Zwi Steinitz hat den Holocaust überlebt. Er war inhaftiert, wurde gefoltert. Gebrochen aber haben ihn die Nationalsozialisten nicht. 70 Jahre nach der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz erzählt er seine Leidensgeschichte. Er will für all jene Menschen sprechen, die zum Schweigen gebracht wurden.

Ich bin ein Überlebender. Am 3. Mai 1945 haben mich die Amerikaner vor den Toren Schwerins von den Nationalsozialisten befreit. In Auschwitz hatte ich von diesem Moment immer wieder geträumt. Zum Glück kam in meinen Träumen nicht vor, wie oft ich dem Todesengel bis dahin entfliehen musste. Ich weiß nicht, ob ich sonst durchgehalten hätte.

Doch lassen Sie mich von vorn beginnen. Als Helmut Steinitz bin ich in einer deutsch-jüdischen Familie im polnischen Posen aufgewachsen. In meinem Leben herrschte die deutsche Kultur: Wir sprachen Deutsch, ich bin in die Schiller-Schule gegangen, wir hörten viel klassische Musik, Mutti spielte Klavier, Vati trug Gedichte von Heine und Goethe vor. Es war eine erfüllte Jugend, die mit zwölf Jahren enden sollte.

1939 beschloss SS-Anführer Himmler, aus den Gebieten um Posen eine "blonde Provinz" zu machen. Meine Familie wurde enteignet, vertrieben und wochenlang in Warschau interniert. Was sollte aus uns werden? Wo sollten wir hin? Meine Eltern beschlossen, mit der Eisenbahn nach Krakau zu reisen. Das war Juden bereits untersagt. Also legten wir unsere weißen Armbinden mit dem Davidstern ab, um unerkannt zu bleiben. Im Zug kauerten mein Bruder und ich uns auf den Boden, mein Gesicht, versteckt zwischen den Beinen der Eltern, war mit einem Schal bedeckt. Ich sah zu jüdisch aus. Ich wusste, wir sind in Gefahr.

"Sind hier Juden?", hallte es plötzlich durch das Abteil – "Sind hier Juden?" Das wahnsinnig laute Geschrei machte mir erstmals völlig klar, wohin ich gehöre. Doch niemand hat uns verraten. Ob sie es wussten oder nicht.

In Krakau lebten wir im jüdischen Ghetto. Das bedeutete einige Entbehrungen, aber das Leben verlief weitestgehend geordnet. Bis zum 31. Mai 1942. Dann musste man plötzlich eine Aufenthaltsgenehmigung für das Ghetto bekommen. Was geschehen würde, wenn man sie nicht erhielt, wussten wir nicht.

Wir haben stundenlang vor dem Meldebüro gestanden, bis wir in einen breiten Korridor kamen, der links und rechts mit Tischen gesäumt war. Hinter jedem saß ein Gestapo-Mann. Ein jeder hatte das Recht, das Schicksal ganzer Familien zu bestimmen.

Die Abfertigung verlief schnell: Es gab eine Kennkarte. Wer die Genehmigung erhielt, bekam darauf einen Stempel. Alle anderen wurden durchgestrichen. Meine Eltern haben nicht geglaubt, dass gerade ich – das Muttersöhnchen mit dem jüdischen Aussehen – eine Genehmigung bekomme.

Der Tisch für alle, deren Nachname mit S beginnt, stand direkt am Eingang. Es gab nur wenige Menschen, die dort Schlange standen. Wir reihten uns ein, ich zuletzt. In diesem Moment wechselte die Schicht, ein neuer Mann wurde unser Richter. Ich blickte ihn an. Die Angst, in der ich seit der Enteignung lebte, hat meine Lebensinstinkte wachsam gehalten. Sein Gesichtsausdruck hatte etwas Mörderisches. Ich hatte Sekunden, einen Beschluss zu fassen. Da sprach eine Stimme in meinem Kopf: "Flieh aus dieser Reihe." Und ich bin gerannt zum Tisch L. Ohne meinen Vater, meine Mutter, meinen Bruder. Ich bekam den Stempel, sie nicht.

Das Vertrauen in meine Eltern war groß. Sie werden es meistern, dachte ich. Am 1. Juni schickte die SS sie und meinen Bruder in das Vernichtungslager Belzec. Dort wurden sie ermordet.

Mit 15 sieht Steinitz seine Eltern zum letzten Mal

Es war mein 15. Geburtstag, als ich Mutti und Vati zum Sammellager begleitete. Dort trafen all jene zusammen, die fortgebracht werden sollten. Zwei SS-Männer beobachteten gleichgültig die Menschen, die sich entkräftet in ihren Tod schleppten. "Ihr Mörder, ihr Verbrecher!", schrie mein Vater. Zweimal. Sie haben die Pistolen gezogen und ihn durch das Tor gestoßen.

Selbst da habe ich nicht geglaubt, dass mein Vater in den Tod geht. Erst später habe ich verstanden, dass Menschen, die SS-Offiziere beleidigen, nichts mehr zu verlieren hatten.

Erst als Erwachsener wurde mir begreiflich, welch großes Leid meine Eltern erlebten, wissend, dass sie sich und ihre Kinder nicht würden retten können.

Als Krakau geräumt wurde, siedelte man mich in ein Arbeitslager nach Plaszow um. Man hatte mir keine Arbeit zugeteilt. Ohne Geld, ohne Essen sprach ich in meiner Not einen deutschen Feldwebel an, der Mechaniker und Schlosser für den Heereskraftfahrpark (HKP) suchte. So kam ich zu Essen – und traf ohne mein Wissen erneut eine Entscheidung, die ich zwar verteufeln, die mir aber das Überleben sichern sollte.

Eines Tages wurde ich aus Plaszow weggebracht. Bis ich in Auschwitz landete, kannte ich mein nächstes Ziel nicht. Als ich ankam, war ich kaum zu etwas zu gebrauchen. Entkräftet und gefügig war ich in den Zug gestiegen, als man es mir befahl. Nach Stunden Enge und Gestank sah ich die Schilder durch die Schlitze der Waggons: Auschwitz – davon hatte ich gehört.

Wäre ich nicht beim HKP gewesen, sie hätten mich wohl schon zuvor aussortiert und getötet. Eine meiner Aufgaben war es von nun an, glühendes Eisen mit einem Hammer plattzuschlagen. Doch ich hatte keine Kraft dazu. Nicht nur, dass ich schikaniert und fast totgeschlagen wurde, weil ich nicht in der Lage war, zu arbeiten. Auch wurde ich in einen Block versetzt mit lauter Kriminellen. Da habe ich es bereut, mich in Plaszwo als Schlosser gemeldet zu haben.