2,8 Millionen Jahre hat dieser Kieferknochen überdauert – nicht unbeschadet, doch in ausreichender Qualität, um als bisher ältestes "Homo"-Fossil in die Geschichte einzugehen. © Kaye Reed

Sanftes Grasland gespickt mit Büschen und schützendem Auwald – vor rund drei Millionen Jahren war die Afar-Senke in Äthiopien bewohnbares Land und Heimat zahlreicher Tiere. Pflanzen boten ausreichend Sicherheit, Seen und Flüsse Wasser und Nahrung. Genau hier entstand ein Lebewesen, das den Planeten für immer verändern sollte: der Mensch. Dafür liefern alte Knochenreste seit Jahren Indizien. Ein neuer Fund ergänzt nun die Beweiskette.

Der Kieferknochen datiert den Ursprung der Gattung Homo um rund 500.000 Jahre weiter in die Geschichte zurück, als bislang bekannt war. Damit lebten die ersten Menschen wohl bereits vor bis zu 2,8 Millionen Jahren (Villmoare et al., 2015). Eine zweite Studie im Magazin Science bestätigt das Alter des Funds und belegt: Die damalige Klimaveränderung beeinflusste die Evolution von Mensch und Tier maßgeblich (DiMaggio et al., 2015). Als wäre das nicht genug, legen Forscher im Magazin Nature noch eine Analyse nach: Laut ihren Untersuchungen ist Homo habilis – der bislang als einer der ursprünglichsten Vertreter der Gattung Homo galt – noch primitiver als bislang gedacht. Vermutlich entwickelte er sich vor mindestens 2,3 Millionen Jahren, die Menschheit dürfte also bedeutend früher entstanden sein (Spoor et al., 2015).

Kaum ein Wissenschaftler bezweifelt heute noch, dass Afrika die Wiege der Menschheit ist. Auch ist unbestritten, dass in der Afar-Senke die entscheidenden Schritte der Evolution von den Australopithecinen zum Homo stattgefunden haben. Und seit Knochenfunden des Forschers Louis Leakey vor rund 50 Jahren in der Region gilt Homo habilis als das frühste Mitglied der menschlichen Evolutionslinie (Leakey et al., 1964).  

Wer entstand wann wie aus wem – und wo?

Doch wann genau aus den ersten menschenartigen Wesen die erste Homo-Gattung und letztlich der moderne Mensch Homo sapiens wurde, ist unklar. Auch weil Forscher in Ostafrika bislang nur begrenzt auf Fossilien aus der Zeit von vor zwei bis drei Millionen Jahren gestoßen waren, wird diskutiert, was wann wie genau geschah, wo wer entstand und von welchen Homo-Arten sich in der Vergangenheit die Wege gekreuzt haben könnten. 

Die einzige Konstante: Wenige Knochen machen oft große Unterschiede. Ein versteinertes Fingerknöchelchen, ein partieller Kiefer, ein nahezu intakter Schädel kann die Menschheitsgeschichte entscheidend prägen.

Bedeutende Fossilfundstellen in Äthiopien

In den vergangenen Jahrzehnten sind Forscher in der Afar-Region auf zahlreiche Fossilien gestoßen. Mit ihnen wollen sie die Entstehung der Menschheit rekonstruieren.

Quelle: Villmoare et al., 2015/Faysal Bibi

Nun also LD 350-1; unter der Bezeichnung ist der neuste Fund aus der Ledi-Geraru-Region Äthiopiens erfasst. Die Analyse des Unterkiefer-Fragments mit fünf intakten Zähnen legt nahe, dass die Gattung Homo nahezu eine halbe Million Jahre älter ist, als bislang verzeichnet. Dazu passt seine Struktur. LD 350-1 vereint primitive Eigenschaften von Australopithecinenderen bekannteste Vertreterin wohl Lucy ist – mit modernen Merkmalen der Gattung Homo, wie der Frühmenschen-Forscher Brian Villmoare und sein Team in Science schreiben.

"Der Fund fügt sich in eine anerkannte Entstehungsgeschichte ein, für die es zum Teil noch keine Belege gab", sagt Faysal Bibi vom Museum für Naturkunde in Berlin. Er gehört zur zweiten Forschergruppe, hat sich intensiv mit den Lebensbedingungen in der Afar-Region der vergangenen Jahrmillionen beschäftigt und weiß: Die Pflanzen- und Tierwelt dort hat sich stetig verändert, einen bedeutenden Einschnitt aber gab es vor rund 2,8 Millionen Jahren.

Der Wandel des Klimas trieb die Evolution voran

Damals hat sich das weltweite Klima radikal verändert (DeMenocal, 2011). Erleben wir heute eine globale Erwärmung, kühlte der Planet damals merklich ab. "In Afrika hat das zur weit trockeneren Regionen geführt", sagt Bibi. Analysen der Gesteinsschichten und versteinerte Überreste von Tieren belegen etwa, dass sich die Sahara deutlich ausgebreitet habe, auch die Bewohner Äthiopiens mussten mit der Zeit mit kürzeren Regenzeiten und spärlicherer Flora zurecht kommen. "Das hat die Evolution maßgeblich beeinflusst, auch die der Menschen", erklärt der Paläoanthropologe. Der Kieferknochen gepaart mit den Gesteinsanalysen würde dies erstmals direkt beweisen.

Ein definitives Ergebnis liefere der Knochenfund aber nicht. So sei beispielsweise nicht auszuschließen, dass eine Homo-Spezies sich gleichzeitig auch anderswo in Afrika entwickelt habe oder woanders entstanden sei und anschließend die Afar-Senke besiedelt habe. "Das ist rein theoretisch eine Möglichkeit, es fehlen Funde", sagt Bibi. "Die Stücke, die wir jetzt haben, sprechen für unsere Theorie." Nun müsse man die Ergebnisse diskutieren.

Könnte es nicht auch sein, dass das entdeckte Fossil gar nicht älter als vorige Funde ist? Waren die Messmethoden zu Leakys Zeiten nicht noch ungenauer? "Die Kollegen haben nie aufgehört, mit den bekannten Funden zu arbeiten", sagt Bibi. Zum einen, weil man nahe der Grabungsstellen Neues finden wollte, zum anderen, um die bisherigen Funde so genau wie möglich in den Kontext einzuordnen und zu datieren.