Die Bundeszentrale für politische Bildung hat zum 100. Geburtstag von Franz Josef Strauß Hinweise auf eine mögliche Agententätigkeit des späteren bayerischen Ministerpräsidenten veröffentlicht. "Neu entdeckte Akten des vormaligen Ministeriums für Staatssicherheit der DDR und des Bundesnachrichtendienstes enthalten bislang unbekannte Hinweise auf eine mögliche nachrichtendienstliche Verbindung von Strauß zu den USA", heißt es in der von dem Juristen und Universitätsdozenten Enrico Brissa verfassten Forschungsarbeit.

In den Akten werde behauptet, Strauß habe im Oktober 1944 geheime Unterlagen zur Luftverteidigung süddeutscher Städte, darunter Würzburg, an amerikanische Agenten übergeben. Strauß' Treffen mit den Kontaktmännern des amerikanischen Militärgeheimdienstes Office of Strategic Services (OSS) soll danach im Schweizer Grenzort St. Margarethen stattgefunden haben. "Wäre dies zutreffend, müssten wichtige Kapitel der deutschen Zeitgeschichte überdacht werden", schreibt Brissa. Die "herausragende politisch-historische Relevanz" werde unter anderem daran erkennbar, "dass es um die Luftverteidigung von Würzburg geht, das bekanntermaßen Ziel verheerender Luftangriffe wurde".

Die Informationen über Strauß' mögliche Agententätigkeit fand der Forscher in einem Dokument des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) der DDR aus dem Jahr 1970. "Es versteht sich von selbst, dass die MfS-Akten grundsätzlich mit größter Vorsicht zu behandeln sind", schreibt Brissa. Er fand jedoch auch in den Akten des Bundesnachrichtendienstes (BND) gleichlautende Hinweise: "Der BND war demnach in Besitz einer im Kern kongruenten Schilderung des Strauß betreffenden Spionagesachverhaltes."

Keine Beweise gefunden

Allerdings ist aus Sicht des Forschers nicht ausgeschlossen, dass sich beide Stellen auf die gleiche Quelle beziehen. Möglich wäre laut Brissa, dass sowohl das MfS als auch der BND die Informationen von dem russischen Geheimdienst KGB erhalten haben. Der Wahrheitsgehalt der Dokumente lässt sich aus seiner Sicht deshalb nicht eindeutig feststellen. Es gebe zwar "konkrete Hinweise auf eine Spionagetätigkeit", sie seien jedoch nach derzeitigem Kenntnisstand weder zu beweisen, noch zu widerlegen.

Der Präsident der Bundeszentrale, Thomas Krüger, begründete die Publikation mit der historischen Bedeutung des Politikers: "Wir haben uns nach genauer Prüfung zur Veröffentlichung entschlossen, weil dem Bild einer zeitgeschichtlich wichtigen Person hier ein völlig neuer, bisher unbekannter Aspekt hinzugefügt wird", sagte er der Welt am Sonntag. Strauß wäre am Sonntag 100 Jahre alt geworden. In Rott am Inn, wo der langjährige CSU-Chef neben seiner Ehefrau beerdigt ist, stehen für den Jahrestag Gedenkfeierlichkeiten an.