Roland Jahn, der derzeitige Bundesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen, zitiert in Gesprächen über die DDR gern ein Sprichwort. "Auch in der Diktatur scheint die Sonne, aber leider nicht für jeden", sagt der einstige Bürgerrechtler. Was am 9. Oktober 1989 in Leipzig geschah, lässt sich als solch Sonnenaufgang werten – für all jene, die jahrzehntelanger Kontrolle und Repression durch Staat und Staatssicherheit genug hatten. Die Menge von Zehntausenden Menschen ließ die Staatsmacht im Osten Deutschlands brechen. Der Demonstrationszug entlang des Stadtrings sandte ein Signal: Dieses Land ändert sich jetzt. 

Die DDR-Flüchtlinge im ungarischen Sommer waren der Keim des Umbruchs, dann folgten die Wartenden in der Prager Botschaft. Dann die Züge, mit denen sie Anfang Oktober in die Freiheit reisten, die noch chaotischen Demonstrationen von Dresden, Ostberlin und Plauen. Bis hierhin hätte die Staatsmacht die Revolution stoppen, den Protest niederschlagen können. Wie 1953.

Am 9. Oktober zogen in Leipzig nach dem wöchentlichen Friedensgebet in der Nikolaikirche etwa 70.000 Menschen um das Zentrum. "Jetzt oder nie, Demokratie", riefen sie. Und "Gorbi!", die Internationale schallte über die Straßen. Historiker wie Rainer Eckert, der Direktor des Zeitgeschichtlichen Forums in Leipzig, sieht diese Demonstration als den Durchbruch auf dem Weg der DDR-Bürger in die Freiheit.

Ob die Mauer ohne den 9. Oktober gefallen wäre, darüber streiten die Zeitzeugen. Für Helmut Kohl war es die Schwäche der in einer Reform befindlichen Sowjetunion, für Wolfgang Thierse das Volk. Für die These des Sozialdemokraten sprechen der Druck der Fluchtbewegung, hinzu kommt die gewaltige Menge an Demonstranten, der die Staatsmacht kein taugliches Mittel mehr entgegenzusetzen hatte. Und der lange historische Vorlauf der Leipziger Friedensgebete.   

Bereits seit 1982 versammelten sich in der Nikolaikirche montags Menschen. Unter dem Schutz der Kirche sprachen sie in kleinen Gruppen über den Kalten Krieg, die Hochrüstung, die gewaltigen Umweltschutzprobleme der DDR. Unter dem Pfarrer Christian Führer wurde der Austausch zum Protest, der sich auch vor der Kirchentür fortsetzte. 

Video-Copyright: Aram Radomski / Siegbert Schefke

Besonders im ostdeutschen Gedächtnis hat sich die Luxemburg-Liebknecht-Demonstration am 15. Januar 1989 festgesetzt. Auch der Protest am 7. Mai nach dem Betrug zur Kommunalwahl gehört zu dem markanten Ereignissen. Am Abend des 4. September dann gingen in Leipzig nach dem Friedensgebet bereits 1.200 Menschen auf die Straße, am 2. Oktober waren es 20.000. "Doch sie hatten noch nicht die Kraft und den Mut, einmal die Innenstadt zu umrunden", sagt Historiker Eckert.

 Der Zug löste sich auf, bevor er auf dem Leipziger Ring das Gebäude der Bezirksverwaltung der Staatssicherheit erreichte, die sogenannte Runde Ecke. Eine Woche später war das anders. Von der Nikolaikirche zogen die Demonstranten zum heutigen Augustusplatz, weiter zum Hauptbahnhof, vorbei an der Stasi-Zentrale und dann einfach weiter. Am 9. Oktober umrundete der Demonstrationszug das Leipziger Zentrum vollends – ein Sieg der Straße.

 Wie viele Menschen an diesem Abend den Rufen "Schließt euch an!" folgten, war lange strittig. Zwei Tage zuvor, in Plauen, hatten sich Schätzungen zufolge zwischen 10.000 und 20.000 Demonstranten versammelt. "Doch die Diktatur wäre aufgrund der Proteste in Plauen nicht ins Wanken gekommen", ist sich Eckert sicher. Erst die  Menschenmasse des 9. Oktober in der Bezirksstadt Leipzig ließ die Führung resignieren. Die Staatssicherheit schrieb in einem Bericht von 50.000 bis 60.000 Menschen. Später berechnete man anhand von Bildaufnahmen eine Zahl von 70.000.

Es war knapp

 Die Staatsführung hatten mit diesem Andrang nicht gerechnet. Ging die Polizei in Ostberlin und Dresden noch mit Gewalt gegen die Protestierer vor, blieb es in Leipzig friedlich. Polizei, Stasi und die aus Arbeitern rekrutierten Kampfgruppen waren zwar mit 6.000 Mann angerückt. Deren Anweisung lautete, den Aufmarsch zu verhindern – auch wenn es keinen Schießbefehl gab. Doch die Gegenwehr blieb aus. Mit 70.000 Demonstranten hatte keiner gerechnet.

Dennoch war es knapp:  "Hätte ein Offizier die Nerven verloren oder ein Demonstrant Steine geworfen, wäre die Sache aus dem Ruder gelaufen", sagt Eckert. Dass die Menschenmenge friedlich blieb, bewirkten auch drei Aufrufe zur Gewaltlosigkeit. Bürgerrechtler hatten 25.000 Flugblätter gedruckt. Hinzu kam die protestantische Tradition des Gewaltverzichts – die Basis der Montagsdemonstrationen. Überliefert ist auch eine Rede des Pfarrers Christoph Wonneberger, der in Anlehnung an die biblische Bergpredigt die "Macht der SanftMutigen" pries.

 Auch in den Folgetagen ließ die Staatsmacht die Demonstranten gewähren. Dazu trugen auch die Fernsehberichte der Westsender bei, die im größten Teil der DDR empfangen werden konnten. Offiziell hatten ausländische Journalisten am 9. Oktober Zugangsverbot. Doch selbst die Stasi konnte nicht verhindern, dass die Tagesthemen nur einen Tag später Bilder aus Leipzig sendeten. Die Oppositionellen Siegbert Schefke und Aram Radomski hatten mit einer Kamera den Turm der evangelisch-reformierten Kirche am Tröndlinring erklommen. Sie ließen die Kamera laufen, auf den Bildern sind die Menschen auf den dürftig beleuchteten Straßen kaum zu erkennen. Doch die Sprechchöre sind gut hörbar.

Mut durch das Westfernsehen

 Spiegel-Korrespondent Ulrich Schwarz schmuggelte die Kassetten von Leipzig nach Westberlin. Roland Jahn schnitt das Material für diverse Sendungen von ARD und ZDF. Der Jenaer Dissident arbeitete damals in der Redaktion des ARD-Magazins Kontraste. 1983 hatte ihn die DDR wegen staatsfeindlicher Betätigung  ausgebürgert. Von Westberlin aus baute Jahn ein Netzwerk der Bürgerrechtler aus Ost und West auf. In der DDR akkreditierte Journalisten, Politiker und Diplomaten schmuggelten Bücher, Druckmaschinen und Kameras in die DDR. Und Filmmaterial in den Westen.

 In Jahns Erinnerung ist die Zeit fest verankert. "Als ich die Bilder aus Leipzig in Berlin im Schneideraum sah, da war ich sehr emotional", sagt er. "Die Menschen hatten die Angst verloren vor den Machthabern und ich wusste, dass damit das Ende der Diktatur eingeläutet war." Dass die Bilder über das Westfernsehen in der DDR zu sehen waren, habe vielen Mut gemacht.

Als die DDR-Bürger den Erfolg von Leipzig im Westfunk sahen und hörten, war die Revolution nicht mehr aufzuhalten. Eine Woche später versammelten sich in Leipzig 120.000 Demonstranten, am 23. Oktober etwa 300.000. Hinzu kam die Erosion der Macht in Ostberlin. "Die herrschende Klasse hatte wohl auch den Glauben an sich verloren", sagt Eckert.​