Ein halber rechter Unterkieferknochen und fünf Zähne – das Fundstück "Penghu-1" ist das erste Fossil eines primitiven menschlichen Vorfahren, das in Taiwan entdeckt wurde. Mit ihm will ein Forscherteam eine geografische Lücke der asiatischen Fundbestände schließen und zeigen, dass die Homininen vor 2,5 Millionen bis 10.000 Jahren eine äußerst heterogene Sippe waren. Ein ambitioniertes Vorhaben.

Seit Längerem ist bekannt, dass Asien die Heimat zahlreicher Homininen während des Pleistozän war. So belegen Funde die damalige Existenz des robusten Homo erectus – gefunden in Java und China –, des zierlichen Homo floriensis aus Indonesien, des Neandertalers sowie der Denisova-Menschen aus dem russischen Altai-Gebirge. Wer mit wem wie verbandelt war und ob überhaupt, ist dabei bestimmendes Thema reger Diskussionen. Auch, weil die Theorien nur zu oft auf wenigen versteinerten Knochen basieren.

Es sei unerlässlich, weitere Fossilien zu finden, um die Evolution des Menschen in der Region zu verstehen, schreiben die Forscher um Chun-Hsiang Chang vom National Museum of Natural Science in Taiwan. Große Teile Ostasiens seien noch unerforscht, der Stammbaum des Menschen sicherlich verästelter als bisher gedacht. Wie Recht sie haben, zeigt Penghu-1, benannt nach der gleichnamigen Inselgruppe in dessen Nähe er die Jahrtausende überdauert hat (Chang et al., 2015).

Penghu-1 ist zwischen 190.000 und 10.000 Jahren alt

Der prähistorische Unterkieferknochen wurde mitsamt anderer Fossilien 25 Kilometer vor der Küste Taiwans aus dem Wasser gezogen. Zu Lebzeiten des vermeintlich neuen Mitglieds der Homo-Familie erstreckte sich hier trockenes, bewohnbares Land – zumindest wenn der Knochen tatsächlich aus dem Jungpleistozän stammt.

Nach Jahren im salzigen Wasser, war es den Paläontologen allerdings nicht mehr möglich, das genaue Alter direkt zu bestimmen. Vielmehr berechneten sie auf Grundlage anderer, bereits datierter Fossilien einen ungefähren Wert. Demnach dürfte der Knochen zwischen 190.000 und 10.000 Jahren alt sein. 

Auffällig ist die primitive Beschaffenheit des Unterkiefers. "Während des Pleistozäns sind die Kiefer und Zähne der Homo-Arten immer weiter geschrumpft", schreiben die Forscher. Das zumindest sei der bislang beobachtete Trend. Nun sind die Beißwerkzeuge des taiwanesischen Vertreters jedoch weit robuster als beispielsweise die der Homo erectus aus Java, die schon vor 800.000 Jahren lebten. "Diese 'klassischen' Homo erectus könnten also einen anderen Ursprung gehabt haben", ziehen Chang und Kollegen das Fazit in Nature Communications.

Dafür würden auch Ähnlichkeiten mit einem anderen Fund aus Südchina sprechen. So zeigt Penghu-1 Übereinstimmungen mit zirka 400.000 Jahre alten Homininen-Resten aus einer Höhle in Hexian (Xing et al., 2014). Die Zähne, Schädel- und Kieferknochen gehören wohl ebenfalls zu einer in Asien bislang unbekannten, ausgestorbenen Homo-Art.

Zusammengenommen deutet für die Forscher aus Taiwan einiges darauf hin, dass in Ostasien mehrere Homininen-Linien gleichzeitig im Pleistozän gelebt haben, bevor der moderne Mensch die Region vor 40.000 Jahren erreichte.

Eine angreifbare Hypothese. "Leider ist die Datierung sehr grob, sodass die Bedeutung des Fundes in der Entwicklungsgeschichte unklar ist", sagt der Paläoanthropologe Friedemann Schrenk vom Senckenberg Institut. Der Knochen erweitere die geografische Region von Frühmenschenfunden nur gering.

"Falls aber ein geologisches Alter von mehr als 35.000 Jahren nachgewiesen könnte, würde das bedeuten, dass eine gewisse Vielfalt an Menschen schon vor der Besiedlung durch Homo sapiens bestanden hätte", sagt Schrenk. Homo erectus hätte dann eine geografische Variante ausgebildet, wie in Europa mit den Neandertalern. Das wäre durchaus bemerkenswert – ist aber bislang nur eine von vielen Möglichkeiten.