ZEIT ONLINE: Sie sammeln in dem Blog gefluechtet.de Biografien von Menschen, die flüchten mussten – vor Gewalt, Krieg und Hunger. Welche hat Sie besonders berührt?

Birte Förster: Zum Beispiel die von Gerhard Samuelis. Er war Angestellter im Berliner Warenhaus Nathan Israel und floh 1937 vor den Nazis in die USA. In einem Brief an seinen ehemaligen Kollegen Karl Polley beschreibt Samuelis wie er mit allen Mitteln versuchte, Fuß zu fassen – unter anderem als Tischler, Chauffeur und Kellner – und wie er sich in der Fremde fühlt. Er schreibt, dass er keine Worte für das viele Schlechte findet, das er erlebt hat. Zugleich spricht er aber auch von unsagbar schöner Freiheit. Besonders bedrückend sind Geschichten der Menschen, deren Flucht nicht erfolgreich war. Etwa die von Samuelis Kollegen Polley. Er versuchte Ende der Dreißiger aus Deutschland zu fliehen, wurde dann aber nach Auschwitz deportiert und umgebracht. Solche Geschichten ermöglichen hoffentlich nicht nur mir, sich zumindest ein bisschen in die Lage von Flüchtlingen zu versetzen.

ZEIT ONLINE: Haben Sie derlei Perspektivwechsel in der Debatte um die Geflüchteten in Europa vermisst?

Förster: Mir fehlt, dass Politiker deutlich sagen: Flucht ist keine Spaßveranstaltung. Menschen fliehen, weil sie sich in höchster Not befinden. Menschen fliehen, um ihr Leben zu retten. In der ganzen Diskussion um Wirtschaftsflüchtlinge wird gern vergessen, dass auch Armut ein legitimer Grund zur Flucht ist. Es macht mich wütend, dass die reiche EU sich nicht darauf einigen kann, wie sie die Geflüchteten in den Ländern aufteilen will.

ZEIT ONLINE: Und wie helfen da historische Fluchtgeschichten?

Förster: Zum einen machen wir deutlich, dass Flucht kein Phänomen ist, das im Jahr 2015 wie eine Welle über uns hereinbricht, sondern dass es sie gibt, seit wir Geschichte schreiben. Es kommt immer wieder vor, an ganz unterschiedlichen Orten und trifft ganz unterschiedliche Menschen. Zum anderen wollen wir Verbindungen aufzeigen: Warum gibt es Flucht? Wir sind mit den Menschen verbunden, die zu uns kommen.

ZEIT ONLINE: Inwiefern?

Förster: Portugal, Frankreich, Belgien, Deutschland und Großbritannien waren Kolonialmächte in Afrika. Sie und andere europäische Länder haben vom Kolonialismus profitiert. Und wir profitieren heute noch immer von anderen: Wir brauchen nur auf unsere Smartphones zu schauen. Viele Rohstoffe darin stammen aus Afrika und anderen nicht-europäischen Ländern. Die Menschen, die dort leben, haben von ihrem Rohstoffreichtum häufig sehr wenig. Aus solchen und anderen wirtschaftlichen Verflechtungen erwächst große Verantwortung.

ZEIT ONLINE: Wenn es doch in der aktuellen Debatte um die Flucht nach Europa geht, warum gibt es dann auf Ihrem Blog so viele Geschichten von Menschen, die aus Deutschland geflüchtet sind – entweder vor den Nationalsozialisten oder dem DDR-Regime?

Förster: Es fehlt unserer Gesellschaft an Vorstellungsvermögen und Empathie. Ich würde mir wünschen, dass sich die Menschen dank der Berichte in die Geflüchteten einfühlen können. Auch dieses Land war eines, aus dem Menschen massenhaft geflohen sind. Wem es nicht gelungen ist, ging in den Tod. Mir scheint, dass viele kaum Verständnis dafür haben, wie es sich eigentlich anfühlt, alles zurückzulassen, sogar die engste Familie.

M.I.A., Einstein und Brecht mussten fliehen

ZEIT ONLINE: Ich habe auf dem Blog gelesen, dass die Rapperin M.I.A. vor dem Bürgerkrieg in Sri Lanka fliehen musste. Sind prominente Beispiele von Geflüchteten Ihrer Meinung nach besonders wichtig, um eine neue Diskussion anzustoßen?

Förster: Die prominenten Namen sind vielleicht ein Anreiz, sich mit dem Thema zu beschäftigen, doch die nicht so bekannten Fälle sind eigentlich wichtiger. Dass Albert Einstein oder Bertolt Brecht geflohen sind, wissen ohnehin viele. Ihre Fälle sind speziell: Bekannte Persönlichkeiten konnten im Ausland oft auf ein gutes Netzwerk zurückgreifen. Heinrich Mann zum Beispiel, der ab 1933 zunächst in Nizza später in den USA im Exil war, war sehr gut vernetzt. Seine Bücher waren bereits in anderen Sprachen veröffentlicht. Wir wollen zeigen, was Flucht für ganz normale Menschen bedeutet. Dafür sind wir weiterhin auf der Suche nach Biografien und laden die Menschen ein, uns Texte zu schicken.

ZEIT ONLINE: Sind Menschen im Verlauf der Geschichte immer wieder aus den gleichen Gründen geflohen?

Förster: Naturkatastrophen oder Lebensmittelknappheit sind seit jeher Gründe für die Flucht, das kommt bereits in der biblischen Josefsgeschichte vor. Oder aber im 19. Jahrhundert, als viele junge Irinnen und Iren vor der großen Hungersnot in die USA und nach Australien flohen. Dann gibt es religiöse, politische, rassistische und antisemitische Verfolgung. Bereits 1492 wurden zum Beispiel alle nicht taufwilligen Juden aus Spanien vertrieben. Ein weiterer Grund sind territoriale Umgestaltungen, wie die Nationalstaatsgründung von Indien und Pakistan. Damals kamen etwa eine Million Menschen auf der Flucht ums Leben. Es gibt also Grundphänomene wie Gewalt, Krieg, Hunger und Zwangsmigration, die sich wiederholen. Zugleich ist jede Situation individuell verschieden, häufig gibt es mehrere Gründe.

"Man wird das 21. Jahrhundert einmal daran messen, wie es mit Flüchtlingen umgegangen ist."
Heribert Prantl, Süddeutsche Zeitung

ZEIT ONLINE: Was raten Sie jenen, die nicht weiter debattieren, sondern Geflüchteten helfen wollen?

Förster: Auch dazu sammeln wir Links auf dem Blog. Am besten schaut man: Was kann ich in meiner Kommune tun? Wer ist dort zuständig? An wen kann ich mich wenden? Häufig kann man Geflüchtete begleiten, zum Beispiel in die Unterkünfte oder zur Registrierung. Heribert Prantl schrieb neulich in einem Kommentar: "Man wird das 21. Jahrhundert einmal daran messen, wie es mit Flüchtlingen umgegangen ist." Ich denke, wenn unsere Gesellschaft über Geflüchtete diskutiert, dann sprechen wir über uns selbst. Wie wir mit ihnen umgehen, zeigt uns, wer wir sind. Wir überlegen gerade mit Freunden, wie wir eine geflüchtete Familie in Darmstadt unterstützen können. Wir möchten ihnen ein Stück Normalität bieten, indem wir zum Beispiel mit ihnen Ausflüge machen, ihnen die Stadt zeigen, mit ihnen die Sprache lernen. Es wird aber noch eine Weile dauern bis wir das umsetzen können, wir haben gerade erst mit der Planung begonnen.

ZEIT ONLINE: Werden Sie die Geschichte der Familie auch in den Blog aufnehmen?

Förster: Wir werden oft darauf angesprochen, ob wir aktuelle Flüchtlingsgeschichten dokumentieren möchten. Dazu muss man jedoch wissen: Die Geflüchteten sind häufig traumatisiert, wenn sie zu uns kommen. Um seine Geschichte erzählen zu können, braucht man einen sicheren Ort und genau den haben Geflüchtete verloren wenn sie herkommen. Wer aber gerne auf uns zugehen möchte, ist uns sehr willkommen.