Wellington Koo war das Küken in der Runde der überwiegend älteren Herren, die ab dem 18. Januar 1919 in Versailles die Friedensverhandlungen nach dem Ersten Weltkrieg führten. Gerade mal 30 Jahre alt war er, aber an der Columbia University in New York promoviert und seit 1915 chinesischer Gesandter in den USA.

Koo war einer der besten internationalen Politiker Chinas und ein typischer Vertreter seiner Generation. Ab 1895 schnellte die Zahl junger Chinesen, die im Ausland studierten, steil nach oben. Das Land, welches jahrhundertelang sich selbst genügt hatte, durchströmte ein internationaler, am Westen orientierter Geist. 1901 wurde erstmals ein Außenministerium gegründet, eine Forderung der Siegermächte nach Niederschlagung des sogenannten Boxeraufstandes in den Jahren 1900 und 1901.

Als Vertreter Chinas forderte Koo in den Versailler Verhandlungen insbesondere die Rückgabe des deutschen Pachtgebiets Tsingtau (damals Kiautschou). Das Deutsche Reich hatte Tsingtau 1897 im Rahmen seiner Kolonialisierungspolitik besetzt und im folgenden Jahr einen Pachtvertrag für 99 Jahre erzwungen.

Koo machte seine Sache gut, sogar der US-Präsident Wilson war von ihm beeindruckt. Mitglieder der amerikanischen Delegation beschrieben Koo als "exzellenten Redner", der die ebenfalls an Tsingtau interessierten Japaner "mit seinen Argumenten geradezu überwältigte".

In Wilson glaubten die Chinesen, einen echten Freund zu haben. Sein Plan vom Selbstbestimmungsrecht der Völker fand in China, welches sich seit Längerem von fremden Mächten gegängelt fühlte, große Zustimmung. Bereits 1916 wünschte sich der junge Mao Zedong, dass "die beiden Republiken in Ost und West eine enge Freundschaft pflegen sollten".

Mit den Mitgliedern der amerikanischen Delegation, unter anderem James T. Shotwell, tauschte sich Koo informell regelmäßig aus. Der renommierte Historiker schlug Koo sogar vor, China solle von Deutschland auch die Rückgabe der 1901 von Peking nach Potsdam gebrachten astronomischen Instrumente fordern, die im Jahre 1673 von dem Jesuitenmissionar Ferdinand Verbiest unter dem Kaiser Kangxi hergestellt worden waren.

Der größte Gegenspieler Chinas in Versailles war das aufstrebende Japan, welches seinen Einfluss in der Region durch zahlreiche zurückliegende militärische Erfolge massiv ausgebaut hatte. Japan hatte zu Beginn des Krieges bereits zwei Versuche Chinas, aufseiten der Alliierten in den Krieg einzutreten und damit an Einfluss zu gewinnen, verhindert.

Chinesische Arbeiter ersetzen in Europa Soldaten

China setzte seine Bemühungen fort mit dem "Arbeiter als Soldaten"-Programm (Chinesisch: yigong daibing), indem es ab 1916 rund 140.000 Chinesen nach Frankreich schickte, die im Eisenbahn- und Straßenbau oder der Industrie eingesetzt wurden. Frankreich und England hatten dieses Programm bereitwillig aufgenommen, da sie hierdurch eigene Arbeiter für die Front freisetzen konnten. Erst im Windschatten der USA durfte China 1917 aufseiten der Alliierten formell in den Ersten Weltkrieg eintreten.