Schon aus der Luft, vom Helikopter aus, hat Franco Nicolis den dunklen Fleck im Weiß der schneebedeckten Dolomiten erspäht. Jetzt steht der Archäologe aus Trient auf 3.000 Metern Höhe auf dem Presena-Gletscher. Neben einer Leiche. Der Tote, dessen Uniform das schmelzende Eis in diesem Sommer freigegeben hat, starb vor knapp 100 Jahren – als Soldat im Ersten Weltkrieg.

Tausende Skifahrer sind seither an seiner tief eingefrorenen Leiche vorbeigesaust. Wo sich seit 1915 Europäer die Köpfe einschlugen, verbringen sie heute zusammen den Winterurlaub. Erst seit der Erderwärmung, die alpine Gletscher schrumpfen ließ, gelangen die Körper von Verschollenen an die Oberfläche.

Nicolis und seine Helfer holen an diesem Tag zwei Körper aus dem Eis und lassen sie ins Labor nach Vicenza bringen. Die Untersuchungen ergeben: Beide Toten waren Soldaten aus Österreich, gestorben durch Granatsplitter-Verletzungen am Kopf. Sie wurden nicht älter als 23 Jahre. "Sie steckten noch in der Uniform der österreichisch-ungarischen Armee. Wir haben bei ihnen Gasmasken, eine Zigarettenspitze und einen Löffel gefunden. Sonst hatten sie nichts bei sich", erzählt der Archäologe Nicolis. Er vermutet, dass sie im Mai 1918 ums Leben kamen, als sich in den letzten Kriegsmonaten Italiener und Österreicher an der Presena-Spitze Kämpfe lieferten.

Jedes Jahr werden dem Österreichischen Schwarzen Kreuz, das sich um die Bestattung der Kriegstoten kümmert, vier bis sechs Funde aus Gletschern gemeldet. Tendenz steigend. Die Körper sind unterschiedlich gut erhalten. "Manche sind mumifiziert. Von den zwei Soldaten vom Presena-Gletscher waren praktisch nur die Knochen übrig", beschreibt Nicolis den Erhaltungszustand. "Sie wurden wahrscheinlich erst Wochen nach ihrem Tod in eine Gletscherspalte geworfen."

Verschüttet, erfroren, abgestürzt

Dort, wo sie starben, standen sich im Ersten Weltkrieg Italien und die Monarchie Österreich-Ungarn auf der höchstgelegenen Frontlinie gegenüber. Auf bis zu 4.000 Metern kämpften sie um die Gipfel des Hochgebirges. Beide Seiten konnten kaum einen Vorteil erringen und erlagen oft einem mächtigeren Feind – der Natur. Mehr als eine Million Soldaten starben wahrscheinlich in den Alpen, genaue Zahlen dazu gibt es nicht.

"Die Soldaten wurden von Lawinen verschüttet, stürzten in Gletscherspalten. Viele konnte man nicht mehr bergen und wusste am Ende nicht, wie viele umgekommen waren", sagt die Innsbrucker Historikerin Isabelle Brandauer. Sie hat sich mit dem Alltag von Soldaten an der Alpenfront beschäftigt und weiß, was sie im Überlebenskampf Erstaunliches leisteten: So trieben die Männer Gänge, Lager und Aufenthaltsräume in die Gletscher. Der Eispanzer bot Schutz gegen feindlichen Beschuss und Kälte – im Gletscher lag die Temperatur recht konstant bei circa 0 Grad Celsius. Die Soldaten lebten in der ständigen Angst, verschüttet zu werden, wenn die Eismassen sich bewegten, berichtet die Historikerin.

Soldaten bauten erste Seilbahnen in den Alpen

Um ihre Kameraden an der Frontlinie mit Nachschub zu versorgen, bauten die Österreicher ein System von Seilbahnen, die Material bis zu den höchsten Gipfeln transportierten. "Die Seilbahnen sind speziell für den Krieg entwickelt worden", sagt Harald Stadler von der Universität Innsbruck, Spezialist zum Thema Archäologie des Ersten Weltkrieges. Er schätzt, dass die Österreicher zwischen 30 und 50 Seilbahnen in Betrieb hatten.