Hunderttausende erinnern mit einer Mahnwache im Victoria Park in Honkong an die Opfer und Verletzten des Tiananmen-Massakers im Juni 1989. © Bobby Yip/Reuters

Es ist eine heikle Expedition. Shorts, Wanderrucksack, Schweißtuch, so stapft das Touristenpaar durch Hongkongs Häuserschluchten. Der Mann und die Frau, Mittvierziger aus der zentralchinesischen Metropole Wuhan, haben von Freunden erfahren, dass es hier etwas Unerhörtes, in ihrer Heimat Verbotenes zu sehen gibt: das 4.-Juni-Museum. Es ist den Ereignissen auf dem Pekinger Tiananmen-Platz, dem Platz des Himmlischen Friedens, gewidmet, die vor 25 Jahren China und die Welt den Atem anhalten ließen.

Hunderttausende Menschen hatten sich auf dem Platz versammelt, forderten demokratische Reformen, Meinungs- und Pressefreiheit. Studenten, Arbeiter, Beamte – die Aufbruchstimmung ergriff viele Teile der Gesellschaft. Die Musiker des Pekinger Symphonieorchesters brachten damals ihre Instrumente auf den Platz und spielten Beethovens Ode an die Freude. Am 31. Mai 1989 errichteten Kunststudenten eine weiße, sieben Meter hohe Statue aus Pappmaschee, die, wie eine Schwester der Freiheitsstatue, eine Fackel in den Himmel reckte. Für drei Tage war die "Göttin der Demokratie" auf Augenhöhe mit dem überlebensgroßen Porträt von Mao Zedong, das den Platz noch heute überblickt. Die Statue fiel, als in der Nacht vom 3. auf den 4. Juni die Panzer der Volksarmee heranrollten und Hunderte Demonstranten starben.

Ein Vierteljahrhundert später scheint China den Atem noch immer anzuhalten. Was 1989 passierte, darüber herrscht Schweigen. Zeitungen und Schulbücher verlieren darüber kein Wort. Öffentliche Gedenkveranstaltungen sind verboten. Internetseiten oder Mitteilungen des chinesischen Kurznachrichtendienstes Weibo zu diesem Thema werden mit viel Aufwand zensiert. "In China gibt es nur eine einzige Stimme", sagt der Tourist aus Wuhan. Schweigt sie, herrscht im ganzen Land Stille – zumindest offiziell. Eine Ausnahme ist die ehemalige britische Kolonie Hongkong, wo noch immer Sonderrechte wie Presse- und Versammlungsfreiheit gelten.

Eine Seitenstraße, ein unscheinbarer Hauseingang, eingezwängt zwischen zwei Kneipen: Endlich ist das Museum gefunden, von dem sein Kurator sagt, es sei das wahrscheinlich kleinste, doch vermutlich auch das einflussreichste der Welt. Erreichbar ist es über einen Aufzug. Es befindet sich im fünften Stock. Am Eingang des Museums, auf einer Spendenbox, steht eine weiße Miniaturstatue. Sie reckt eine Fackel in die Höhe.

Die eigene Vergangenheit lockt ins Museum

"Wir müssen uns gegen den Versuch der Kommunistischen Partei auflehnen, das Geschehene aus der Geschichte zu tilgen", sagt Lee Cheuk-yan, einer der Initiatoren des Museums. Lee ist Gewerkschaftsführer, Mitglied des Legislativrates von Hongkong und Vorsitzender der im Mai 1989 gegründeten Organisation Hongkonger Allianz zur Unterstützung der patriotischen demokratischen Bewegungen in China. Ende April öffnete das Mini-Museum seine Pforten. Seitdem kamen rund 6.000 Besucher. Auf 75 Quadratmetern soll dank Originaldokumenten, Fotos und Augenzeugenberichten Totgeschwiegenes zu neuem Leben erwachen. In einem dunklen Nebenraum sind 15 Plastikstühle aufgestellt und eine Leinwand: Mütter erzählen in Endlosschleife, wie ihre Kinder in jener Nacht nicht nach Hause kamen. Wie übel sie zugerichtet waren und wie sie stanken in der Leichenhalle.

Klicken Sie auf das Bild, um eine Fotostrecke mit Aufnahmen der Proteste von vor 25 Jahren auf dem Platz des Himmlischen Friedens anzusehen. © Catherine Henriette/AFP/Getty Images

"Es gibt Leute in China, die sagen uns, man solle doch nicht in alten Wunden bohren und die Geschichte Geschichte sein lassen", erzählt Johnny Li, einer von drei Angestellten des Museums. "Interessanterweise sind das oft genau diejenigen, die keinesfalls die japanische Invasion Chinas im Zweiten Weltkrieg vergessen wollen oder die noch weiter zurückliegenden Einmärsche der europäischen Kolonialmächte."

Viele Museumsbesucher haben eine persönliche Beziehung zum 4. Juni 1989, wie das Touristenpaar aus Wuhan. Beide verfolgten die Proteste ihrer Pekinger Kommilitonen als junge Universitätsabsolventen damals aus der Ferne, aber mit viel Sympathie. Andere, sagt Johnny Li, wollten einfach bloß wissen, was passiert ist. Wie es so weit kommen konnte. Was aus den Anführern der Protestbewegung wurde. Besonders jüngere Festlandchinesen wissen bisweilen wenig. Die staatlich verordnete Tabuisierung wirkt.

Li selbst war acht Jahre alt, Grundschüler, als es passierte. Lehrer sprachen von "Aktivitäten", die in Peking vor sich gehen. Das Hongkonger Fernsehen unterbrach Lis geliebte Cartoons für Sondersendungen. Seine Eltern mieden das Thema: Politik sei schmutzig, korrupt, gefährlich. Später sprach er mit Freunden über die "Aktivitäten". Las Geschichtsbücher. So wurde, trotz aller Warnungen, sein politisches Interesse geweckt. All das führte ihn schließlich in das Museum, das dieser Tage im Zentrum der politischen Aufmerksamkeit Chinas steht. Zu merken ist das unter anderem daran, dass die Museums-Website (www.64museum.org) derzeit selbst in Hongkong nur noch schwer zugänglich ist.