Es waren Momente zwischen Revolutionsalltag und Politmärchen: Am 15. Januar 1990 versammelten sich vor der Berliner DDR-Zentrale der Staatssicherheit Tausende Demonstranten. Die oppositionelle Bürgervereinigung Neues Forum hatte zwei Monate nach dem Mauerfall im November zur Kundgebung Fantasie gegen Stasi und Nasi geladen. Die Idee war, die Eingänge des Gebäudes symbolisch einzumauern. So wollte sie den Betrieb der Stasi, die damals schon in Amt für Nationale Sicherheit, kurz Nasi, umbenannt worden war, lahmlegen. Doch das Volk forderte mehr.

Unter lauten "Stasi-raus"-Rufen heizte sich die Stimmung vor der Festung im Stadtteil Lichtenberg auf. Dazu trugen sowohl Berichte über die Vernichtung von Akten bei wie auch die zwischenzeitlich geplante Restauration der Geheimbehörde in einen Nachrichtendienst sowie einen Verfassungsschutz. Einzelne Demonstranten kletterten über das Eingangstor. Bürgerrechtler versuchten vergebens zu beschwichtigen.

Unter nicht ganz geklärten Umständen öffneten sich schließlich die Tore und das Unvorstellbare wurde Realität: Das Volk eroberte die über Jahrzehnte abgeschirmte Stasifestung – ohne Gegenwehr. Scheiben klirrten, Türen wurden eingetreten, Papier flatterte umher, viele nahmen sich Souvenirs aus den Büros mit oder posierten damit. Die Umstände nährten Spekulationen, wonach Stasileute die Erstürmung befördert hatten, um die Opposition in Misskredit zu bringen. Geheimdienstler sollen sich außerdem an die Spitze der Menge gesetzt haben, um sie zu einem weniger wichtigen Versorgungstrakt zu führen, weg von den wichtigeren Gebäuden. In einer anderen Version der Geschichte fürchteten Bürgerrechtler, die bereits auf dem Gelände waren, um die drängelnden Menschen und ließen die Tore öffnen.

Der Zusammenbruch der Stasi weckte auch im Ausland Begehrlichkeiten. Im Chaos der Wendezeit kamen die sogenannten "Rosenholz"-Dateien mit Angaben zu Auslandsspitzeln auf unbekanntem Weg zum US-Geheimdienst CIA. Die Karteien enthielten Informationen zu Auslandsspitzeln. Später erhielt Deutschland sie zurück.

Stasi verliert weitere Standorte

Die Erstürmungen ihrer Gebäude besiegelten das Ende der Staatssicherheit. Die SED verlor ihre Machtstütze, zahllose Stasiopfer konnten aufatmen. Zuletzt beschäftigte "Horch und Guck", wie der Dienst im Volksmund genannt wurde, 91.000 hauptamtliche und gut doppelt so viele Inoffizielle Mitarbeiter (IM). Gerade Letztere bespitzelten gar engste Freundes- und Kollegenkreise. 

Ähnliche Szenen wie in Berlin hatten sich schon Wochen zuvor in verschiedenen Geheimdienstzentralen von Bezirks- und Kreisstädten abgespielt. In Erfurt übernahmen erstmals am 4. Dezember 1989 Bürgerrechtler eine Zentrale. Da nützte es nichts, dass der neue Geheimdienstchef, Wolfgang Schwanitz, kurz zuvor aufgerufen hatte, Gebäude stärker zu sichern. In den Volkszorn mischten sich Berichte über die Flucht des DDR-Devisenbeschaffer und Stasi-Offiziers Alexander Schalck-Golodkowski. Der Leiter der Abteilung Kommerzielle Koordinierung (KoKo) im DDR-Außenhandelsministerium war eine der Schlüsselfiguren im SED-Gefüge. So handelte er mit dem bayerischen Ministerpräsidenten Franz Josef Strauß 1983 den legendären Milliardenkredit für die DDR aus. Devisen beschaffte er unter anderem mit Antiquitäten und Waffen und versorgte die SED-Oberen mit Waren aus dem Westen.

Nach Erfurt besetzten Bürger weitere Stasi-Zentralen, etwa in Rostock oder Leipzig. Nur einen Tag später stürmten Demonstranten auch in Dresden das Geheimdienstgelände oberhalb der Elbe. Der spätere Oberbürgermeister der Stadt, Herbert Wagner, gehörte zu den Ersten, die durch das offene Tor auf das Areal gelangten. 25 Jahre später sagt Wagner: "Es war für mich im Herbst 1989 der Augenblick größter Angst." In den dunklen Fenstern des Geheimdienstgebäudes fürchtete er Gewehrläufe.  Die Stimmung war aufgeladen. Wagner berichtet von Attacken auf den Dresdner Stasichef Horst Böhm: "Er wurde beschimpft, getreten und ging in die Knie. Ich fürchtete um sein Leben", sagt er. Wagner habe sich schützend vor Böhm gestellt. Wäre diesem etwas passiert, hätte Wagner sich selbst die Schuld gegeben – er hatte schließlich zur Demo aufgerufen.