Gundhardt Ludwig ist schwer irritiert. Die Stasi-Unterlagenbehörde hat ihm die Kopien einer Karteikarte ins hessische Herbstein geschickt. Sie stammt aus den Hinterlassenschaften der DDR-Geheimpolizei, wurde angelegt in der Kreisdirektion Saalfeld am 18. Dezember 1986 und gehörte zum Operativen Vorgang "Muster". Unter mehreren Ergänzungen aus dem Jahr 1987 findet sich auf der Rückseite der Karte ein Eintrag "KD Saalfeld, MA Thielemann, Akte vernichtet evtl. verfilmt A 802/89". Datum: 20. November 1992.

1992? Drei Jahre nach dem Mauerfall? Für Ludwig gibt es nur einen Schluss: Die Stasi muss auch 1992 noch aktiv gewesen sein – die Wende war offenkundig im thüringischen Saalfeld damals noch nicht vollzogen. 

Der rätselhafte Eintrag ließe sich recht einfach klären. Doch Ludwig bleibt bei seiner Annahme. Er sieht sich, wie Tausende andere, vom Staat enttäuscht. Sein Problem: Das wiedervereinigte Deutschland billigt DDR-Flüchtlingen heute weniger Rente zu als bei deren Ankunft in der BRD versprochen. Das 1990 geschaffene Rentenüberleitungsgesetz verursachte vielen Ex-DDR-Bürgern plötzlich Einbußen, denn es erfasste auch Flüchtlinge, die schon lange im Westen lebten und deren Rente sich nach altbundesdeutschem Recht richtete.

Der Staat als unkontrollierbarer, wortbrüchiger Gegner? Das passte zu Ludwigs Theorie von der untoten Stasi. Auch der 1988 aus DDR-Haft freigekaufte Tübinger Lutz Kersten kämpft um jene volle Rentenhöhe, die ihm der damalige Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble bei der Ankunft im Westen per Informationsblatt zusicherte. Die DDR hatte den in Stendal bei Magdeburg aufgewachsenen Kersten ins Gefängnis gesteckt, weil er in Berlin eine Demonstration organisiert und bundesdeutschen Politikern von seinem Ausreiseantrag erzählt hatte.

Viele unbelegte Behauptungen

Wer zum Thema Stasi recherchiert, hört viele solche Leidensgeschichten: über Jahre in politischer Haft, Fluchterlebnisse, Zerwürfnisse zwischen Eltern und Kindern, von der Stasi erpresste Mütter, den harten Kampf der Betroffenen um Anerkennung. Man wird überhäuft mit Zeitungsartikeln, Weblinks, Aktenkopien, Büchern, Gerichtsdokumenten, Klageschriften. Betroffene wittern ihre Chance auf ein offenes Ohr für ihre Versionen der Geschichte. Aus dem Telefonhörer dringen Gerüchte, Vermutungen und unbelegbare Behauptungen. Viele DDR-Opfer ziehen vor Gericht, etwa gegen die Stasi-Unterlagenbehörde – wegen Untätigkeit bei der Bearbeitung ihrer Auskunftsersuchen. Gundhardt Ludwig etwa klagt beim Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe. Viele organisieren sich in Opferhilfe-Vereinen und Interessensgemeinschaften.

Wer auch auf diese Weise nicht zu seinem Recht kommt, sucht im Netz Gehör. Adam Lauks etwa hat sich zum Aufklärer in eigener Sache gemacht. Der Jugoslawe kam mit der DDR in Konflikt, weil er dort illegal mit Quarzuhren handelte – importiert über graue Kanäle. Seine damalige Partnerin habe ihr Kind in einem Stasi-Verhör verloren, erzählt er. "Letzter Versuch (m)einer Aufarbeitung" ist sein Blog überschrieben, in dem er penibel seinen Fall dokumentiert – die Erfahrungsberichte, die Gerichtsverfahren, bis hin zur Rücktrittsforderungen gegen den einstigen Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen, Joachim Gauck.  

Das sind nur einige Fälle, auf die wir bei der Recherche zu unserem Dossier Die Stasi lebt gestoßen sind. Einige Gesprächspartner fanden wir über ein Zeitzeugenportal, und nach einem Leseraufruf meldeten sich Dutzende Menschen, die bereit waren, über sich zu sprechen. Das Dossier erzählt die Geschichten derer, die durch das Lesen ihrer Stasi-Akten einen ganz neuen Blick auf ihre Vergangenheit erhielten. Sie wissen jetzt, dass sie die Falschen verdächtigten, sie wissen, warum sie unerwartet aus der Haft freikamen, sie wissen, mit welch perfidem Plan die Stasi ihren Widerstand gegen das Regime brechen wollte. Und weil das ihr Leben veränderte, ist die Stasi in diesem besonderen Sinne auch heute noch lebendig.  

Nicht mehr mit den Spitzeln unterhalten

Das zeigt auch die Leserdiskussion zum Dossier: In den Kommentaren werden viele Fragen gestellt. Mehrere Leser wollten wissen, ob nicht Rachegelüste aufkeimen, wenn man liest, wer einen bespitzelte. Nein, war die Antwort unserer Protagonisten. Sie habe ja auch keinen Schaden einzuklagen, schrieb Susannne Concha Emmrich, die aus den Akten erfuhr, dass sie jahrelang den Falschen verdächtigt hatte. Entschuldigt habe sich bei ihm niemand, schrieb Rainer Eckert, dessen IM-Spitzel wir für unser Dossier gefunden und aufgesucht hatten. Er wolle sich aber auch nicht mit seinen ehemaligen Spitzeln unterhalten, sagt er. Er habe das einmal versucht – erfolglos.  

Nicht minder groß war das Interesse an der Frage, wie sich die Dauerbeobachtung in der DDR auch heute noch auf soziale Beziehungen auswirkt. Siegfried Reiprich, den die Stasi in Jena zu zersetzen versucht hatte, schrieb, das komme "auf den Grad der Selbstreflexion und das soziale Umfeld an". Der Historiker mahnt, auch in der Demokratie umsichtig und vorsichtig zu sein. 

Auch die Frage nach einem Schlussstrich unter der DDR-Aufarbeitung beschäftigt viele: "Es gibt aktuell viel größere Probleme und lückenlosere Überwachung als zu DDR-Zeiten", schreibt Leser Kleinkapitalist. Leser Puc widerspricht, die Akten sollten offen bleiben, solange es noch ehemalige DDR-Bürger gibt. Ellrich001 plädiert, wie andere Leser auch, für eine gründliche Aufarbeitung, "weil es wieder passieren kann, das, was war in der DDR".

Was ist mit Merkel und Gauck?

Ausführlich stritten die Leser über die Frage, ob die NSA schlimmer sei als die Stasi. Viele warnten vor diesem Vergleich. Ja, auch die NSA spioniere auf umstrittene Weise Behörden und Bürger aus. Die Stasi aber diente, wie Leser Suryo schreibt, der "Durchsetzung einer bestimmten Ideologie und der Sicherung der Herrschaft einer kleinen Elite".

Auch die Frage, ob Angela Merkel oder Joachim Gauck der Stasi dienten, war Thema. Im Netz kursierende IM-Decknamen wurden genannt, verbunden mit der Bitte an unsere Redaktion, dem Verdacht nachzugehen. Unbestritten ist, dass die Bundeskanzlerin in der DDR-Jugendorganisation FDJ aktiv war und dass Gauck als Pfarrer berufsbedingt Kontakt zu Staatsfunktionären hatte. Dass Weiteres verborgen ist, scheint abwegig. Die Vergangenheit beider ist bis heute hinreichend ausgeleuchtet.

Auch der Verdacht von Gundhardt Ludwig ist ausgeräumt, die Stasi habe noch 1992 in Thüringen ihr Unwesen getrieben. Eine der ihm zugeschickten Kopien zeigt die Vorderseite der Karteikarte. Bei der anderen Kopie aber handelt es sich nicht wie angenommen um die Rückseite, sondern um eine andere Karte mit einer Notiz von einem Mitarbeiter der Stasi-Unterlagenbehörde. Diese Karte war ein sogenanntes Findmittel, "um archivische Informationen aus der Erschließung zu ergänzen", wie die Stasi-Unterlagenbehörde auf Nachfrage erläutert. Die Karte sollte helfen, die Übersicht über die Papiere und Personen zu behalten.

Dennoch räumen die Stasi-Aufarbeiter einen Fehler ein: Es sei unüblich, für die Akteneinsicht solch ein Findmittel mit herauszugeben, gibt eine Sprecherin zu, "nicht zuletzt, weil es zu so einer Verwirrung beiträgt." Zumindest Ludwig hat jetzt Klarheit.