiologie.

Verhaltensrepertoire aus der Steinzeit?

Als Journalisten vor der Preisverleihung seinen Aufsatz von 1940 kritisieren, distanziert Lorenz sich von der "ärgsten Nazi-Terminologie", wie er es in seiner Nobelpreis-Biografie nennt. Doch in seinem Weltbild taucht weiterhin das Thema auf, das so gut zu den Ideen der Nazis passte: Zivilisation heißt Degeneration. Im Aufsatz Das so genannte Böse von 1963 erklärt er, der Mensch sei ungeeignet, in der urbanen Welt zu überleben, weil sein Verhaltensrepertoire aus der Steinzeit stamme.

In den 1970er Jahren wird er mit seinem Engagement gegen Atom- und Wasserkraftwerke und Traktaten wie Die acht Todsünden der zivilisierten Menschheit zur Galionsfigur der jungen Umweltbewegung. Immer noch rutschen Lorenz fragwürdige Sätze durch über "Gangster", die zu viele Kinder zeugten, sodass die "ethischen Menschen" auszusterben drohten.

Lorenz stirbt am 27. Februar 1989. Er habe Tiere immer besser verstanden als Menschen, hat er einmal geschrieben. Die Menschheit blieb aus dieser Sicht wohl nur eine Art Herde.