1882: Eine Zeitung im Druck © Hulton Archive/Getty Images

Gelogen haben Zeitungen schon immer. Diese Unterstellung ist weder sonderlich neu noch originell. Doch während der Vorwurf heute diskutabel ist, gab es im 17. Jahrhundert berechtigte Gründe, den Wahrheitsgehalt des geschriebenen und gedruckten Wortes zu bezweifeln. Das wussten die damaligen Journalisten selbst, und scheuten sich nicht, es zuzugeben – eine Entscheidung, die bis heute Folgen hat.

So beginnt die Geschichte der gedruckten Zeitung in Europa mit einer Bitte um Nachsicht: Dass "bißweilen Errata und ungleichheiten" auftauchen, möge der "großgünstige Leser" bitte verzeihen, schrieb Johann Carolus, der Herausgeber des weltweit ersten gedruckten Zeitungsperiodikums, vor rund 400 Jahren. Der Straßburger Drucker verkaufte seit 1605 eine wöchentliche Ausgabe mit dem Titel Relation. Des Weiteren riet Carolus seinen Lesern, doch bitte "unbeschwert selbsten zu Corrigiren", wenn man eine Fehlmeldung als solche erkenne.

Derart offensive Haltung zu fehlerhafter Berichterstattung war Anfang des 17. Jahrhunderts für viele Zeitungsmacher geboten. Zum einen waren die wenigsten Nachrichten redaktionell auf ihren Wahrheitsgehalt zu überprüfen. Weder verfügten die damaligen Zeitungsverleger über eigene Korrespondenten noch bestanden Möglichkeiten zur Überprüfung der Meldungen. Zum anderen bestand dazu überhaupt keine Zeit – schon damals sollten die Nachrichten so aktuell wie möglich sein. Die Zeitungsmacher druckten also nahezu jede verfügbare sowie eingekaufte Nachricht.

Ein anfälliges System

Über Boten- und Postsysteme kauften sie Informationen ein. Die kamen zumeist als handschriftliche Nachrichtenbriefe daher, von Absendern aus europäischen Handelsknotenpunkten, die wiederum auch nur per Post oder Boten einkommende Nachrichten aus anderen Regionen halb professionell sammelten und dann weiterverkauften. Ein anfälliges System.

Es konnten kleine Truppenverbände durch einen Zahlendreher zu großen Armeen mutieren – die schwedische Armee erschien so beizeiten im Dreißigjährigen Krieg (1618–1648) "auff einige 1000 vergrössert", wie zeitgenössische Journalisten später verwundert feststellten. Osmanische Sultane trugen in europäischen Zeitungen häufig zunächst den Korrespondenzort der Nachricht als Namen, und fern gelegene Städte wurden oftmals erst richtig geschrieben, wenn sie belagert wurden und sich mediale Aufmerksamkeit auf sie richtete.

Gebunden an den Rhythmus der Post sammelten Carolus und Kollegen so lange "neue" brauchbare Nachrichten, bis ihre eigene Zeitung gefüllt war oder der Redaktionsschluss nahte. Oftmals sammelten sie bis zum Morgen des Erscheinungstages Meldungen zusammen. Wie viele seiner Kollegen war sich Carolus sicher, dass die Hauptursache von Fehlern darin liege, dass jede Zeitungsausgabe hauptsächlich "bey der Nacht vor Redaktionsschluss eylend gefertigt werden muß". Dagegen ließ sich jedoch nichts unternehmen, nur ehrlich darauf hinweisen.