Als Steven Spielberg 1994 das Visual History Archive für Videointerviews mit Opfern des Nationalsozialismus gründete, löste er eine ganze Welle von Nachahmern aus. Weltweit gibt es heute Archive, die Zeitzeugeninterviews konservieren und öffentlich zugänglich machen. Ihre Rolle wächst zwangsläufig, je weniger Überlebende es gibt. Umso problematischer ist es, dass kein allgemeiner Kodex existiert, wie mit dieser empfindlichen und mittlerweile überwältigend großen Datenmenge umgegangen werden soll. 

Fest steht: In spätestens 30 Jahren wird es keine Schoah-Überlebenden mehr geben. An der Frage, wie wir ihre Erinnerung bewahren, beteiligen sich aktuell Wissenschaftler quer durch die Disziplinen. So diskutierten vergangene Woche in Berlin auf dem Kongress Videographierte Zeugenschaft Psychologen, Geisteswissenschaftler und Archiv-Experten, wie Oral History in Zukunft aussehen soll.  

Seit Oktober 2011 erzählen etwa auf der Onlineplattform Gedächtnis der Nation Zeitzeugen ihre Geschichte "vom Ersten Weltkrieg bis zur Gegenwart". Per Mausklick kann sich der Nutzer durch rund 4.000 Zeitzeugen-Clips streamen, die nach Datum und Thema sortiert sind. Dann wird ausgewählt: Flucht aus Ravensbrück (4:35 Minuten) oder Brot für KZ-Häftlinge (2:30 Minuten). Das geht fix. Aufgezeichnet wurden die Filmchen im "Jahrhundertbus", einem durch Deutschland tourenden Aufnahmestudio. 

Hinter der Plattform stecken Guido Knopp, ehemals Leiter der ZDF-Redaktion "Zeitgeschichte", und stern-Chefredaktionsmitglied Hans-Ulrich Jörges. Als das "Gedächtnis der Nation" online ging, war die Resonanz erstmal positiv. Das Projekt ist spannend, ohne Frage. Es ist aktueller denn je. Und angreifbar. Darf man das? Sich "nach gusto" Erinnerungs-Clips ansehen, die authentisch scheinen, im Grunde aber nur der Rest einer Erzählung sind, die auf ein Unterthema und wenige Minuten heruntergebrochen wurde? Oder ist das der einzige Weg, auf dem man der Masse an Material überhaupt begegnen kann? Sind, gerade wenn wir unser Bedürfnis nach "echter" Geschichte stillen wollen, nicht auch Nebensachen wichtig? Was ist mit den Zeitzeugen selbst? Und welchen Anspruch dürfen wir als Zuhörer haben?

Der Zuschauer erwartet Emotionen

Das Bild der jungen Generation vom Schoah-Überlebenden hat sich in den vergangenen Jahren verändert. Und das nicht nur, weil Auschwitz mit größerem zeitlichen Abstand zwangsläufig auch abstrakter wird. Die mediale Inszenierung der Zeugen, die dem Massenmorden der Nazis entkamen, ist von Emotionen bestimmt. Dabei entsteht beim Zuschauer eine fragwürdige Erwartungshaltung. 

Martin Lücke, Professor für Geschichtsdidaktik an der Freien Universität Berlin, erinnert sich an eine Szene im Klassenraum. Er hatte seinen Schülern einen Film mitgebracht, auf dem ein Interview mit Gerhard Steinhagen zu sehen war. Steinhagen überlebte Theresienstadt, Auschwitz I und Auschwitz-II-Birkenau, er erzählt ruhig und monoton davon. Am Ende der Stunde beschwerten sich die Schüler über die fehlende Emotionalität des Videos. "So, als kämen sie aus dem Kino oder Theater." Das "echte", das wir in der Begegnung mit dem Zeugen suchen, sagt Lücke, sei im Grunde eine Illusion. "Wir müssen eine Möglichkeit finden, diese Videos auch als Quellen zu begreifen. Aber da haben wir den Stein der Weisen noch nicht gefunden."

Im Fernsehen hat Geschichte längst Event-Charakter bekommen. "Die begleitende Dokumentation erzählt die realen Geschichten von Zeitgenossen", moderierte das ZDF den Nachklapp zu seinem Quotenhit Unsere Mütter, unsere Väter an, als der 2013 in drei Teilen ausgestrahlt wurde. "Reale Geschichten", das funktioniert. Das gibt dem Weltkriegs-Epos guckenden Zuschauer auf der Fernsehcouch ein Authentizitätsgefühl, das keine Filmmusik braucht. Die Bochumer Soziologin und Sozialpsychologin Kristin Platt findet das Doku- oder "Histotainment", das mit Hilfe dramaturgisch zusammengeschnittener Zeitzeugeninterviews seit ein paar Jahren die mediale Agenda füllt, völlig daneben. "Oft überfällt man da Zeitzeugen in ihrer Wohnung, baut Kameras und Scheinwerfer auf, setzt die Leute ein paar Mal um, fragt noch kurz was und tschüss."

Sie selbst interviewt seit mehr als 20 Jahren Genozid-Überlebende, und hat Gutachten geschrieben, als deren Renten wegen "Unglaubwürdigkeit" abgelehnt wurden. Ein Gespräch, das den Zeugen schützt, braucht in erster Linie Zeit, findet Platt. "Wenn man einem Zeitzeugen sagt: Du hast eine Stunde, erzähl uns dein Leben, dann wird er uns nicht sein Leben erzählen. Sondern die Geschichte, die wir hören wollen."